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Wirbel um den Griechenland-Witz: Dieter Nuhr - platt und verantwortungslos

Dieter Nuhrs Griechenland-Scherz offenbart ein grundsätzliches Problem: das des deutschen Kabaretts und seines Publikums. 

Ein Kommentar von Sylvia Margret Steinitz

Dieter Nuhr

Dieter Nuhr hat mal wieder mit einer Äußerung provoziert

Ich bin ja kein Fan dessen, was ich bisher von Dieter Nuhr gehört habe. Er ist mir für einen Kabarettisten zu platt und zu verantwortungslos. Nuhr ist einer jener Menschen, die auf der Bühne als Stammtischkönigsersatz in einer Post-Wirtshausgesellschaft fungieren und in ihren Auftritten nun regelmäßig die "Höhöhö"-Hebel im deutschen Gehirn umlegen. Von dieser Sorte gibt es einige, das Land ist groß und der Bedarf offensichtlich hoch. Möglicherweise erfüllen diese Stammtischkönigsersatzleute mit der Bedienung des "Höhöhö"-Hebels ja eine wichtige Aufgabe als Ventil für Volkes Gemütszustand. Aber als Kabarett möge man diesen rein mechanischen Akt bitte nicht bezeichnen.

Ein wahrer Kabarettist beobachtet das politische und gesellschaftliche Geschehen, filtert es erst durch sein Wissen, dann durch sein Gewissen und schließlich bringt er dazu eine Pointe auf die Bühne, die das Publikum wahlweise ertappt oder aufrüttelt – in keinem Fall aber redet er ihm in bewusster Verdrehung von Tatsachen (oder schlimmer: unter Verwendung durch Unwissen um die Hintergründe verdrehter Tatsachen) nach dem Munde.

Permanenter Mittlerfingermodus

Nach dem Munde reden. Verdrehung von Tatsachen. Das macht Dieter Nuhr ganz gerne, denn schließlich funktioniert es ja auch gut, und so twitterte er nach dem historischen "Oxi" der Griechen dies: "Meine Familie hat demokratisch abgestimmt: Der Hauskredit wird nicht zurückgezahlt. Ein Sieg des Volkswillens!"

Höhöhö.

Nun bin ich auch kein Fan dessen, was ich bisher von Herrn Tsipras und seiner Truppe gehört habe. Für mich gehören sie zu dieser neuen Generation europäischer Krawall-Linker, die im permanenten Mittelfingermodus eine Art Hashtagpolitik vorantreiben: viele Schlagworte, noch mehr Empörung, aber keine erkennbare Substanz dahinter, nicht einmal eine fundamentale Kenntnis der Marx-Engels-doch-doch-das-geht-wenn-man's-richtig-macht-Theorie, auf die sie sich berufen. Aber selbst diese Krawall-Linken sagen nicht einfach: "Hiermit haben wir beschlossen, nicht zu zahlen". Und sie fordern auch nicht: "Wenn ihr wollt, dass wir die Kredite zurückzahlen, dann gebt uns gefälligst das Geld für die Raten."

Ich weiß, dass mancher Wortführer dies behauptet, aber auch in der Politik und in den Medien gibt es sie, die ehemaligen Stammtischkönige auf neuer Bühne. Ein derart aufgescheuchtes Volk könnte nun von seinen Regierenden verlangen, "hart durchzugreifen" und womöglich tun die’s wirklich, wäre ja der Wille des Volkes, dem sie gehorchen würden. Aber zur Beruhigung der wütenden Massen getroffene Entscheidungen waren noch nie die besten.  

Erst Wissen. Dann Gewissen. Dann Pointe.

Von einem Kabarettisten erwarte ich, dass er die Politiker, die Journalisten und all die anderen Berufsgescheiten durchschaut. Dass er ein feiner Beobachter ist, der klügere Kommentator, der spitzere Formulierer. Dass er nicht nur informiert und gebildet, sondern auch klug genug ist, die Zusammenhänge zu erkennen und dass er eben keine aus Gründen der Unruhestiftung zum Zwecke der Gewinnmaximierung ersonnenen Pointen von sich gibt. Nicht umsonst galten die Stammtischkönige nicht nur als Ventil fürs Volk, sondern – besonders in Zeiten beginnender Umwälzungen – mitunter auch als verantwortungslose Brandstifter.

Erst das Wissen. Dann das Gewissen. Dann erst die Pointe.

 Leider wird so mancher Kabarettist nicht einmal verstehen, was ich meine. Und leider sagt der Umstand, dass diese Sorte Doch-nicht-Kabarett so großen Erfolg hat, mehr über das Publikum aus als über die Doch-nicht-Kabarettisten selbst. Das ist das eigentliche Problem. 

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