Mittelalter Ein Spiel aus dunkler Zeit

In einem stillgelegten Kraftwerk ließ der Fotograf Eugenio Recuenco das Mittelalter neu aufleben. Sein Personal: Königstöchter, Knappen und Ritter, gekleidet in Rüschen und Rüstung. Ein Modedramolett in 19 Bildern - begleitet von Zeilen aus "Tristan und Isolde" von Richard Wagner.
Von Anne Urbauer

Sagt man Burberry, denkt man: Karos. Dabei zeigt das erste Logo von Burberry aus dem Jahr 1901 einen angriffslustigen Ritter mit Speer und Banner, darauf das lateinische Motto "Prorsum", vorwärts. Christopher Bailey, Creative Director bei Burberry, ist ein Meister darin, einige wenige Erkennungsmerkmale der Marke zu nehmen und daraus etwas Ungesehenes zuzubereiten, das neu und gleichzeitig vertraut erscheint. Das Motto in den nächsten Monaten heißt: Vorwärts ins Mittelalter.

Der Knappen-Look geht so: Zu schenkelkurzen Tuniken trägt man hohe Stiefel, die an die gewickelten Beinlinge aus dem Mittelalter erinnern, dazu lange Handschuhe. Die Plateauschuhe, auf denen die Models balancieren, erinnern ohnehin an die Trippen, jene Holzkeile, die gut gewandete Holde vor einem Jahrtausend unter ihre wendegenähten Schnabelschuhe schnallten, um trockenen Fußes durch den Morast der Städte zu "trippeln". Wenn ein einflussreicher Designer wie Bailey einen Tristan-und-Isolde-Look kreiert, wollen auch andere nicht im Hier und Heute zurückbleiben: Dolce & Gabbana und Versace schmiedeten Edelmetall-Harnische für die eiligen Johannas der Gegenwart, und die goldenen Roben aus dem Hause Roberto Cavalli könnten den modernen Schwestern von Guinevere gefallen, jener Waliserin, die König Artus heiratete, ohne deshalb ihren Liebhaber, den Ritter Lancelot, aufzugeben. So finster kann es nicht gewesen sein, damals. Was Ritter, Burgfräulein und Knappen am Leib trugen, wird also beeinflussen, was wir kommenden Herbst und Winter tragen. Einmal mehr beweist sich: Mode ist der Blutdruckmesser der Gesellschaft, sie zeigt an, was das Publikum gerade erregt.

Die Szene kreiert ihren eigenen Style

Wir Postmodernen nämlich blicken mit einer seltsamen Ambivalenz auf das Mittelalter. Die Jahrhunderte zwischen dem Ende der Völkerwanderung und der Entdeckung Amerikas dienen gern als Horrorszenario, die Leitartikler routinemäßig bemühen, wenn sie fürchten, der Iran, die Islamisten, die Russen oder auch mal die Amerikaner hegten die Absicht, "die" oder "uns" ins "Mittelalter zurückzubomben". Andererseits hat sich um die Inszenierungen von Historie eine gut organisierte Subkultur entwickelt, die auch in Deutschland "Reenactment" (Nachspielen) heißt. Sie liest das Fanzine "Pax et Gaudium", klickt sich durch mittelalter.de und verabredet sich auf Festivals wie den Kaltenberger Ritterspielen, der Welt größtem Ritterturnier. Luitpold Prinz von Bayern begrüßte auf seinem Stammsitz Kaltenberg bei München in diesem Jahr an vier statt bisher drei Wochenenden Turnierbesucher. Im Spätherbst geht der Ritter-Sport erstmals auf Tour, nach Berlin, Oberhausen und Stuttgart. "Die Leute interessieren sich dabei weniger für die Helden, sondern für das Alltägliche - wie die Menschen früher gelebt haben, was sie angezogen haben", sagt Prinz Luitpold. Das haben sie mit den Designern gemein. Die Szene kreiert ihren eigenen Style. Schuhe und Stiefel, die bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden, werden penibel nachgearbeitet. Vielleicht hat ja der camelfarbene und ochsenblutrot paspelierte "Haithabu"-Stiefel das Zeug, zum nächsten Sommerstiefel-Phänomen zu werden und damit endlich den unförmigen "Ugg-Boot" aus Australien abzulösen. Fehlt nur noch, dass im nächsten Jahr auf Platz eins der beliebtesten Taufnamen für Babys Kunigunde und Parzifal liegen.

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