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Tierschutz: Der Herr der Hamburger Hafenhörnchen

Auch mitten in der Stadt leben wilde Tiere. Und die haben es zwischen Autos, Müll und Menschen oft nicht leicht. Im Portugiesenviertel, direkt am Hamburger Hafen, hat Anwohner Artur Fischer-Meny aber ein kleines Reservat für Eichhörnchen geschaffen.

Artur Fischer-Meny trifft beim Hörnchenfüttern auf das junge Eichörnchen Chap

Artur Fischer-Meny trifft beim Hörnchenfüttern auf das junge Eichörnchen Chap

stern.de

Im Winter tummeln sich die Eichhörnchen ungern draußen. Als Artur Fischer-Meny mit seinem Handwerker-Koffer durchs Unterholz am Hafentor kraxelt, beobachten ihn erst einmal nur ein paar dick aufgeplusterte Tauben. Es ist bitterkalt an diesem Januarmorgen. "Die Hörnchen halten keinen Winterschlaf, aber eine Winterruhe", erklärt der 46-Jährige, der sich mit warmer Jacke, Handschuhen und Ohrenschützern gewappnet hat. Die Tiere kommen nur raus, wenn sie dringend fressen müssen. Im Sommer sieht das dann ganz anders aus. Dann werden die Sträucher am Straßenrand zum Eichhörnchenspielplatz.

Als Fischer-Meny beginnt, das gefrorene Wasser aus den Trinkspendern zu schütteln und frisches nachzufüllen, lässt sich trotzdem schnell ein erster Bekannter blicken: roter Puschelschwanz, flauschiges Fell, spitze Öhrchen. "Ach, das ist Chap", sagt Fischer-Meny. Er erkennt den kleinen Eichhörnchenmann auf den ersten Blick.

Nicht nur Futter für die Hafen-Hörnchen in Hamburg

Der Radiojournalist hat mit vier Freunden die Gruppe "Großstadt-Eichhörnchen" gegründet, die sich um die wilden Nachbarn hier zwischen Landungsbrücken und Michelwiese kümmert. Täglich bekommen sie Snacks und Wasser, außerdem bemüht sich die Gruppe darum, Autofahrer auf die Tiere hinzuweisen, die schon mal über die Straße flitzen können. "Straßenverkehr" ist auch Fischer-Menys direkte Antwort auf die Frage nach den größten Gefahren für die Tiere. Weder Hunde noch Marder werden den niedlichen Nagetieren ernsthaft gefährlich, aber gegen zu schnell fahrende Autos haben sie keine Chance.

In seinem Koffer hat Fischer-Meny Futter, Wasser und Utensilien dabei

In seinem Koffer hat Fischer-Meny Futter, Wasser und Utensilien dabei

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Zwölf Tiere leben in dem kleinen Gebiet in der Hamburger Neustadt, das Artur Fischer-Meny versorgt. Wenn er in seinem Sender die Mittagsschicht übernimmt, passt das zeitlich gut. Dann ist er zwischen Sonnenaufgang und etwa zehn Uhr gern hier unterwegs. "Meist nehme ich mir vor, eine halbe Stunde zu bleiben", sagt er, fast immer werde es aber eine ganze. Man kann es verstehen: Was von der Straße aussieht wie trostloses Gestrüpp, entpuppt sich aus der Nähe als kleines Wildtierparadies, in dem auch Buntspechte und hübsche Eichelhäher zuhause sind. Auch ein Mauswiesel, das kleinste Raubtier Deutschlands, hat Fischer-Meny hier schon gesehen.

Begonnen hat alles im Sommer 2014. "Wir waren lange in der Disco", berichtet der Reporter lachend. "Und wollten früh morgens von der Jugendherberge aus noch den Sonnenaufgang beobachten." Dort sah Fischer-Meny zwei Eichhörnchen, die mühevoll versuchten, aus einer Mülltonne Nahrung zu klauben. "Da dachte ich: Das muss doch nicht sein", sagt er.

Er brachte zwischen den Bäumen eine hölzerne Futterstation an. Als er später auch in anderen Ecken seines Kiezes auf hungrige Hörnchen traf, kam eine zweite dazu. In Astgabeln legt er zudem Gemüse ab, das die Eichhörnchen zwischendurch gerne fressen. Möhren, Trauben oder Gurkenstücke. Wenn Nachwuchs ansteht, lassen die Eichhörnchen-Helfer den Tieren auch kleine Ballen Schafwolle oder Sisal da, mit denen sie ihre Nester – Kobel genannt – auspolstern können. "Im letzten Jahr hat unsere Eichhörnchendame Fleckchen vier Junge bekommen, und alle sind durchgekommen", freut sich Fischer-Meny. Das ist nicht selbstverständlich. "In der Regel überlebt nur eins von vier Jungtieren das erste Jahr."

Die Welt der Hafenhörnchen:
Eichhörnchen Chap freut sich bei eisigem Wetter über das Futter

Eichhörnchen Chap freut sich bei eisigem Wetter über das Futter

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Hier in der Stadt bekommen die Hörnchen in der Regel weniger Junge als auf dem Land. Die erwachsenen Tiere sind auch kleiner. "Unsere Eichhörnchen hier wiegen meist nur um die 220 Gramm", sagt Fischer-Meny. Manchmal halten Kritiker den Eichhörnchenhelfern vor, sie würden die wilden Tiere von Menschen abhängig machen. Und dass die eigentlich gar keine zusätzliche Nahrung bräuchten. "Auf dem Land gibt es Mischwälder, in denen sie das optimale Nahrungsangebot finden", sagt der 46-Jährige dazu. "Die gibt es hier aber ganz offensichtlich nicht. Wir wollen dafür sorgen, dass sie sich nicht zu einseitig ernähren." Die Tiere hätten es schwer genug. "Und sie suchen natürlich auch immer noch selbst." Auch zu Haustieren will er die Hörnchen nicht dressieren, obwohl manche sich schon furchtlos nah an ihn herantrauen. "Die sind frei. Und ich möchte sie einfach in ihrem Freisein unterstützen."

Ein paar hundert Meter weiter, gegenüber eines Kinderspielplatzes, wartet in einem Baum schon ein weiteres Eichhörnchen auf seine Nuss-Ration. "Das ist Jan", sagt Artur Fischer-Meny. "Der ist jetzt zwei Jahre alt." Meist werden die Hörnchen in der Stadt nur etwa drei Jahre alt. "Bei Tieren in Gefangenschaft hat man aber schon beobachtet, dass sie bis zu zwölf Jahre alt werden können." Das Leben in Freiheit ist eben hart und gefährlich. Hörnchen Jan ahnt davon wohl nichts. Zufrieden knackt er seine Walnuss. Eine der Schalen hebt Fischer-Meny auf und deutet auf die Bissspuren: "Man kann immer erkennen, welches Hörnchen eine Nuss gegessen hat. Alle haben eine eigene Technik. Das Nüsseknacken müssen sie als Jungtiere erst lernen, das ist nicht angeboren."

Hörnchen-Wissen für die Anwohner

Seine Arbeit beschränkt sich inzwischen nicht mehr nur auf das Betreuen der Hafenhörnchen. Fischer-Meny setzt sich auch dafür ein, möglichst viele Menschen über das Leben der Tiere zu informieren, besonders die Anwohner. Und das fällt auf fruchtbaren Boden: Bei einem Stadtteilfestival wurde der Infostand der Tierschützer zum Hit. Und die Kinder, die auf dem Spielplatz des Viertels toben, sind sowieso begeistert von den niedlichen Vierbeinern, die sich regelmäßig dort von Ast zu Ast hangeln. "Inzwischen erklären schon die Größeren den neuen Kindern, wie das hier alles läuft", freut sich Artur Fischer-Meny.

Auch mit dem Bezirk Mitte, der für das Viertel zuständig ist, stehen die Eichhörnchenhelfer mittlerweile sehr gut. Die Politik duldet, dass sie sich um die Tiere kümmern und arbeitet immer häufiger mit Fischer-Meny und seinen Mitstreitern zusammen. Auch bei Fragen kommt der Bezirk manchmal schon auf ihn zu. Wenn es um den Beschnitt der Sträucher geht, etwa, oder um das Fällen von Bäumen.

Freut sich über ein paar Walnüsse: Eichhörnchen Jan

Freut sich über ein paar Walnüsse: Eichhörnchen Jan

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Wer den Eichhörnchen helfen möchte, kann das sehr, sehr einfach tun: "Einfach mal öfter nach unten und nach oben schauen", schlägt Fischer-Meny vor und deutet in die kahlen Baumwipfel, in denen hier und da die runden Eichhörnchenkobel in den Spitzen zu sehen sind. "Gerne auch mal eine Nuss da lassen. Und: langsam fahren!"

Wer die Hafenhörnchen aus dem Portugiesenviertel näher kennenlernen möchte, bekommt Informationen auf der Facebookseite der Gruppe "Großstadt-Eichhörnchen". Auf YouTube zeigt Artur Fischer-Meny auch regelmäßig kleine Videoclips der niedlichen Nager. Und wer mal ein Hörnchen findet, das dringend Hilfe braucht: Der bundesweite Eichhörnchen-Notruf ist täglich, auch an Wochenenden, von 17 bis 19 Uhr erreichbar, im Sommer auch zwischen 10 und 12 Uhr. Die Nummer lautet (0700) 200 200 12. Auch das Franziskus-Tierheim in Hamburg-Lokstedt versorgt Wildtiere professionell.

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