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Pariser Prêt-á-Porter: "Ein bisschen grausam, ein bisschen SM"

Die Provokateure geben den Ton an: Sowohl Mode-Punkerin Vivienne Westwood als auch Rebell Jean Paul Gaultier verstanden es wieder einmal, das Publikum der Pariser Prêt-á-Porter-Schauen zu schocken.

Die ältere Lady mit den hochfliegenden grellroten Locken schlittert auf ihren Absätzen wie eine linkische Eisläuferin. Am Eingang zu den Sälen der Pariser Modenschauen holt die Atemlose ein Paar noch höherer Pumps aus ihrer Handtasche. Die Gehetzte ist Vivienne Westwood auf dem Weg zu ihrer eigenen Schau, und wenig später wird sie auf dem Laufsteg hüftkreisend tanzen. Westwood war einer der ersten großen Namen der Pariser Prêt-á-Porter- Woche der Damenmode für Herbst/Winter 2005/6. Die einstige "Mutter der Punk-Mode" ist auch mit 64 Jahren noch für Überraschungen gut.

Auf dem Laufsteg waren erstmals Teile aus ihrer Schmucklinie zu sehen, die am selben Abend in Paris vorgestellt wurde. Die klimpernden Silberketten der Models ähnelten Luxus-Hundeleinen, und in der Tat bekundete die britische Designerin, die Komposition ihrer "Hardcore Diamonds" sei ein "bisschen grausam, ein bisschen SM". Sado-Maso-Lederanzüge hatte Westwood zu Beginn ihrer Karriere in den 70er Jahren verkauft. An ihre rebellischen Anfänge erinnerte die "Propaganda" getaufte Kollektion. Die Entwürfe nahmen Elemente subversiver Kunstbewegungen der 20er Jahre auf, etwa das Prinzip der Collage. Schlichte Oberteile trugen riesige gedruckte Aufschriften mit Anarcho-Botschaften und wurden zu langen rotbraunen Umhängen oder Wickelröcken getragen. Daneben gab es auch Pariser Eleganz mit fließenden Strickentwürfen und schwingenden Röcken. Kombiniert werden dazu Schwindel erregend hohe schwarze Lackstiefel.

Auch Jean Paul Gaultier gilt als Provokateur, doch würzt er seine aus Versatzstücken zusammengesetzte Mode mit Ironie. Die Models trugen Punkfrisuren und hautenge Leggings aus Leder oder silbernem Paillettenstoff. Doch daneben zogen perfekt geschnittene Blazermäntel in Salz-und-Pfeffer-Muster vorbei, braune Kostümjacken mit asymmetrischem Saum und sexy Samtkleider in Schwarz. Details wie Manschetten aus Zobel oder Kardinalskrägen (zum schwarzen Persianer-Mantel) zogen die Blicke auf sich. Auffallendstes Stück der Kollektion: Ein Rock aus Affenfell. Sollte es echt gewesen sein, werden Tierschützer schäumen.

Issey Miyakes Designer Naoki Takizawa

ist eher ein leiser Vertreter. Seine Schau war sanft in Szene gesetzten Kontrasten gewidmet. Auf den Anzug aus cremefarbenem Segeltuch mit sportiven Elementen folgte sein Pendant in Schwarz. Erschien eine zarte schwarze Chiffonbluse mit wehendem Volant, kam gleich darauf ihr "Gegenspieler" in hellem Beige heraus. Fließende Cape-Jacken, Zipfelröcke und mit vielen Knöpfen oder Perlenschnüren besetzte Mäntel und Anzüge waren Schlüsselelemente dieser Kollektion.

Von Charlie Chaplin über Punk bis zu Ballerinen und englischem Tweed reichten die Inspirationen bei Marithé und François Girbaud: Heraus kam ein kunstvolles Spiel mit der Silhouette, ein koketter Mix aus gebauschten Röcken, taillierten Schößchenjacken und etwas Wäschelook.

Karl Lagerfeld

hat seine Linie "Lagerfeld Gallery" an Tommy Hilfiger verkauft, und der Deal hat der Marke gut getan. Offenkundig arbeitet der Wahlpariser am besten in fremden Diensten, wie er seit Jahren bei Chanel und Fendi beweist. Seine Kundin wäre im derzeit bitterkalten Paris gut bedient mit den schönen schwarzen Mänteln in A-Linie mit Persianerbesatz (als Manschette und hoher Kragen), den rustikal anmutenden Lammfelljacken, den Offiziers-Ensembles und Fellhüten. Leicht geht es am Abend zu dank plissierter Kleider mit gedrehten Trägern in einem matten Blau oder mit Stoffblüten verzierter Entwürfe aus roséfarbenem Chiffon. Russisch anmutende Schmuckstücke beweisen: Man braucht keine "Hardcore-Diamanten" um aufzufallen.

Von Stefanie Schütte, DPA / DPA
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