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"When They See Us" Der Justizskandal, der Amerika bis heute verfolgt: Diese Netflix-Serie ist kaum zu ertragen


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"When They See Us" erzählt den wahren Fall der Central Park Five: fünf unschuldige Jugendliche, die vor 30 Jahren für die Vergewaltigung einer Joggerin verurteilt wurden. Die Netflix-Serie ist ein unheilvolles Lehrstück über die Dynamik rassistischer Ungerechtigkeit – und rührt zu Tränen.

Am Ende werden die Central Park Five gefeiert. Etwas unsicher stehen sie auf einer provisorischen Bühne und recken schüchtern die Arme in die Luft, die Menge vor ihnen jubelt. Es ist ein bitterer, viel zu später Sieg der Gerechtigkeit.

Denn die Central Park Five, das sind Antron McCray, Korey Wise, Yusef Salaam, Kevin Richardson und Raymond Santana. Heute stehen ihre Namen für einen der größten Justizskandale der jüngeren US-Geschichte. Damals, vor 30 Jahren, als die Teenager aus Harlem zwischen 14 und 16 Jahren alt waren, wurde ihnen im Frühjahr 1989 die brutale Vergewaltigung einer Joggerin im Central Park angehängt.

"When They See Us": Tragik und Trump

Regisseurin Ava DuVernay erzählt in der vierteiligen Netflix-Serie "When They See Us" die tragische Geschichte der Halbstarken, die in schmerzhaften Verhören von den Polizisten zu falschen Geständnissen genötigt werden. Denn im New York jener Tage werden mehrere Tausend Vergewaltigungen pro Jahr gemeldet, und die Bürger verlangen Aufklärung, genauer gesagt: Sie möchten Täter präsentiert bekommen.

Das weiß die Polizei, und entsprechend gehen die Beamten bis in die höchsten Ränge vor. Ihr Vorgehen legt den strukturellen Rassismus offen, der in den USA bis heute wirkt. Begünstigt wird er schon damals durch Menschen wie Donald Trump, seinerzeit noch Immobilienunternehmer, der mit ganzseitigen Anzeigen in vier New Yorker Tageszeitungen die Todesstrafe für die Täter fordert, ohne deren Namen zu nennen.

DuVernay, die 2014 mit dem Bürgerrechtsdrama "Selma" bekannt wurde, macht die Dynamik der Ungerechtigkeit deutlich. Sie zeigt auf, wie ein offensichtlicher Justizskandal möglich werden kann. Aber vor allem beschäftigt sie sich in drei der vier Folgen mit den Konsequenzen für die Opfer der vorschnellen Verurteilung.

Dieser Ansatz sorgt dafür, dass "When They See Us" nicht nur fesselt und schockiert, sondern zu Tränen der Wut und Fassungslosigkeit rührt und streckenweise kaum zu ertragen ist. Für einen Mitteleuropäer ist es schlicht nicht vorstellbar, was es für vier schwarze und einen Latino-Jungen bedeutet, als vermeintliche Vergewaltiger eine Haftstrafe antreten zu müssen. Wie schwierig bis unmöglich sich anschließend die Wiedereingliederung in die Gesellschaft gestaltet. Und wie unweigerlich sich ihre Geschichte beim Zuschauer mit der Vermutung verknüpft, dass sie nur fünf von vielen Opfern dieses Systems sind.

Allerdings zählen sie durch den Hype um die Serie nun mehr denn ohnehin schon zu den prominentesten Gesichtern. Kein Zuschauer wird in Zukunft bei ähnlichen Fällen nicht an Korey Wise denken müssen. Der 16-Jährige wurde als einziger der Central Park Five nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt und landete deshalb in Rikers Island, einer berüchtigten Gefängnisinsel im East River.

"Es frisst mich jeden Tag auf"

Was Wise dort widerfährt, wird mehr als angedeutet. Die finale Episode von "When They See Us" widmet sich seiner anschließenden Odyssee durch mehrere Strafanstalten, ehe er 2002 hinter Gittern den Häftling Matias Reyes kennenlernt – ein verurteilter Mörder und Serienvergewaltiger, der schließlich eine weitere Tat gesteht: den Überfall der Joggerin im Central Park. 

Wise wird anschließend nach 13 Jahren als letzter der verurteilten Central Park Five aus dem Gefängnis entlassen. Bald darauf steht er mit den anderen auf einer provisorischen Bühne und reckt schüchtern die Arme in die Luft. Sie werden insgesamt 41 Millionen US-Dollar als Entschädigung erhalten. Aber welche Summe dieser Welt kann schon ein verpfuschtes Leben aufwiegen?

"Ich bin beschädigt", hat Antron McCray, inzwischen ein verheirateter 45-jähriger Vater von sechs Kindern, im vergangenen Monat der "New York Times" gesagt. "Es frisst mich jeden Tag auf. Es frisst mich auf bei lebendigem Leib." Er wisse, dass er eigentlich Hilfe brauche, so McCray: "Aber ich fühle, dass ich inzwischen zu alt bin, um mir Hilfe zu holen."


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