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Paul Smith: "Du siehst aus wie ein verdammtes Mädchen"

Schon früh experimentierte der Modemacher Paul Smith mit Farbe. Was ihm heftige Beschimpfungen einbrachte. Er kann aber auch selbst austeilen - etwa gegen stillose Politiker.

Von Dirk van Versendaal

Sir Paul Smith, haben Sie jemals Ärger wegen Ihres Aussehens bekommen?

Als junger Bursche in Nottingham. Ein Mann hielt mich auf der Straße an und brüllte: "Ich habe im Krieg für dich gekämpft, und du siehst aus wie ein verdammtes Mädchen!" Ich empfand das als Kompliment. Ich trug damals eine lilafarbene Jacke und Samthosen und schulterlange Haare. Später war es ein zartrosafarbener Anzug über roten Stiefeln aus Pythonleder, der mir einige hässliche Schimpfnamen bescherte.

Was antworten Sie heute auf die Frage, wie bunt Männer sich kleiden dürfen?

Nie zu jung, nie zu schrill, nie zu viel! Verwenden Sie Farbe als ein Satzzeichen. Nehmen Sie einen farbigen Schlips, Schal oder Gürtel. Ich trage heute zum Beispiel ein Paar knallgelb gestreifte Strümpfe.

Geht es nach dem Willen der Designer, wird die Männermode des nächsten Jahres quietschbunt. Woher rührt diese Farbexplosion?

Sehen Sie sich den Schlachtenfilm "Kagemusha" von Akira Kurosawa an: Sie freuen sich mit, wenn in all das Ocker und Armeegrün plötzlich Fahnen in einem fantastischen Rot platzen. Wer lange unter Wolken lebt, der sehnt sich nach dem Himmelblau.

Als Englands berühmtester Modemacher haben Sie mehrere Politiker beraten ...

Halt, halt, halt. Ich habe niemals als modischer Berater gearbeitet.

Der Premierminister Tony Blair zeigte sich gern in Paul Smith.

Dafür kann doch ich nichts! Er schickte jemanden in meinen Laden in der Floral Street, der nahm 20 Anzüge und 40 Hemden mit, brachte drei Viertel davon wieder zurück, bezahlte und ging. Meine Kontakte zur Politik rühren aus den Versuchen, mehrere Politikergenerationen von der Wichtigkeit des Designs zu überzeugen. Es fing an mit Margaret Thatcher, deren konservative Regierung damals jegliches Interesse an Design und Mode vermissen ließ. In der Regel ging es in unseren Gesprächen um die Modernisierung von Maschinenparks, um Steuererleichterungen und den Nutzen guten Designs im Alltagsleben. Ich habe immer gesagt, Kreativität kann Arbeitsplätze schaffen.

Und?

Es war reine Zeitvergeudung. Ich bin so unwichtig.

Stimmt nicht. Im Jahr 2000 wurden Sie für Ihre Verdienste als Modemacher zum Ritter geschlagen.

Ich war schon froh, wenn ich mal einen Politiker dazu brachte, ein paar Minuten konzentriert zuzuhören. Am schlimmsten war Michael Heseltine, Umwelt- und Verteidigungsminister unter Thatcher. Er ließ mich 40 Minuten warten und gab mir dann eine Viertelstunde. Sein entzückender letzter Satz an mich war: "Nun aber zurück zu ernsthaften Geschäften!"

Haben Sie geantwortet?

Ich habe ihn nicht geschlagen.

Dennoch saßen Sie später in der Creative Industries Task Force, die vom Kulturministerium unter Tony Blair eingerichtet worden war.

Ja, wir waren acht Leute aus unterschiedlichen Industrien, und nach und nach gewöhnten wir uns daran, von der Politik als Marionetten benutzt zu werden. Um jung und cool zu erscheinen, umgaben Politiker sich gern mit angesagten Musikern und Modedesignern. Vor allem in der Regierungszeit Blairs. Seit 15 Jahren ist die Welt der Politik voll von Egos, Gier und Heuchelei. Kurz gesagt: voll von Bullshit.

Sie mögen Politiker nicht.

Manche Berufe ziehen einen bestimmten Menschenschlag an. Es gibt Leute, die es faszinierend finden, Zeitungen vollzuschreiben oder Kleider zu schneidern oder anderen in die Münder zu schauen. Ich danke allen Zahnärzten, sie machen einen wunderbaren Job. Ich frage mich aber: Was für ein Mensch muss man sein, um den Beruf des Politikers zu ergreifen?

Was vermuten Sie?

Nun, Politiker scheinen allesamt eine sehr hohe Meinung von sich zu haben, ein ungeheures Selbstbewusstsein. Dabei wissen sie kaum etwas vom Leben. Nehmen Sie Barack Obama: Er ist selten gereist, er ist nicht welterfahren, er hat niemals ein Unternehmen geführt. Aber er ist redegewandter und charismatischer als sein Gegenüber McCain. Unserem jetzigen Premierminister bin ich dreimal begegnet, und ich muss sagen: Von Angesicht zu Angesicht kommt Gordon Brown sehr viel besser rüber als bei seinen öffentlichen Auftritten. In der Politik scheint Charisma dummerweise ein wichtigerer Faktor zu sein als Intelligenz und Erfahrung.

In Deutschland versucht die Kanzlerin es gelegentlich auch mal mit Mode und Farbe.

Farbe ist optimistisch, ist freundlich, Farbe ist schön an einem grauen Tag. Aber Angela Merkel ist eine ziemlich große Lady, und starke Farben machen einen größer und breiter, als man eigentlich ist. Wenn sie zu den gedeckten Farben greift, haut das besser hin. Aprikot und Rosa stehen ihr gut.

Weshalb lieben so viele Politikerinnen es, in Rot aufzutreten?

Vielleicht soll es die Alpha-Bullen im Parlament aufregen? Das Rot der Kleidung schmeichelt dem Teint und lässt die Haut frisch und lebhaft aussehen. Blasse Töne wie Ecru oder Limonengelb saugen die Farbe aus dem Gesicht, besonders bei blassen Europäern. Schon in meiner Zeit als Verkäufer in meinen eigenen Läden habe ich gelernt, dass die Ehefrauen es nicht bunt genug, die Männer es nicht unauffällig genug haben können. Ich war Zeuge schlimmer Wortgefechte.

Ihre Kollegin Vivienne Westwood behauptet: "Frauen bremsen immer, vor allem, wenn es um Männerkleidung geht. Kerle sind abenteuerlustiger."

Schwule Männer sind mutig und experimentell, das stimmt. Die anderen sind eher argwöhnisch, behutsam, vielen fehlt die Frau und Beraterin an ihrer Seite.

Was man von Ihnen nicht sagen kann. Seit 1967 leben Sie mit Pauline Denyer zusammen.

Ich staune selbst manchmal.

Warum haben Sie nach über drei Jahrzehnten des Zusammenlebens geheiratet? Das ist doch überflüssig.

Pauline wollte. Sie ist religiös. Um ehrlich zu sein, wollte ich nie heiraten. Das hat wohl mit meiner Jungenhaftigkeit zu tun, mit dem Gefühl, frei sein zu wollen. Deshalb nenne ich Pauline nie meine Frau. Sie ist immer noch meine Freundin. Ich will mich nicht plötzlich uralt fühlen.

Ist dies der Grund für die geradezu kindliche Unordnung, die um Sie herum herrscht? Ihre Bürowände aus Spielzeugen, Büchern, Gummitieren und Krimskrams drohen jederzeit auf Sie zu stürzen.

All das Zeugs habe ich in nur acht Jahren angesammelt. Es spiegelt das Innere meines Kopfes wieder. Immerhin der Tisch ist frei, denn eines Tages drohte meine Assistentin Colette, mich zur Arbeit aufs Dach zu verbannen. Hier sei kein Platz mehr für mich. Das hat mir einen Schreck versetzt.

Wie kommt Ihre Frau mit Ihrer Sammelwut zurecht?

Ganz einfach. Sie hat das Haus, und ich habe ein Zimmer darin. Sie können sich vorstellen, wie es dort aussieht.

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