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Jil-Sander-Show: Das weinende Model auf dem Laufsteg

Zum ersten Mal hat ein Model in Mailand auf dem Laufsteg geweint, über das nun alle rätseln: Was war los mit Auguste Tomasuite während der Jil-Sander-Show? Ein neuer Make-Up-Trend, Ärger mit dem Freund oder einfach nur Hunger?

Von Viola Keeve

Es war eine furiose Schau für Designer Raf Simons. Am Freitag zeigte er in Mailand sein ganzes Können für den Herbst, elfenbeinfarbene Kaschmirmäntel ohne Kragen, so schlicht, wie Jil Sander sie in den Achtzigern selbst hätte entwerfen können, aber auch gewagte, vasenartige Kleider. "High Fashion für Selbstbewusste" stand im Pressetext. Und dann kam sie: das traurigste Geschöpf der Tages, die junge Litauerin Auguste Tomasuite. Und weinte. Stoisch, mit versteinerter Miene schritt sie über den Laufsteg. Zwei Flüsse von Tränen liefen ununterbrochen über ihr blasses Make-up. Die Fotos des bis dahin kaum bekannten osteuropäischen Models gingen sofort um die Welt.

War es ein PR-Trick von Auguste Tomasuite (oder Abeliunaite, je nachdem, wie litauisch ihre Modelagentur Woman's Management sie klingen lassen will) oder ihrer Agentur? Dann hat er gut funktioniert. Der Blog der "New York Times" namens "The Moment", der über Twitter vom weinenden Model von Mailand berichtete, vermutete zuerst: "War es eine Schmink-Allergie oder diese orangefarbenen Keilsandalen?" Vielleicht nur zu kleine, hohe Schuhe? Für andere eine viel zu profane Erklärung für den ungewöhnlichen Auftritt. Sie rätselten: War es Heimweh, Ärger mit dem Freund, die Begeisterung für Simons neue Herbstkollektion oder einfach nur Hunger? Keiner weiß es. Schon so manches ist bei den Schauen passiert: Stürze, blanke Brüste, aber Tränen? Das ist neu.

Offiziell gibt es sie natürlich in der Mode nicht. Jil-Sander-Sprecher Pierre Rougier dementierte sofort das Offensichtliche: "Kein Model hat auf dem Laufsteg geweint", sagte er dem "Wall Street Journal". Selbst auf zugeschickten Fotos und Videos könne er nichts erkennen, sagte er. Das Journal hatte in seinem Fashion-Blog "Heard on the runway" selbstkritisch zugegeben, zunächst einen bizarren neuen Make-Up-Trend erkannt haben zu wollen: Tränen auf porzellanfarbenen Teint zum braunen Wollensemble und Highheels in Neon-Orange - ein Indiz für den eigenen verschrobenen Blick der Modeindustrie, so etwas überhaupt zu denken.

Zu jung oder politisches Statement?

Auguste Tomasuite, 178 cm groß, mit den Maßen 84-59-87, braune Haare, blaue Augen, wurde von Donna Models in Japan entdeckt, ist inzwischen bei Woman's Management in Mailand unter Vertrag und dort nicht nur für Jil Sander, sondern auch für Burberry und Pringle's of Scotland gelaufen. Über ihr Alter wird im Netz nun ebenfalls diskutiert: Ein Blogger schreibt , Auguste sei erst 14 Jahre alt. Und fragt vorwurfsvoll: "Es sind doch fast Kinder, oder?"

Andere Blogger erkannten in den Tränen von Mailand eher ein politisches Statement, eine Sympathiebekundung für die entlassenen Schneiderinnen des Hamburger Atelier von Jil Sander. "Wein nur Mädchen", schreibt ein weiterer Online-Kommentator, "um weniger Buchungen, die strauchelnde Modeindustrie, die entgangenen Gagen, willkommen im Jahr 2009!"

Tränen als Symbol der Krise?

Auch Bloggerin "Opera Chic" sah in Auguste Tomasuite das ikonenhafte Mädchen der Rezession. Sie stehe nun wie keine andere für den Umgang mit der Krise: "Du behältst das Kinn oben und läufst weiter, den Laufsteg herunter." Mit Photoshop stellte sie ein vogue-ähnliches Cover mit Auguste Tomasuite online und erklärte: "Sie weinte wegen unserer Sünden."

Stilisiert oder verteufelt, auch in der Modelszene ist das Internet übermächtig. Jeder darf mitreden, und nicht einmal sicher ist, ob der Blogeintrag vom 2. März 2009 von "Auguste" auf der Internetseite des Wallstreet Journals wirklich von Auguste Tomasuite stammt. Jedenfalls steht dort: "Es waren nicht die zu kleinen Schuhe oder meine emotionalen Probleme!!! Das Licht war einfach sehr stark, und die Kameras blitzten die ganze Zeit. Meine Augen sind sehr empfindlich. Deshalb habe ich geweint."