Nie wieder... ...Bart-Mode


Sie sind wieder um aller Munde: Ob als Spitz-, Ziegen-, Musketier- oder Backen-Variante - beim Bart-Styling offenbaren Männer, dass sie auch nur Mädchen sind.

Es ist natürlich nur eine Theorie, aber wir denken uns das so: Während einer besonders öden Teambesprechung hat sich der Fußball-Profi Kevin Kuranyi derart gelangweilt, dass er anfing, mit einem schwarzen Edding in seinem Gesicht rumzumalen. Dann kam ein Fotograf von "Sport-Bild" mit Teleobjektiv des Weges, und der Rest ist Geschichte. Ab da hatte der Mann einen Look, ein Image und eine neue Freizeitbeschäftigung: nämlich jeden verdammten Morgen mit einem Augenbrauenrasierer (Kuranyi: "Der ist eigentlich für Frauen, aber das macht mir nichts") in Filigranarbeit das freizufräsen, was die Mädchen auf Schalke den "Adidas-Bart" nennen - drei Streifen am Kinn, flankiert von kajalstiftdünnen Koteletten.

Seitdem stehen alle Schleusen offen: Fußballer, DJs, Moderatoren, Basketballspieler, Rapper, Fernsehköche und andere verhaltensauffällige Menschen tragen wieder Bart: Spitzbärte, Ziegenbärte, Musketierbärte, Henriquatres; Elvis-Koteletten, die in "Krieg und Frieden"-Backenbärte ausufern; Vollbärte, die zu kleinen Zöpfchen geflochten und zu ochsennasenringfetten Ohrringen kombiniert werden; Kinnbart-landing-strips, die sonst nur von "Playboy"-Models an ganz anderer Stelle getragen werden. Und natürlich die klassische Klobrille rund um den Mund - allabendlich an Moderator Stefan Raab zu bestaunen.

Glam des Neo-Barts

Für einen kurzen, schrecklichen Moment war sogar der Schnäuzer wieder über aller Munde, natürlich total ironisch gemeint, so Freddy Mercury/"Magnum"/mittlerer-Dienst-mäßig. Und selbst der gezwirbelte Kaiser-Wilhelm-Bart hat es nach dem Abgang von Hobby-Onkel Jean Pütz zurück auf den Bildschirm geschafft, als besonderes Kennzeichen von Sat-1-Anwalt Ingo Lenßen. Es ist übrigens bemerkenswert, dass dem originellen Bart eine leicht kriminelle Aura anhaftet: Er ist erstaunlich oft auf Phantombildern von Schutzgelderpressern und U-Bahn-Schubsern zu finden. Aber das nur am Rande.

Weil Gesichtsbehaarung so irre individuell und unheimlich unkonventionell wirkt, profitiert selbst ein rechtschaffen langweiliger Mensch wie SPD-Chef Matthias Platzeck vom Glam des Neo-Bartes. Nach seiner Wahl musste er allen Ernstes Interviews zu seinen unentschlossenen Bartstoppeln geben (über der Lippe geschätzte zehn Tage alt, auf den Backen eher fünf) und wurde gefeiert für seinen kühnen Eigensinn: "Bei meinem Aussehen bleibt alles, wie es ist. Der Bart spart Zeit, ich muss mich nicht jeden Tag rasieren."

Der Bart als als letztes Aufbäumen des Y-Chromosoms

Das ist natürlich eine glatte Lüge, wie jeder "Ich bin so busy, dass ich gar nicht mehr zum Rasieren komme"-Werber weiß. Damit ein Dreitagebart ein Dreitagebart bleibt, muss er jeden Tag mit Hilfe eines Rasierapparataufsatzes gestutzt werden. Und wer die Bastelanleitungen im Internet studiert ("erst mit der Konturenmaschine vorschneiden, dann mit Nassrasierer sauber ausarbeiten, Ziegenbärte am besten mit Augenbrauenfarbe schwarz färben"), ahnt, wie viel Blut, Schweiß und Tränen täglich in die Pflege der Wolle fließen.

Und wozu die Pein? Die Studie der Hamburger Soziologin Christina Wietig legt nah: als letztes Aufbäumen des Y-Chromosoms. Bartträger erhoffen sich demnach dank ihrer Flusen dominanter und potenter zu wirken. Fast ein Drittel wäre bereit, sich für einen schöneren Bart die Gene manipulieren zu lassen, 13 Prozent würden nach einem Unfall Barthaar transplantieren lassen, zehn Prozent färben und parfümieren ihren Schatz!

Färben? Parfümieren? Schönheits-OPs? Nirgendwo wirken Männer so weiblich wie bei ihren Bärten.

Meike Winnemuth print

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