Pariser Sexshops Sexanleitungen für die Oberklasse


In der Weltstadt der Liebe darf auch die Sexualität nicht zu kurz kommen. Statt im Rotlichtviertel eröffnen in Paris immer mehr Sexshops in den Nobelbezirken. Dort werden Dildos gleich neben Designermode verkauft.
Von Astrid Mayer, Paris

Der Verkaufsrenner derzeit bei "passage du désir" (Wege des Begehrens): Ein Öl, das mit kühlenden und leicht scharfen Ingredienzien die Klitoris stimuliert. Die "Knospe", wie sie auf der Packung heißt. "Dafür bekommen wir äußerst positives Feedback", sagt der junge Mann, mit dem man auch locker über essbare oder stimulierende Körperfarben und –Pasten plaudern kann.

Der Laden liegt ganz in der Nähe des Centre Pompidou, zwischen Weinhandlung und Schuhgeschäft. Es ist nichts Anrüchiges auszumachen in der Nähe noch am Geschäft selbst. Im Schaufenster steht eine Uhr in Herzform, ein Pfeil durchbohrt es und ist zugleich das Pendel. Zwei pfiffige Unterhosen für sie und ihn hängen traut beieinander, neben ihnen diverse Massage-Öle.

Au revoir Sexklischee

Es haben im Lauf des vergangenen Jahres in Paris etliche solcher Geschäfte aufgemacht, und sie machen kräftig Umsatz. Mit den Sex-Shops am Pigalle haben sie wenig gemein, die Frauenkörper in provozierenden Posen exhibieren, die Tristesse abgestandener Sexklischees ausströmen und Accessoires feilbieten, die wirken, als sollten sie fehlende oder kümmerliche Gefühle ersetzen. Bei "Yoba", einer Boutique, die in einem Hinterhof unweit der Oper zu finden ist, riecht es gut, alles ist in rosa gehalten mit barockem Sofa und gemütlicher Bücherecke – eher ein Boudoir als ein Geschäft.

Im "Guide Yoba", einer Art Führer für sinnlicheren Sex, findet man Rezepte für ein aphrodisierendes Diner (Obacht: Zwiebeln, Broccoli oder Spargel provozieren wenig wohlriechende Ausdünstungen). Und folgendes Bekenntnis: "Yoba will begleiten bei der Entdeckung einer Sexualität ohne Schuldgefühle oder religiös inspirierte Ängste". Der Unterschied zu Beate Uhse: Yoba, wie auch die anderen neu eröffneten Läden, wendet sich auch und explizit an Frauen.

Da liest man also im Führer auch den der guten alten psycho-analytischen Theorie völlig kontären Satz, Frauen bereite der klassische Beischlaf nun einmal weniger Freude als die Stimulation der Klitoris. Und da Frauen kommunikative Wesen sind, kann man sich mit Elodie, der Verkäuferin, ausführlich unterhalten über kühlende oder erhitzende Wirkung diverser Öle an diversen Körperstellen. Oder die Eigenschaften von Massagestäben (wo stimulieren sie und wie?) erörtern. Und Elodie erzählt gern von den Erfahrungen anderen Kunden.

Sexspielzeug für Sie und Ihn

Sehr beliebt sind auch Kerzen, deren flüssiges Wachs auf dem Körper verteilt und einmassiert werden kann: "Es ist warm", versichert Elodie, "man verbrennt sich nicht". Also nicht geeignet für Sado-Maso-Spiele à la Madonna. Dafür gibt es dann adrette Peitschlein und gepolsterte Handschellen. So salonfähig ist Yoba ganz schnell geworden, dass es seit ein paar Monaten sogar eine Dépendance im berühmten Kaufhaus "Printemps" gibt. Man würde bei Yoba gerne eine Boutique in Deutschland aufmachen, wo es, wie Elodie sagt, gute Produkte gebe, die aber nicht adäquat präsentiert seien.

Da sei eine stille, sinnlich zelebrierte Revolution im Gange, schwärmte die Tageszeitung "Le Monde", die unterstützt werde von Büchern wie "die Revanche der Klitoris" (hinter dem kämpferischen Titel verbirgt sich ein kleines Pamphlet für eine Sexualität, die sich auch an den Gegebenheiten des weiblichen Körpers orientiert). Der Autor und Arzt Damien Mascret stellt eine Demokratisierung der Sexspielzeuge fest, die zunehmend in allen sozialen Schichten und allen Alterklassen Verwendung fänden.

Nathalie Bajos, die kürzlich für ein großes französisches Institut eine Umfrage über die sexuellen Gewohnheiten der Franzosen gemacht hat, ist da weniger zuversichtlich: "Die Sexualität ist der einzige Bereich, wo die Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern immer noch nicht greift", sagt sie. Mag sein. In den Pariser Soft-Sex-Shops sind bei den Besuchern zumindest zahlenmäßig die Geschlechter so ungefähr auf gleichem Stand.


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