Design Rotlicht-Mode


Fummel oder Fummeln? Der Bordell-Bezirk von Amsterdam soll aufgewertet werden - nun kann man neben der Liebe dort auch Kleider kaufen.
Von Miriam Collée

Karina lässt eine pinkfarbene Kaugummiblase platzen und schiebt eine Hand hinter das glitzernde Stoffdreieck, das ihr als Unterhose dient. Der durchgekachelte Raum ist in violettes Neonlicht getaucht. Sie klopft gegen die Fensterscheibe. "Naaien?" Ihr Nachbar bietet Übersetzungshilfe: "Nähen. Heißt umgangssprachlich so viel wie Ficken."

Jan Taminiau, 32, wohnt erst seit ein paar Wochen in dem angrenzenden Haus im Amsterdamer Oudezijds Achterburgwal und macht dort im wahrsten Sinne nichts anderes: nähen. Der Couture-Schneider ist einer von 14 jungen niederländischen Modemachern, die sich in ehemaligen Bordellen im Rotlichtbezirk der Stadt angesiedelt haben. Wo sich im vergangenen Jahr noch halbnackte Frauen in den schmalen Koberfenstern rekelten, stehen jetzt ziemlich angezogene Schaufensterpuppen - in holländischer Designermode.

Das Projekt trägt den Namen "Redlight Fashion" und ist nur der erste Schritt einer Reinemachaktion, die die Stadtverwaltung in dem Bezirk plant. "Wir wollen das Herz der Stadt zurückerobern", sagt Lodewijk Asscher, der stellvertretende Bürgermeister Amsterdams. Die Wallen, ein 800 Jahre altes Grachtenviertel, ist mit seinen Prostituiertenvitrinen und Coffeeshops, in denen zum Kaffee Joints und Haschkekse gereicht werden, zwar eine der Hauptattraktionen für Touristen, "leider aber auch für Menschenhändler, Geldwäscher und Drogendealer", sagt Asscher.

Ein Kleid kostest so viel wie 800 Blowjobs

Um den Bezirk aufzuwerten, hat eine Wohnungsbaugesellschaft mit Unterstützung der Stadt dem Bordellkönig Charles Geerts, bekannt als "Fat Charlie", für rund 25 Millionen Euro 18 Häuser mit 51 Schaufenstern abgekauft. Darin dürfen bis Ende des Jahres Modedesigner und Modefotografen mietfrei wohnen und arbeiten.

Jan Taminiau findet das Ganze nicht außergewöhnlich: "Die Mädchen verkaufen ihren Körper, und wir verpacken ihn." Bis zu 60.000 Euro kosten seine Couture- Kleider, die in grellem weißem Licht im Fenster stehen. Dafür muss seine Nachbarin mindestens 800 Blowjobs verrichten. Ob sich tatsächlich eine seiner Kundinnen in die Wallen verirrt, ist noch unklar. Sicherheitshalber hat der Designer sein Atelier bei Eindhoven behalten.

Schuhdesignerin Roswitha van Rijn würde am liebsten für immer hierbleiben. "So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben." Die 34-Jährige stellt ihre handgenähten Highheels und Stiefel in sogenannter Sandwich-Position aus. Rechts und links gerahmt von je einer wasserstoffblonden Rumänin im Fenster. "Die Stammmieterinnen kenne ich inzwischen. Die lieben meine Schuhe und sind extrem freundlich." Probleme bereitete Roswitha anfangs lediglich die Tatsache, dass sie selbst eine Frau ist. "Die Kerle, die ins Schaufenster glotzten und mich dahinter an der Nähmaschine sahen, sagten: Super, eine Nutte, die auch Schuhe macht." Inzwischen hat ihr die Stadt einen zusätzlichen Arbeitsraum in einer Seitenstraße bereitgestellt.

Wie Giulianis Null-Toleranz-Strategie

Wenn es nach dem Vizebürgermeister Asscher geht, der sein Aufräumprojekt gern mit Rudolph Giulianis Null-Toleranz-Strategie im New York der 90er Jahre vergleicht, sollen nicht nur Modeboutiquen, sondern auch Kunstgalerien, Cafés und Buchläden in die Wallen ziehen.

Mehr als 50 der rund 400 Rotlichtfenster wurden bereits im vergangenen Jahr geschlossen. Schätzungsweise 100 Frauen hätten dadurch ihren relativ sicheren und vor allem zuhälterfreien Arbeitsplatz verloren, klagen die Bordellbetreiber. Aus Wut gegen die Stadtväter haben sich 80 anliegende Geschäftsleute zu dem Protestverein "Platform 1012" zusammengeschlossen, benannt nach der Postleitzahl des Bezirks. Die Stimmung brodelt. In jedem zweiten Fenster hängt ein Schild "Hände weg von den Wallen!"

Was Wim Boef, der Sprecher der Platform 1012, möchte, ist schnell gesagt: "Wir wollen die Mädels sehen!" Die Designer seien hier nun mal am falschen Ort. "Wer hier soll denn den Fummel kaufen?" Eine Gruppe britischer Touristen, die gerade in Bestlaune aus der Bananabar torkelt, in der sich Frauen mit Genitalakrobatik im Bananenweitschießen üben, bleibt irritiert vor einem Schaufenster mit Designerhandtaschen des Labels Ignoor stehen. "Jungs, wir haben uns verlaufen", sagt einer von ihnen, "hier ist der Frauenpuff."

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