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Mode: Grüße aus Bollywood

Früher waren in Indien bunte Fotokompositionen Ausdruck der Sehnsucht nach einem besseren Leben - heute arbeitet die dortige Filmindustrie damit. Für die stern-Inszenierung der aktuellen Frühjahrsmode im Indien-Style stellte Fotograf Miroe in Bombay alte Kitschkulissen nach.

Wir suchen: ein rotes Plastiktelefon, eine Hollywoodschaukel, einen Fernsehapparat aus der Ära Schwarzweiß. Also brauchen wir Mr. Singh. Der wuchs zwar im verkehrsarmen Himalaya auf, steuert uns aber zielsicher und gelassen durch die immer währende Rush-Hour und die schwül-warmen Abgaswolken Bombays. Für zehn Kilometer braucht er zwei Stunden, aber was wir suchen, finden wir nun mal nur im Requisitenfundus eines der Bollywood-Studios der Millionenstadt. Wofür zum Teufel brauchen wir all diese Sachen? Nun, um Fotos aufzunehmen, die auf die Tradition der indischen Porträtfotografie zurückgreifen. Deren goldenes Zeitalter währte bis in die 70er Jahre: Bis dahin fuhren Fotografen mit ihrem klapprigen Wägelchen von Dorf zu Dorf, damit die Landbewohner Gelegenheit bekamen, von sich und der Familie ein schönes Foto fürs Album machen zu lassen. Schönes Foto, das hieß für sie: Nichts sollte an ihre ärmliche Umgebung erinnern. Also stellten sie sich vor bunten Fantasiekulissen in Pose, vor einem Schweizer Bergpanorama etwa oder einer naiv stilisierten Moschee. Dazu rüsteten sie sich mit jenen Gebrauchsgegenständen aus, die der Fotograf mitgebracht hatte und die ihrer Vorstellung von Reichtum, Luxus und städtischer Welt entsprachen: ein Fernseher eben, ein Telefon, manchmal auch ein Mofa.

Längst haben auch im indischen Dorfleben Digitalkameras und Handys Einzug gehalten, und mittlerweile sind die Wanderfotografen und ihr lukrativer Geschäftszweig ausgestorben. Nicht einmal die farbenfrohen Papphintergründe von damals sind noch aufzufinden. Sie werden heute von Kunststudenten aus Bombay nach Originalvorlagen aus einem Fotoband neu gemalt und an die unzähligen Fotostudios in Bombay geliefert.

Zielsicher und gelassen, zehn Kilometer in zwei Stunden, steuert uns Mr. Singh zu einem von ihnen. Es liegt, wie alle anderen auch, in einem Hinterhof und ähnelt einem Reihenhauswohnzimmer, nicht der in Deutschland üblichen Loft-Etage. In einem Land, in dem ein Schuhputzer zwölf Euro pro Monat verdient, ist jeder Nebenverdienst willkommen. Also gehört auch in unserem Fotostudio zu jedem Job mindestens noch ein weiterer Assistentenjob, und zu jeder Zeit treten sich 20 Leute gegenseitig auf die Füße. Der eine Helfer ist nur für das Öffnen des Wagenschlags zuständig, der andere serviert dem Fotografen Miroe seinen Kaffee, einer bügelt die Kleider, zwei weitere machen sich nützlich als Ankleider für die Models, keine Dorfjugend übrigens, sondern gebucht über die Bombayer Dependance der internationalen Model-Agentur Elite.

Und alle zusammen haben sich das mit den Fotoaufnahmen irgendwie anders vorgestellt. Natürlich sind sie zu höflich, um laut zu schimpfen. Also tuscheln sie leise: Da kommen die extra aus Deutschland an, mit drei Schrankkoffern voller Designerklamotten, und statt das mal so richtig a là "Wallpaper" und Avantgarde zu inszenieren, müssen wir hier vor Bergseen rumschaukeln! Sind die Deutschen am Durchdrehen, oder waren die schon immer so?

Vielleicht. Ganz sicher aber sind sie in dieser Saison total verrückt auf alles, was aus Indien kommt: auf Bollywood-Schmachtfetzen und "Buddha Bar" Musiksampler, auf Bauchtanz, Yoga und Ayurveda, auf all die Saris, Seidenkleider, Perlen und Pailletten in den Frühjahrs- und Sommerkollektionen von Etro bis Hennes & Mauritz. Und wer weiß: Vielleicht ist es ja auch bei uns bald an der Zeit für die Wiederentdeckung einer ganz speziellen Form der deutschen Porträtfotografie: der Pixi-Fotos, besonders beliebt in den 60er und 70er Jahren und ästhetisch durchaus verwandt mit der indischen Variante. Fein herausgeputzte Kinder mit ordentlichem Scheitel und Plüschteddy in der Hand, mit Matchboxauto - oder mit rotem Telefon.

Christine Mortag / print
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