Kaum ist die olympische Flamme erloschen, lodert hierzulande zuverlässig etwas anderes: das kollektive Gemecker. Von „blamablem Abschneiden“ ist die Rede, von „Niedergang“. Ernsthaft? 26 Medaillen stehen am Ende in der Bilanz. Und das soll schlecht sein?
26 Medaillen sind kein Zufallsprodukt und auch kein Trostpreis. Sie sind das Resultat von Jahren – oft Jahrzehnten – kompromisslosen Trainings. Von Sechs-Uhr-früh-Einheiten, verpassten Geburtstagen, chronischen Schmerzen und einem Druck, den die meisten Hobby-Kommentatoren nicht einmal ansatzweise kennen. Wer von der Couch aus urteilt, sollte wenigstens den Respekt aufbringen, diese Realität anzuerkennen.
Olympia ist kein Schulsportfest. Wer es dorthin schafft, gehört zur Weltelite. Schon die Qualifikation ist brutale Auslese. In vielen Disziplinen entscheiden Hundertstelsekunden, ein einziger Fehlversuch oder ein minimaler Konzentrationsverlust über Finaleinzug oder frühes Aus. Zwischen Platz eins und Platz acht liegen oft Nuancen – aber medial wird so getan, als sei alles außer Gold ein Totalausfall. Das ist nicht nur respektlos, es ist schlicht realitätsfern.
Deutschland bewegt sich seit Jahren im Medaillenspiegel solide im erweiterten Spitzenfeld. Klar, wir dominieren nicht mehr wie zu Zeiten des Kalten Krieges – aber Überraschung: Andere Nationen haben massiv aufgeholt. Und zwar mit System.
Sportförderung: Die Faktenlage ist komplex
Wer ernsthaft über „schlechtes Abschneiden“ diskutieren will, muss über Strukturen reden. Über Geld. Und über Prioritäten:
- Der Bund stellt jährlich rund 300 Millionen Euro für den Spitzensport bereit – über das Bundesministerium des Innern und für Heimat.
- Dazu kommen Mittel der Bundesländer sowie Fördergelder über den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und seine Spitzenverbände.
- Insgesamt sind in Deutschland rund 27 Millionen Menschen in Sportvereinen organisiert – ein enormes gesellschaftliches Fundament.
Und trotzdem: Im internationalen Vergleich ist Deutschland bei der gezielten Förderung von Hochleistungssport nicht automatisch Spitzenreiter. Länder wie Großbritannien haben nach 1996 ihre Förderung radikal umgebaut – mit konsequenter Mittelbündelung auf Medaillendisziplinen. China investiert zentral gesteuert und massiv. Die USA profitieren von einem gigantischen College-System, das Talente früh professionalisiert.
Deutschland hingegen setzt traditionell stärker auf die Breite. Das ist gesellschaftlich sinnvoll – aber es bedeutet eben auch, dass Mittel nicht ausschließlich nach Medaillenlogik verteilt werden. Wer also „mehr Gold“ fordert, muss ehrlicherweise auch sagen, ob er ein stärker auf Erfolg getrimmtes, selektiveres System will. Mit allen Konsequenzen.
Zwischen 2000 und 4000 Euro bekommen Athleten monatlich, wenn man die Spitzenverdiener wie Eishockeystar Leon Draisaitl mal außen vorlässt. Die meisten von ihnen suchen finanzielle Sicherheit bei Bundeswehr, Zoll oder Bundespolizei. Skifahrerin Emma Aicher dürfte als Unteroffizierin bei der Bundeswehr etwa 2800 Euro im Monat verdienen, Rennrodlerin und Hauptfeldwebel Julia Taubitz etwa 3500 Euro monatlich.
Olympia-Medaillen sind kein Selbstläufer
Leistungssport ist in Deutschland kein sicherer Karriereweg. Viele Athletinnen und Athleten sind auf Förderprogramme der Bundeswehr, der Polizei oder der Zollverwaltung angewiesen. Duale Karriere – Studium oder Ausbildung plus Spitzensport – ist Standard. Das klingt vernünftig. Bedeutet aber auch: Doppelbelastung.
Manche Athleten wählen aber auch einen anderen Weg: Sie verdienen sich mit Werbedeals auf Social Media oder der Erotikplattform Onlyfans etwas dazu. Für Bobpilotin Lisa Buckwitz kostet eine Saison bis zu 50.000 Euro. Die Kufen ihres Bobs muss sie selbst zahlen, ein Kufensatz kostet 8000 bis 10.000 Euro. Als Feldwebel bei der Bundeswehr verdient Buckwitz etwa 3300 Euro brutto. Also, so sagt sie, muss sie sich eben etwas dazuverdienen, um sich den Sport noch leisten zu können. Auch Bob-Anschieber Georg Fleischhauer ist seit einiger Zeit auf der Plattform Onlyfans aktiv.
Gleichzeitig steigen weltweit Professionalität, Wissenschaftlichkeit und finanzielle Anreize. Trainingsbedingungen, Sportpsychologie, Datenanalyse – das alles kostet. Wer hier sparen will, darf sich über ausbleibende Podestplätze nicht wundern.
Was mich wirklich wütend macht, ist nicht die kritische Analyse. Die ist legitim, solange sie fundiert, konstruktiv und respektvoll ist. Wütend macht mich die Häme. Das reflexhafte „Früher waren wir besser“, die Ahnungslosigkeit gepaart mit maximaler Lautstärke.
Diese Athletinnen und Athleten liefern. Sie investieren ihr ganzes Leben in einen Traum, den zu verfolgen die meisten von uns nie auch nur ansatzweise riskieren würden. Sie schleudern sich mit 140 km/h kopfüber in einen Eiskanal und dann kommen selbst ernannte Experten um die Ecke und sprechen von „Versagen“, weil es „nur“ Platz vier wurde.
Ganz ehrlich: Wenn Meckern olympisch wäre, hätte Deutschland Gold – mit Weltrekord.
Ich finde, statt uns aufzuregen, sollten wir anerkennen, was 26 Medaillen bedeuten: internationale Konkurrenzfähigkeit auf höchstem Niveau. Jede einzelne steht für Disziplin, Mut und Durchhaltevermögen.
Die wahren Geschichten dieser Spiele handeln nicht von Niederlagen, sondern davon, was es heißt, alles zu wagen – selbst wenn am Ende „nur“ Platz vier steht.