Bei der Frage nach den Ratschlägen für Wunder-Teenager Kimi Antonelli im Titelkampf der Formel 1 hörte die Freundschaft bei Lewis Hamilton dann doch kurzzeitig auf. "Ich glaube, du vergisst, dass wir Konkurrenten sind", antworte der 41 Jahre alte siebenmalige Champion einem Reporter: "Er macht seine Sache bereits großartig. Ich werde ihm keine weiteren Tipps geben." Doch kaum einer scheint sich so für und mit dem gerade mal 19 Jahren alten historischen Seriensieger aus Italien zu freuen wie Hamilton.
Was nicht mal einem der größten Formel-1-Stars gelang
Auf einem Podium, das drei Generationen vereinte, trug er ihn auf der Schulter, immer wieder herzte der zweitplatzierte Hamilton Antonelli nach dessen viertem Sieg nacheinander. Eine derartige Serie nach dem ersten Triumph - bei Hamilton war es der Große Preis von Kanada 2007 gewesen - gelang vorher keinem in der Formel 1.
Einem Michael Schumacher nicht, einem Ayrton Senna nicht, auch einem Max Verstappen nicht, der als Dritter in Montréal eine kleine sportliche Wiederauferstehung im Red Bull feierte. Der 28 Jahre alte viermalige Weltmeister schaffte es in diesem Jahr erstmals aufs Podest. Auch er pflegt ein sehr freundschaftliches Verhältnis zu Antonelli und lobte: "Er macht seine Sache ganz hervorragend."
Mercedes-Zoff beim Sprintrennen
Natürlich profitierte der temperamentvolle Teenager Antonelli in einem aufregenden Rennen vom Ausfall seines Teamkollegen George Russell, der in Führung liegend mit seinem Silberpfeil stehen blieb. Der Motor streikte.
Nach dem Stallzoff im Sprintrennen bei Russells Sieg und der Pole des Briten auch für den Grand Prix ließ Antonelli in dem stressigen Rennen mit zwei Startabbrüchen aber keinen Zweifel daran, dass er gnadenlos zurückschlagen wollte. Für den Piloten aus Bologna, der vor einem Jahr in Kanada als Dritter seinen ersten Podestplatz geschafft hatte, zählt mittlerweile nur der Sieg.
"Das war nicht die Art, wie ich gewinnen wollte", funkte Antonelli zwar an die Box, nur zu gern hätte er den Zweikampf mit Russell länger als 30 Runden bis zu dessen Ausfall geführt. Er nehme den Erfolg aber gern mit. "Kimi verdiente den Sieg heute", betonte Teamchef Toto Wolff, der den jungen Italiener nach dem Weggang von Hamilton als dessen Nachfolger im Mercedes auserkoren hatte und ihn zum großen Champion machen möchte. Im Moment deutet vieles auf ein Erfolgsprojekt hin.
Hitzewallungen beim Mercedes-Teamchef
Das knallharte Duell seiner beiden Fahrer hatte aber auch den erfahrenen Österreicher ordentlich mitgenommen. "Ich hätte mir gewünscht, dass sie ein bisschen rausnehmen. Das ist aber nicht passiert", sagte Wolff: "Mir ist lange viele Runden heiß geworden."
Antonelli, der im Sprint die Fahrweise von Russell sogar als schmutzig bezeichnet hatte, und sein WM-Verfolger schenkten sich nichts. Einen Crash konnten sie verhindern, mehr als einmal rappelten sie aber übers Gras auf dem Circuit Gilles Villeneuve - die Zuschauer waren begeistert. "Es war ein episches Duell", meinte Sky-Experte und Ex-Formel-1-Pilot Ralf Schumacher: "Kimi macht das extrem abgeklärt. Er hat George wirklich immer wieder zu Fehlern getrieben."
Dass dahinter auch die beiden Superstars Hamilton und Verstappen sich ein packendes Duell lieferten, sorgte für höchsten Unterhaltungswert. Umso beeindruckender, wie Antonelli nach China, Japan und Miami auch in Kanada gewann. "Kimi liefert auch in Montréal ein Spektakel", schrieb die "Gazzetta dello Sport" aus Antonellis Heimat Italien.
Teenager mit Temperament: Wutausbrüche inklusive
Doch nicht nur da schwärmen sie vom vielleicht neuen Starfahrer der Formel 1, der mit seinem jugendlich-unschuldigen Aussehen manchmal wie Kinderlieder in Horrorfilmen wirkt: Eigentlich nett, aber im bestimmten Kontext furchterregend. "Antonelli gewinnt in "Killer"-Form in Kanada", schrieb Spaniens "Sport".
"La Tribune" aus Kanada meinte: "Rache ist ein Gericht, das man kalt serviert, heißt es. 24 Stunden, nachdem er im Sprintrennen von seinem Mercedes-Teamkollegen ausgebremst worden war, nutzte Kimi Antonelli den Ausfall von George Russell in der 30. Runde, um beim Formel-1-Grand-Prix von Kanada unangefochten zum Sieg zu fahren."
In einem Rennen mit der Vorgeschichte der Wutausbrüche am Funk von Antonelli im Sprint, den schwierigen Bedingungen mit ein bisschen Nieselregen und Temperaturen von knapp über 10 Grad, bewies er seine Klasse. In den Klassiker in den engen Straßen von Monaco in zwei Wochen wird er mit 43 Punkten Vorsprung im Klassement auf Russell starten.
"Aber das heißt nicht, dass ich mich zurücklehnen und es ruhiger angehen lassen kann", betonte Antonelli. "Stattdessen muss ich mich weiter verbessern und die Messlatte immer höher legen." Zweifel daran, dass er das schaffen kann, haben wohl nur wenige.