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Philippe Starck: Der Papa des Plastiks

Lange galten Kunststoffmöbel als Schund. Bis Philippe Starck 1988 einen synthetischen Stuhl erschuf. Seitdem kann der Designer nicht mehr von diesem Material lassen.

Monsieur Starck, Sie haben schon sehr viel aus Kunststoff entworfen, vom Gartenhocker bis zum Schreibtisch. Gibt es da noch etwas, das Sie gern aus Plastik gestalten würden?

Ja, Eheringe. Nur fürchte ich, da spielen die Frauen nicht mit.

Särge?

Ich halte nichts von Erdbestattungen. Ich will verbrannt werden.

Sie sind ein großer Verfechter von Kunststoff. Was ist so toll an diesem Material?

Schauen Sie sich die Geschichte unserer Evolution an. Erst war da die Amöbe, dann kamen die Frösche und die Affen und zum Schluss wir Menschen. Das Einzige, was uns von den Tieren unterscheidet, ist unsere Intelligenz. Alles basiert auf ihr: unsere Zivilisation, Poesie, Romantik, Liebe.

Was genau hat das jetzt mit Plastik zu tun?

Holz, Steine, Metall, Leder - alles Materialien, die ohne menschliches Zutun entstanden sind. Plastik dagegen findet man nicht in der Natur. Das haben wir erfunden. Plastik ist ein wunderbares Symbol unserer Intelligenz und unserer Zivilisation. Und nichts passt besser in das große Gesamtbild unserer Evolution als Plastik.

Aha. Aber nun bitte etwas konkreter: Welche Vorteile hat Kunststoff?

Kunststoff ist kompetenter als jedes natürliche Material aus der Natur. Es hält ewig, ist nahezu unverwüstlich, wir können ihm jede Form und jede Farbe dieser Welt geben. Es kann eckig sein oder rund, weich oder hart. Versuchen Sie das mal mit Holz oder Metall!

Und demokratisch soll Kunststoff auch sein. Ihrer Meinung nach.

Unbedingt. Als ich 1984 einen Stuhl für das Café Costes in Paris entwarf, musste man dafür 1000 Dollar bezahlen. Wie hätte sich eine normale Familie sechs solcher Stühle leisten sollen? Einfach lächerlich und unfair. Also habe ich meinen ersten Plastikstuhl entwickelt, der kostete nur noch 500 Dollar, später 300. Ich habe weiter daran gebastelt, bis er für 60 Dollar zu haben war. Design soll nicht elitär sein, sondern so erschwinglich wie möglich.

Haben Sie ein Plastik-Schlüsselerlebnis? Eine Rebellion gegen die Eltern, weil sie immer mit Sachen aus Holz spielen mussten?

Ganz im Gegenteil. Mein Vater war Flugzeugkonstrukteur. Nebenbei gehörte ihm eine Firma, die Plastikspritzen produzierte. Damals, ich war sechs oder sieben, ging ich oft zu ihm in die Fabrik. Besonders gefiel mir, meine Arme in die Bottiche voller bunter Granulate zu tauchen und darin zu wühlen. Meine prägendste Erinnerung jedoch ist verbunden mit dem Geruch. Dieser Geruch von Kunststoff, den ich noch heute in der Nase habe.

1988 entwarfen Sie Ihre ersten Möbel für den italienischen Kunststoffhersteller Kartell. Wie schwierig war es damals, ein Publikum, das klassische Möbel aus Holz, Stoff und Leder gewohnt war, von Kunststoff zu überzeugen?

Das Problem lag woanders. In den 80er Jahren waren Plastikmöbel ein Synonym für billigen Schund. Zu Recht. Die Produkte hatten eine miserable Qualität und sahen zudem noch scheußlich und vulgär aus. Wir hatten also den Ehrgeiz, den Kunden zu beweisen, dass Möbel aus Kunststoff durchaus elegant und hochwertig sein können, ohne mehr zu kosten.

Warum hat Plastik dann immer noch einen schlechteren Ruf als natürliche Materialien?

Aus Ignoranz. Dieser Ökotrend regt mich auf, weil das Konzept nicht zu Ende gedacht wird. Um Holz zu gewinnen, muss man einen Baum töten, für Leder eine Kuh. Das soll ökologisch sein, ethisch und moralisch vertretbar? Lachhaft. In Wahrheit ist Kunststoff viel ökologischer. Keine Kuh tot, kein Baum tot.

Mal abgesehen von der Umweltverschmutzung durch Berge von Plastikmüll.

Ja, katastrophal. Aber man soll ja nicht alles wegwerfen. Das Einzige, was unsere Erde noch retten kann, ist die Langlebigkeit der Produkte. Mit Kunststoff geht das. Das hält ewig. Damit könnte ich mir sogar meine Frau für die nächsten 50 Jahre konservieren.

Gewagte Idee. Taugen Kunststoffmöbel als Erbstück?

Ich wage die Prognose, dass mein Stuhl "Louis Ghost" die nächsten drei Generationen überstehen wird. Mindestens.

Nichts gegen Kunststoffmöbel im Esszimmer. Aber eignen sie sich auch fürs Wohnzimmer?

Absolut. Warum denn nicht?

Ein kuscheliger Abend mit seinem Liebsten auf einem Plastiksofa ist nicht gerade die romantischste Vorstellung.

Kommt auf den Liebsten an.

Ist Plastik sexier als Holz?

O, là, là, Sie stellen Fragen! Keine Ahnung. Fleisch ist sexy.

Wo liegen die Grenzen von Kunststoff?

Vom Material her gibt es keine. Nur in unseren Köpfen, in unserer Vorstellung. Und die ganz natürliche.

Was meinen Sie?

In etwa 30 bis 40 Jahren wird es keinen Kunststoff mehr geben, dann sind die Ölreserven aufgebraucht. Heizen können wir mit Wind- oder Sonnenenergie, bei den Autos wäre ich froh, wenn sie verschwänden. Nur welche Konsequenzen für uns ein Dasein ohne Plastik hat, darüber machen sich leider die wenigsten Gedanken.

Sie arbeiten seit rund 40 Jahren als Designer. Was treibt Sie immer noch an?

Meine Selbstzweifel. Ich bin nie glücklich mit dem, was ich gemacht habe. Für mich ist jedes fertige Produkt der Beweis meiner Unzulänglichkeit. Es führt mir vor Augen, wie schwach ich war, wie faul oder wie zynisch. Ich mache immer weiter, weil ich hoffe, dass mir das nächste Projekt besser gelingt. Wahrscheinlich wird das nie der Fall sein, aber ich gebe mir Mühe.

Wie vermeiden Sie die Gefahr, sich zu wiederholen?

Ich genieße den Vorteil der partiellen Amnesie. Sobald eine Arbeit beendet ist, vergesse ich sie. Kürzlich fiel mir in Paris ein hübscher Laden auf. Schönes Interieur. Die Besitzerin bat mich hinein und fiel vor mir fast auf die Knie, was mir unangenehm war, weil ich nicht wusste, warum. Bis sie mir zu verstehen gab, dass offensichtlich ich es war, der ihr Geschäft gestaltet hatte.

Wenn Sie zurückblicken, was war Designen meistens für Sie: Spaß, harte Arbeit oder Sucht?

Kreativität ist eine Krankheit. Falsche Schaltungen im Gehirn. Kann man, glaube ich, sogar wissenschaftlich nachweisen. Man wird mit dieser Krankheit geboren, und sie verfolgt einen. Ich wollte oft aufhören, aber ich kann es nicht.

Vielleicht sollten Sie es mit Urlaub versuchen.

Nützt nichts. Da sagen meine Mitarbeiter: "Prima, dann kommt er endlich mal zum Arbeiten."

Interview: Christine Mortag / print
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