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#MeToo und die Folgen: Für die Sicherheit aller Schauspieler: Wie HBO das Filmen von Sex-Szenen revolutioniert

So richtig wohl fühlt sich an Filmsets eigentlich niemand, wenn mal wieder Sex-Szenen gedreht werden. Aber nachdem die unangenehmen Momente jahrzehntelang einfach hingenommen wurden, scheint nun offenbar die Zeit für weitreichende Veränderungen gekommen.

HBO Sex am Set

Diane Lane und Olivier Martinez im Film "Untreu" aus dem Jahr 2002: Die Bedingungen für das Filmen erotischer Szenen am Set ändern sich zurzeit gravierend

Picture Alliance

An einem Filmset laufen eine Menge Menschen herum. Wer im Kino schon mal bis zum Ende des Abspanns sitzengeblieben ist, weiß, dass es für alle möglichen Aufgaben einen Beauftragten gibt: vom Lichtdouble bis zum Brötchenschmierer. Wirklich nichts wird dem Zufall überlassen. Nichts – außer den Sex-Szenen.

Es ist der schlechte Scherz einer übersexualisierten Branche: Für alle heiklen Angelegenheiten gibt es irgendjemanden, der nur dafür angestellt ist, sich um sie zu kümmern. So gibt es zum Beispiel Koordinatoren für Kampf- und Stuntszenen, eben für Momente, in denen sich die beteiligten Akteure physisch und/oder emotional unwohl fühlen könnten. Und obwohl sich am Set eigentlich niemand so richtig wohl fühlt, wenn mal wieder eine Sex-Szene gedreht werden muss, wurden ausgerechnet diese unangenehmen Situationen seit Jahrzehnten einfach hingenommen.

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Sex bei HBO nur noch mit "Intimitätskoordinator"

Bis jetzt. Denn der große US-amerikanische TV-Sender HBO, der für zahlreiche bahnbrechende Produktionen ("Sex and the City", "Die Sopranos", "Game of Thrones") verantwortlich ist, verändert das Filmen erotischer Szenen gerade für immer. Und dazu bedarf es gar nicht so viel.

Das US-Magazin "Rolling Stone" begleitet in einer aktuellen Reportage die sogenannte "Intimitätskoordinatorin" Alicia Rodis. Sie ist die erste ihrer Art im gesamten Business und hat mit ihrer Arbeit zumindest schon mal so viel bewirkt, dass HBO in Zukunft für alle Shows und Filme, die sie produzieren, einen Intimitätskoordinator beschäftigen wird.

Aber wie sieht Rodis' Arbeitsalltag in der Praxis aus? Zunächst einmal unterscheidet er sich nicht sehr stark von Rodis früheren Jobs: Die ehemalige Schauspielerin arbeitete jahrelang als Stuntfrau und Koordinatorin für Kampfszenen. 2016 gründete sie die Non-Profit-Organisation "Intimacy Directors International", die sich dafür einsetzt, dass rund um die Ausführung von Sex-Szenen im Film und auf der Bühne gewisse Standards und Routinen eingehalten werden, sodass sich die Schauspieler sicher fühlen.

Darum geht es Rodis auch bei ihrem aktuellen Job am Set der HBO-Serie "The Deuce", die rund um den verruchten Times Square im New York der 70er-Jahre spielt, zahlreiche explizite Momente inklusive. Es ist nicht so, dass Rodis mit radikalen Aktionen oder Handlungen auffällt – vielmehr ist sie einfach da, sagt "Deuce"-Darstellerin Emily Meade gegenüber dem "Rolling Stone": "Es geht einfach darum, dass jemand anderes als du selbst darüber nachdenkt. Es sollte eigentlich kein radikales Konzept sein, dass dir jemand den Intimschutz reicht. Aber dass es überhaupt jemand tut – alleine die Geste –, hilft ungemein."

Rodis hilft den Darstellern außerdem, den körperlichen Aspekt der Sex-Szenen zu "choreografieren". Dabei gehe es darum, dass der Akt am Ende echter aussieht, als er ist, indem die Schauspieler ihn weniger "echt" durchführen, so Meade: "Wenn du auf dich alleingestellt bist, machst du es einfach so wie im echten Leben. Aber das ist ein Problem, wenn du eben nicht willst, dass es sich wie das echte Leben anfühlt."

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Eine Atmosphäre wie im Büro

Das bedeutet: Rodis sorgt dafür, dass am Set eine Atmosphäre herrscht wie in einem Büro, das es für die Schauspieler ja auch irgendwie ist – auch wenn der Zuschauer das beim Betrachten des Endprodukts gerne vergisst und vergessen soll.

Früher sei es normal gewesen, dass im Vorfeld von Sex-Szenen kaum über diese geredet wurde, so Rodis. Die Regisseure hätten bloß zu den Schauspielern gesagt: "Mach es einfach so, wie du dich wohl fühlst." Was in den meisten Fällen erst recht zu Unwohlsein geführt habe, weil sich die Darsteller unter solchen Umständen eher wie Sex-Arbeiter fühlten. "Wenn dein Set keinen Intimitätskoordinator hat", sagt Rodis, "wirst du (als Regisseur – Anm. d. Red.) im besten Fall nicht in der Lage sein, die Geschichte zu erzählen, die du erzählen willst. Im schlimmsten Fall hast du Schauspieler, die körperlich belästigt werden."

Fast jede Schauspielerin habe Rodis schon mal eine selbst erlebte Horror-Story bezüglich einer katastrophalen Sex-Szene erzählt. Diese traumatischen Erlebnisse würden manche für eine Woche nicht schlafen lassen, viele tragen sie über Jahre mit sich herum. Vor allem das immer noch an vielen Sets weit verbreitete Ungleichgewicht der Macht lasse Schauspieler häufig Dinge tun, gegen die sie eigentlich Vorbehalte haben.

Also achtet Rodis neben der "Choreografie" der Szenen und dem körperlichen Schutz der Darsteller auch auf die Wortwahl am Set. Wenn zum Beispiel ein Regisseur sagt: "Yeah, fass' ihr an die Titten", dann schreitet Rodis schon mal ein. "Ich sage auch nicht: 'Er fickt sie'", so Rodis, "sondern: 'Lasst uns darüber reden, wie wir diese aggressive Bewegung darstellen."

"Sag nicht, dass wir sowas nicht nötig hätten"

Am Ende kommt dank Rodis' Eingreifen nicht weniger oder langweiligerer Sex dabei heraus, sondern eine bessere Story und Schauspieler, die mit ihrer Szene leben können. Rodis sieht es als ihre Aufgabe, den Schauspielern eine Stimme zu geben, vor allem jenen, die glauben, keine zu haben.

Es sei jetzt ein Jahr vergangen seit #MeToo, sagt Rodis am Ende des Artikels im "Rolling Stone", und Brett Kavanaugh ist inzwischen Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. Donald Trump ist immer noch Präsident: "Jetzt sag mir nicht, dass wir sowas nicht nötig hätten", sieht Rodis ihre Arbeit deshalb auch im größeren Zusammenhang. "Dass unsere Kultur nicht immer noch Veränderung bräuchte."

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