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Fashion Week Berlin Öko-à-porter


Öko heißt der Trend der Berliner Modewoche. Designer zeigen, wie schick umweltfreundliche Outfits sind. Auf was muss man beim Kauf von "grünen" Klamotten achten, wo gibt es die hippsten Stücke?
Von Kirsten Brodde

Berlin trägt Grün

Grün ist angesagt: Ob auf der Bread&Butter, der Premium oder bei der Showroom-Meile - überall werden bei der Berliner Fashion Week herausragende Ökokollektionen gezeigt. Es gibt einen Eco-Catwalk am Prenzlauer Berg und mit "TheKey.to" sogar eine eigene Messe für die grüne Avantgarde. Dort berichten Gründer von Ökolabels beispielsweise, wie man eine blaue Jeans auf Grün trimmt. Seit 2001 ist die Produktion von Biobaumwolle weltweit von null auf 146.000 Tonnen angestiegen. Wie bei Lebensmitteln auch, sind ohne chemische Zusätze gefertigte Textilien gesünder zu tragen, der Anbau ist verträglicher. Doch wo bekommt man als Verbraucher "grüne" Kleider, auf was muss man beim Kauf achten, welche Stoffe werden verwendet? Unsere Expertin Kirsten Brodde gibt Antworten auf diese Fragen. In ihrem Blog "Saubere Sachen" auf stern.de können Sie ihr Fragen stellen oder diskutieren.

Was bezeichnet man als Ökomode?

Im besten Falle ist Ökomode weder durch ein Bad von Chemikalien gezogen noch von Näherinnen zu Hungerlöhnen gefertigt. Tatsächlich gibt es in der Branche eher einen Bio- als einen Ethikboom. Gerade die Großen der Branche wie H&M und C&A, die einen Teil ihrer Kollektionen begrünt haben und auf umweltfreundliche Materialien setzen, bezahlen nicht automatisch auch faire Löhne. Momentan müssen sich die Kunden meist entscheiden, was ihnen mehr am Herzen liegt: das Wohl der Umwelt oder das Los der Ärmsten der Armen auf den Feldern oder in den Textilfabriken. Doch gerade junge Designer, die mit viel Herzblut eingestiegen sind, treiben die Entwicklungen in der Modebranche voran und setzen so Lagerfeld & Co. moralisch und umweltpolitisch unter Zugzwang. Dass man mit Ökomode 2.0 nicht schick aussehen kann, ist übrigens ein Ammenmärchen. Rein äußerlich unterscheidet sich diese Mode nicht mehr von herkömmlichen Kleidungsstücken.

Welche Stoffe werden verwendet?

Das Gros der grünen Mode ist aus Biobaumwolle, die auf giftfreien Äckern wurzelt. Andere Pflanzenfasern wie Hanf oder Leinen (aus Flachs) fristen eher ein Nischendasein. Wolle, Kaschmir (von Ziegen), Alpaka (Kamelhaare) oder Seide (Raupen) fallen auch bei Ökomode mengenmäßig kaum ins Gewicht. Etwas mehr Vielfalt tut hier noch Not. Manche Firmen experimentieren mit Zellulosefasern wie Tencel aus Eukalyptusholz, oft gemischt mit synthetischen Stoffen. Prinzipiell lassen sich auch Kunstfasern sauber verarbeiten. Ihr Manko bleibt, dass sie aus dem nicht erneuerbaren Rohstoff Erdöl bestehen. Im Trend liegt deshalb Recycling. So werden etwa gebrauchte Plastikflaschen gesammelt, chemisch aufgetrennt und zu hochwertiger, neuer Kleidung verarbeitet. Vor allem Hersteller von Sport- und Outdoormode setzen auf Recycling, um ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren. Wahrlich progressiv wäre es, nicht Trinkflaschen, sondern abgetragene und zurückgebrachte Kleidung zu recyclen. Denn das umweltfreundlichste Material ist das, was schon da ist.

Wie teuer ist ökologisch korrekt hergestellte Mode?

Grüne Mode ist keine Schnäppchenware, aber auch nicht teurer als Markenklamotten. Eine trendige biologisch und fair hergestellte Jeans kostet nicht mehr als ein Designerstück. Textilgroßkonzerne bieten inzwischen Biomode zu Einstiegspreisen an, T-Shirts gibt es schon ab 20 Euro. Bei diesen Produkten ist die Ware zwar nicht ganz ohne Chemie, aber immerhin stammt die Faser aus einem Anbau, bei dem keine Schadstoffe verwendet werden. Gerade in der Krise erlebt Ökomode einen Boom. Denn immer mehr Kunden achten auf Qualität, und da spielen auch ethische und ökologische Faktoren eine Rolle. Ob die Ware hält, was sie verspricht, testete jüngst Ökotest. Alle untersuchten Shirts schnitten mit "gut" ab, einzig optische Aufheller im Etikett sorgten für Abstriche.

Wo bekommt man Ökomode?

"Grüne" Kleider haben ihren Platz in den Einkaufsstraßen der Metropolen erobert. Die großen Läden verfügen meist nur über eine geringe Auswahl. Doch schießen derzeit Läden, die eine gänzlich grüne Philosophie verfolgen, wie Pilze aus dem Boden. Solche Konzeptläden sind Glore in München und Nürnberg, Fein in Hamburg, Wertvoll oder GrünWest in Berlin oder Zündstoff in Freiburg. Die meisten Kleidungsstücke werden über das Internet verkauft. Die Webseiten von Modelabels wie den Kölner Armedangels oder Slowmo aus Berlin sind Shop, Community, Blog und Info-Börse zugleich. Im Kommen sind Internet-Kaufhäuser wie Fairix aus Deutschland oder die Schweizer Faircostumer, wo es per Mausklick nicht nur "grüne" Mode, sondern auch andere gute und langlebige Produkte zu kaufen gibt. Auch die Großen ziehen mit: Versandhändler Otto bietet im Internet mit "Ecorepublic" auch ein Sortiment für Modefans an. Das Angebot wächst täglich.

Gibt es auch Männermode in Ökoqualität?

Nach wie vor ist die Auswahl bei der Männermode nicht gerade üppig. Aber das, was angeboten wird, hat Qualität. Es gibt Anzüge und edle Hemden, von alten Hasen der Branche wie Hess Natur genauso wie von Nachwuchslabels wie SoPure. Noch dominieren allerdings alltagstaugliche Sachen wie Jeans, Shirts und Sweater. Hess Natur schreibt deshalb 2010 einen Preis für ökologische Männermode aus. Eine Rarität bleiben auch Schuhe. Wer nicht in Turnschuhen rumlaufen will, muss lange suchen. Die Lösung sehen viele Designer in einem androgyneren Kleidungsstil - sprich Mode, die gleichermaßen für Männer und Frauen tragbar ist.

Auf was muss man beim Kauf achten?

Ein gesetzlich geschütztes Zertifikat für sauber und sozialverträglich hergestellte Mode gibt es bislang noch nicht. Der Gesetzgeber blieb, anders als bei Biolebensmitteln, bisher tatenlos. Deswegen entwickeln Hersteller, Naturtextilverbände, aber auch Nichtregierungsorganisationen eigene - und durchaus verlässliche - Standards und eine Flut von Siegeln. So garantiert das weitverbreitete Ökotex-100-Siegel zwar, dass das Endprodukt keine Schadstoffe enthält, sagt aber nichts über die Herstellungsbedingungen. Das Fairtrade-Siegel für Baumwolle schützt in erster Linie die Baumwollproduzenten und ihre Familien, bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass die Baumwolle biologisch angebaut ist. Nötig ist ein Siegel, das verbindlich gilt, und, wie das jüngst entwickelte "Global Organic Textile Standard (GOTS)"-Siegel, auch Umweltfaktoren und soziale Bedingungen berücksichtigt. GOTS wurde vom deutschen Verband der Naturtextilwirtschaft gemeinsam mit entsprechenden englischen, amerikanischen und japanischen Verbänden entwickelt.


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