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Was macht eigentlich ...: ... Luci van Org?

Mit der Girlie-Hymne "Weil ich ein Mädchen bin" stürmten die Berlinerin und ihre Band Lucilectric Anfang der 90er Jahre die bundesdeutschen Charts und Kinderzimmer.

Womit beschäftigen Sie sich zurzeit?

Mit einem optisch-musikalischen, etwas krawalligen Gesamtkunstwerk: "Übermutter". Wir sind vier Frauen in Uniform und ein Mann. Der ist einerseits einer der besten Gitarristen Europas und hat zum anderen als Unheiland die messianische Erlösung der Männer durch Leiden zu erreichen.

Ach was.

Genau. Er wird auf der Bühne gequält, gepeinigt und gegeißelt. Ebenso in unserem ersten Video, da benutzen wir dafür Haushaltsgeräte.

Aber gesundheitlich geht es so weit gut?

Na ja, zumindest fühle ich mich prima. Ich habe zwar wie die meisten Menschen im Musikgeschäft eine Therapie hinter mir, aber da wurde mir immerhin bescheinigt, frei herumlaufen zu dürfen.

Größere Gefahr kann von Ihrem Projekt ja auch nicht ausgehen. Es findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Oho, das hast du jetzt aber lieb gesagt. Klar, im Radio und in den Charts kommen wir nicht vor. Aber in der Gothic- und Metal- Szene. Da haben wir sehr gute Kritiken und jede Menge Touranfragen.

Wie wird man eigentlich von der Girlie-Ikone zum Fetischmodel?

Ich bin heute endlich wieder da, wo ich eigentlich herkomme. Im zarten Alter von 13 habe ich in dieser Szene meine musikalische Initiation erlebt. Vorher war ich ein kleines, bezopftes, bebrilltes Mädchen mit minus zehn Dioptrien.

Passend zum Lucilectric-"Mädchen"-Gedudel.

Klar, es gab da eingängige, poppige Stücke. Aber sogar auf der B-Seite von "Mädchen" war ein Rockstück mit harten Gitarren und einem François-Villon-Gedicht als Text. Und auf unseren Konzerten wurde Pogo getanzt. So uncool waren wir gar nicht.

Sind die Gelder dafür inzwischen komplett auf den Kopf gehauen?

Nein. Ich habe schon mit 16 meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben. Da sieht man dann viele Leute auf- und absteigen - und wird konservativ. Leider habe ich etwas dumm geheiratet und ein teures Haus gekauft. Das hat gekostet. Ab und zu überweist die Gema noch was für "Mädchen". Auf Radio Teddy läuft das jetzt immer im Kinderprogramm. Und mein Sohn kennt das Lied von irgendwelchen Kinder-CDs.

Apropos. Müssen wir um die christliche Erziehung des unschuldigen Kindes fürchten?

Nee. Gothic heißt ja nicht, dass man Satanist ist. Es wäre auch ziemlich blöd, wenn man sich wegen seines Musikgeschmacks automatisch mit der Verliererseite zufriedengeben müsste. Der einzige Grund, warum ich mittlerweile etwas zögere, mich offensiv als Christin zu bezeichnen, ist, dass ich nicht mit Bush oder Bischof Mixa in einen Topf geworfen werden möchte.

Diese Haltung wäre auch in Kleingärtnerkreisen vertretbar.

Ja klar, ich lebe ja auch ganz normal! Das heißt: So, wie ich es normal finde. Mein Patenkind hat zwei Mütter, der Patenonkel meines Sohnes ist schwul, und ich selbst bin bisexuell. Und in der SM-Szene habe ich nette Freunde, völlig normale Menschen.

Wie den Fia-Boss Max Mosley?

Sollte der Mann tatsächlich ein Nazi sein, würde er unter Garantie nicht zu meinen Freunden zählen. Abgesehen davon finde ich es aber immer unglaublich traurig, wenn Menschen, die in ihrer Sexualität von dem abweichen, was landläufig als normal gilt, deshalb an den Pranger gestellt werden. Und solange niemandem gegen seinen Willen wehgetan wird, gehört es zum guten Ton, Privates privat sein zu lassen.

Interview: Christoph Wirtz / print
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