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WAS MACHT EIGENTLICH ...: Arne Rinnan

Der Kapitän des Frachters »Tampa« rettete Ende August über 400 afghanische Flüchtlinge von einem sinkenden Fischerboot und erreichte durch Sturheit, dass sie später an Land durften.

Der Kapitän des Frachters »Tampa« rettete Ende August über 400 afghanische Flüchtlinge von einem sinkenden Fischerboot und erreichte durch Sturheit, dass sie später an Land durften

Zur Person:

Arne Rinnan lebt mit seiner Frau im norwegischen Kongsberg. Nachdem der Frachter die Flüchtlinge vor der Weihnachtsinsel aufgenommen hatte, befahl Australien das Schiff ins offene Meer. Als der 61-jährige Rinnan sich weigerte, die Gewässer zu verlassen, kamen australische Soldaten auf das Schiff. Nach tagelangen Verhandlungen nahm schließlich der kleine Inselstaat Nauru die Flüchtlinge auf

Sind Sie in Ihrer Heimatstadt Kongsberg eine Berühmtheit?

Es grüßen mich sehr viele Leute oder kommen an mein Haus und gratulieren. Kongsberg hat 22000 Einwohner, das sind für norwegische Verhältnisse ziemlich viele. Aber meine Nachbarn fragen mich nicht weiter aus. Wir sind ein zurückhaltendes Volk hier, wissen Sie.

Wie sind Sie denn bei Ihrer Rückkehr empfangen worden?

Ich kam kurz vor Mitternacht heim, da saßen Journalisten vor meinem Haus und warteten. Meine Frau war vorher geflüchtet und nach Hamburg gefahren, um mich abzuholen. Sie hat mich nur gefragt, wie es mir geht.

Hat Ihre Heimatstadt Sie geehrt?

Ich habe von der Stadtverwaltung einen Blumenstrauß bekommen. Auf der Karte stand, dass sie stolz sind und mir gute Ferien wünschen.

Worauf sind Ihre Landsleute denn stolz?

Dass ich die Flüchtlinge aufgenommen und einen gewissen Druck ausgehalten habe.

Und worauf sind Sie selber stolz?

Stolz, stolz... Ich konnte ja nichts anderes tun. Ich habe nur getan, was ich tun musste: die Flüchtlinge aufnehmen. Außerdem sind das in meinen Augen keine Flüchtlinge gewesen, sondern Menschen in Seenot.

Sie sprechen so unaufgeregt davon, als hätten Sie öfter Flüchtlinge an Bord gehabt.

Nein, nie, noch nicht einmal einen blinden Passagier. Aber es ist einfach ein Gesetz des Meeres, Menschen in Seenot zu helfen. Das habe ich getan.

Hatten Sie während des Flüchtlingsdramas Kontakt zu Ihrer Frau?

Ja, ich habe sie fast jeden Tag vom Schiff aus angerufen und sie beruhigt. Aber sie war eigentlich sowieso die ganze Zeit sehr vernünftig. Sie hatte sich zwischendurch eine Woche von ihrem Friseursalon freigenommen und ist nach Kopenhagen gefahren, um in Ruhe gelassen zu werden. Ich habe auf dem Schiff auch viele Telegramme und E-Mails aus aller Welt von Leuten bekommen, die mich unterstützten.

Sie haben Ferien. Was machen Sie?

Ich erledige ein paar Arbeiten am und im Haus, besuche Freunde und Verwandte.

Im nächsten Jahr gehen Sie auf Ihre letzte Seereise vor der Rente. Wohin fahren Sie?

Wir laufen am 1. April in Europa aus, fahren dann an die Ostküste der USA, durch den Panamakanal nach Neuseeland und Australien, nach Singapur, wieder durch den Panamakanal und zurück nach Europa. Die Fahrt dauert viereinhalb Monate.

Dann könnten Sie ja an der Weihnachtsinsel vorbeifahren, der Insel bei Australien, wo Sie die Flüchtlinge ursprünglich absetzen wollten. Sie sind ja dort eingeladen.

Nein, dazu ist keine Zeit.

Und nach Nauru, zu der Insel, auf der jetzt die Flüchtlinge leben?

Dahin will ich nicht. Ich habe zu keinem Flüchtling mehr Kontakt und bin ja auch nicht eingeladen.

Wie soll Ihr Leben als Rentner aussehen?

Ich habe eine große Familie mit drei Kindern und fünf Enkeln, um die ich mich mehr kümmern will. Und ich reise gerne. Meine Frau und ich wollen mit dem Auto durch Europa fahren. Außerdem will ich mehr Golf spielen.

Hat das Flüchtlingsdrama Ihr Leben überhaupt nicht verändert?

Nun - ich habe ja nur Menschen in Seenot gerettet. Außerdem hat mir das norwegische Außenministerium den Orden »Royal Norwegian Order of Merit« verliehen.

Sind Sie wenigstens darauf stolz?

Ja, das bin ich.

Interview: Marc Schürmann