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Wedges: Hacken, die die Welt bedeuten

Die einen heben sie in den modischen Himmel, die anderen wittern in ihnen ein Werk des Teufels: Keilabsätze, auch Wedges genannt. Ein Streitgespräch um den schwindelerregendsten aller Absätze.

Pro
Contra
Von Simone Buchholz

Es waren zwei Holzklötze, die mir mehr Würde gaben, damals, vor gut fünfzehn Jahren, als ich Geld verdienen wollte und anfing, in einer Bar zu kellnern. Das mit dem Geld lief ganz gut, besonders das mit dem Trinkgeld, blond und klein und jung wie ich war. Das mit dem Respekt der männlichen Gäste lief weniger gut. Ich war einfach zu niedlich. Keiner hatte Angst vor mir und schon gar nicht davor, mir an den Hintern zu fassen. Ich vermutete: Wenn ich zwölf Zentimeter größer wäre, eine große Blondine, würde mich keiner mehr einfach so anfassen.
Von Meike Winnemuth

Ehrlich, es war schon fast vorbei. Die letzte Vorstadtschnickse hatte ihre Buffalo-Boots per Schuhsammelcontainer Richtung Afrika geschickt und Friede kehrte ein in deutschen Fußgängerzonen, die jahrelang durch das Klonk-klonk-klonk herannahender Sonnenstudiobenutzerinnen terrorisiert worden waren. Bis eines Tages in einem Straßencafé mein Blick auf ein Wasserglas fiel, in dem sich die Oberfläche kräuselte. "Oh Gott, Jurassic Park Teil 2", konnte ich gerade noch murmeln.
Problem: Wie wächst man mal eben? Lösung: hohe Hacken. High Heels lassen einen aber schnell lächerlich aussehen. Wenn man nämlich an Tempo zulegen muss - das Leben und gerade das Kellnern fordern das zuweilen - hat man nur noch die Wahl zwischen albernem Gestöckel und Absatzbruch. Beides ist indiskutabel. Glücklicherweise änderte sich just zu dieser Zeit die Mode und in den Schuhläden wartete meine Zukunft: vierzehn Zentimeter hohes Holz mit dunkelbraunen Lederschnallen.

Richtig, das hört sich nicht sehr gemütlich an, aber stabil. Und Füße tun nach acht Stunden kellnern eh weh, egal ob sie auf Stelzen stehen oder in Turnschuhen stecken. Ich kaufte sofort. Und mein Leben wurde besser. Ich wurde besser: Mit Plateaus unter meinen Füßen fühlte ich mich endlich nicht mehr süß, sondern abenteuerlustig, gefährlich, unangreifbar. Das war beim Bier durch den Raum tragen so und das hat bis heute gehalten. Wenn eine Frau, einsachtzig groß, langbeinig und raumgreifend geht, traut sich niemand, ihr blöd zu kommen.

Neulich, als mir einer meine Handtasche klauen wollte, ließ er sie sofort fallen, als er mich hinter sich her sprinten sah, mit diesen großen, furchterregenden Schuhen an meinen Füßen. Ja, man kann damit sprinten. Man kann damit auch auf riesige, alte Rennräder steigen. Mit ein bisschen Übung kann man dann sogar fahren. Außerdem sehen Plateaus einfach fabelhaft aus. Kompromisslos (ein hoher Schuh ist eben ein hoher Schuh), humorvoll, sexy. Mit Plateaus hüftbreit stehen, das eine Knie ein bisschen nach innen geknickt: sensationell.

Plateauschuhträgerinnen machen keine Gefangenen sondern Witze. Ich habe fünfundzwanzig Paar Schuhe. Fünfzehn davon: Plateaus. Meine Neuen sind Peep Toes, gritzegrün und wollen ganz hoch hinaus. Ich liebe sie. In den letzten Jahren, als Schuhe immer nur spitz und zickig und zierlich waren, dachte ich, ich hätte ein etwas seltsames Verständnis von Schönheit. Man ist sich da ja nie so sicher. Seit dieser Saison weiß ich: Ich bin auf dem richtigen Dampfer. Und so feiern wir jetzt gemeinsam die Rückkehr der schicken Bauklötze, die Schuhdesigner von Chloé und ich. Falls Sie mir was schenken wollen: Mit den Dingern könnte man mir eine wirklich große Freude machen.
In der Tat, da waren sie wieder: Schuhe mit der Grazie von Dampfbügeleisen, Keilabsätze wie Sprungschanzen, Plateausohlen, mit denen die Mafia ihre Feinde im East River versenken könnte. Und allesamt sahen sie so aus wie etwas, mit dem man schwere Saaltüren vom Zuschlagen abhält. Keine Frage, wir Frauen haben schon viel modischen Unsinn mitgemacht. Aber in der Regel sieht der Unsinn wenigstens gut aus. Die neuen Monsterschuhe dagegen machen Klumpfüße und einen elefantösen Gang, weil sich der Fuß auf den ziegelsteindicken Sohlen nicht abrollen lässt.

Vorausgesetzt, man macht überhaupt den Fehler, darauf gehen zu wollen: Bei der Chloe-Show stolperte Model Jessica Stam über ihre 12-Zentimeter-Plateaus, in der schönen Tradition von Naomi Campbell, die vor ein paar Jahren filmreif von ihren Vivienne-Westwood-Klötzen runterfiel. Die Frage ist: Wenn nicht mal Profis auf den Dingern überleben, wie sollen wir Sterblichen damit über die Straße kommen?

Dass sie ein Verbrechen an der Menschlichkeit begehen, ist auch den Designern klar. Yves Saint Laurent taufte seine Kolosse, deren Absätze man kaum mit zwei Händen umfassen kann, zu Recht "Dada", Christian Louboutin seine Betonpumps nicht minder hämisch "Miss Marple". Schlimmer noch: all die freie Fläche lockt das Schlimmste aus den Kreativen heraus. Balenciaga wirft für den Herbst samtene Bohrplattformen von knapp 18 Zentimeter Höhe ins Rennen/Stolpern, Prada beklebt die ihren mit Fell, Pierre Hardy bastelt bizarre Satellitenschüsseln an seine Keilabsätze.

Es kann nur zwei Gründe geben, warum eine Frau, die halbwegs bei Sinnen ist, diese Absurditäten tragen würde: einmal für die Illusion, über Nacht dünnere Beine bekommen zu haben - auf diesen Stampfern wirkt plötzlich jeder Knöchel zierlich. Und zum anderen, weil die Mutti ihr vor dreißig Jahren aus orthopädischen Gründen verboten hat, Ziggy Stardust zu sein. Dabei vergisst man leicht eine goldene Regel der Mode: Wenn du dich noch an die Zeit erinnern kannst, als etwas zum ersten Mal hip war, bist du jetzt definitiv zu alt dafür.
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