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Pfusch an der Frisur: Der TÜV für haarige Angelegenheiten

Ein Besuch beim Friseur kann eine entspannende Angelegenheit sein. Aber auch nervenaufreibend. Etwa dann, wenn das Ergenbnis nicht wie gewünscht ausfällt. In so einem Fall hilft ein Haar-Sachverständiger.

Melanie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Vier Jahre kann es dauern, bis die Haare des 16 Jahre alten Mädchens wieder so sind wie vor jenem verhängnisvollen Friseurbesuch. Seit dort eine Friseurin beim Färben gepfuscht hat, fallen Melanie die blondierten Haare aus. Ein Fall für Dieter Steffen: Er ist Sachverständiger bei der Berliner Friseurinnung und hilft in seiner Sprechstunde bei haarigen Problemen. Ungefähr 260 Millionen Mal greifen Deutschlands Coiffeure jedes Jahr zu Schere und Farbtopf. "Objektive Fehlleistungen sind de facto selten", heißt es beim Zentralverband des Friseurhandwerks in Köln.

Sachverständiger und Kummerkasten zugleich

Aber wenn etwas schief geht, verursacht das viel Kummer. Melanie ist mit ihrem Vater zur Sprechstunde nach Wilmersdorf gekommen. Vor Steffen liegen Zentimetermaß, Kämme und ein kleines Gerät, mit dem er messen kann, wie dick ein einzelnes Haar ist. "Bruch", diagnostiziert der 63-Jährige und schaut über den Rand seiner Brille auf Melanies Kopf. "Sehr wahrscheinlich ist die Farbe zu weit aufgetragen worden." So wurde das Haar stellenweise zwei Mal blondiert, das war zu viel. Die 16-Jährige ärgert sich über die Strähnen und Strubbel, die von der langen Mähne übrig geblieben sind. Nun möchte sie am liebsten eine Haarverlängerung. Wenn sie das vor Gericht erstreiten will, hilft ihr Steffens Einschätzung.

Vorher wird er aber mit dem Friseur sprechen, nur in ganz seltenen Fällen beschäftigt ein Streit die Justiz. Manchmal reicht einfach nur Zuhören. Eine ältere Dame, eine Pudelbesitzerin in Pailletten besetzter Leopardenweste und mit hell blondierten Haaren, ist eigentlich einfach nur traurig. Der Mann ist gestorben, die Mutter schwer krank und beim Sturz von der Leiter hat sich auch noch ein paar Zähne ausgeschlagen. Beim letzten Friseurbesuch hat es dann auf dem Kopf gebrannt, die Strähnchen wurden arg gelb, wie sie findet. Steffen rät zu Babyshampoo und einem Besuch beim Hautarzt, wegen der gereizten Kopfhaut. Als die Frau hinausgeht, sagt er ihr noch, dass sie trotz allem attraktiv aussieht. Das hilft.

"Es geht nicht ohne Kommunikation"

Auch eine Ärztin, die beim Warten einen Heinrich-Mann-Roman liest, kommt an diesem Morgen in die Sprechstunde. Bei ihr hat eine Charlottenburger Friseurin einfach zu viel abgeschnitten, der Pagenkopf ist zwar technisch okay, aber endet knapp über den Ohren, deutlich zu kurz, wie auch Steffen findet. Dabei wollte sie nur ein bisschen Schnitt haben, weil die Haare wachsen sollten. Dann ging alles ganz schnell. "Auf diesen Übergriff war ich nicht gefasst", sagt die Ärztin entrüstet. Sie zeigt Steffen ein Foto von ihrem 50-jährigen Abiturtreffen, da waren die Haare noch fast kinnlang. Beide sprechen über die Möglichkeit einer Perücke. Wahrscheinlich wird sich die Ärztin aber dagegen entscheiden, sagt Steffen später. Mit der Friseurin wird er aber ein Wörtchen wechseln.

Einfach einen Kundenwunsch ignorieren - das darf nicht sein. "Es geht nicht ohne Kommunikation", sagt Steffen. In der Ausbildung von Friseuren gibt es ein eigenes Prüfungsfach "Beratungsgespräch". "Das kann die Note deutlich beeinflussen." Wenn dann doch etwas misslingt oder jemand unzufrieden ist, kann Steffen laut Eigenauskunft "in 98 Prozent der Fälle" helfen. Wer bei ihm als Experten war, ist für ihn als Kunde tabu, damit Steffens Neutralität gewahrt wird. Aber Unzufriedene kommen in seinem Salon natürlich auch vor. "Ich bin kein Heiliger."

Caroline Bock/DPA / DPA
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