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Sexuelle Belästigung: Muss ich als Frau tatsächlich damit leben, dass ich jederzeit auf der Hut sein muss?

Nach jedem prominenten Fall sexueller Belästigung gibt es einen Aufschrei. Leider passiert dies so oft, dass diesen fast niemand mehr hört. Es wird Zeit, über wirksame Konsequenzen für die Täter zu sprechen.

Von Ninia LaGrande

#MeToo: Wie lässt sich sexuelle Gewalt endlich konsequent bekämpfen?

So schwer es ist: Freundet euch mit der Möglichkeit an, dass auch Menschen, denen ihr das nie zugetraut hättet, Täter sein können

Alles wiederholt sich. Alles wiederholt sich. Alles wiederholt sich. Wieder ein neuer Hashtag, der zeigen soll, wie viele Frauen (und Männer) Erfahrungen mit sexueller Belästigung und sexualisierter Gewalt machen mussten. Und wieder Überraschung allerorten. Wirklich so viele? Und du auch? Und die auch? Und wer eigentlich nicht? Und dabei sind das nur die, die sich trauen, darüber zu sprechen. Die sich trauen, ihr Gesicht hinzuhalten. Für eine weitere Kampagne, über die in zwei Wochen wieder niemand mehr sprechen wird. Bis der nächste Player in irgendeinem "big business" enttarnt wird.

Der Hashtag #metoo ist in zu einem neuen Symbol für die unfassbare Verbreitung von sexualisierter Gewalt und Übergriffen geworden. Nach den Belästigungs- und Vergewaltigungsvorwürfen gegen Hollywood-Produzenten Harry Weinstein rief Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter dazu auf, mit diesen einfachen zwei Worten zu antworten, wenn man selbst schon sexuelle Belästigung oder Angriffe erlebt habe. Neu ist der Hashtag nicht  – schon vor zehn Jahren erfand ihn die US-Amerikanerin Tarana Burke, um für die Rechte von jungen Frauen zu kämpfen. Interessiert hat das damals nur wenige.

Hätte, hätte, Fahrradkette

Erst wenn ein bekannter Mann in den Mittelpunkt der Verdächtigungen gerät, interessiert man sich plötzlich wieder für die Rechte von Frauen. Oder anders: für den vermeintlichen Skandal. Allerdings nur für kurze Zeit: Polanski, Allen, Cosby, Strauss-Kahn ... sie alle waren mal Thema. Und genau das ist das Problem. Geht es um sexualisierte Gewalt, sind fast ausschließlich die Täter das große Thema. Männliche Kollegen werden nach ihrer Meinung gefragt. So wie Woody Allen, dem Weinstein "leid tut, weil sein Leben jetzt so durcheinander gerate". Ja, das ist natürlich mit Abstand das Schlimmste an diesem Fall. Dass der Täter jetzt ein bisschen Stress hat. So ein Ärger aber auch.

Tarantino – lange einer der "best buddies" von Weinstein – erzählt, er habe da die letzten Jahre doch schon einiges mitbekommen, aber es eben als Spinnerei oder Verliebtheit abgetan. Er hätte früher etwas machen müssen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Plötzlich tauchen überall Kollegen von Weinstein auf, die vielleicht etwas geahnt haben könnten, ihn schon immer cholerisch fanden oder von Kolleginnen konkrete Geschehnisse gehört haben. Sie alle haben nicht gehandelt. Und sich damit mitschuldig gemacht.

Mayim Bialik

Männerbündnisse sind stärker als der Schutz vor Übergriffen und sexualisierter Gewalt. Geld ist stärker. Weinstein war ein Obermacker in Hollywood. Er hat zahlreiche Blockbuster und bekannte Filme produziert. Er hat ein riesengroßes Netzwerk – und viele Menschen, die auch finanziell von ihm abhängig sind. Er war sich sicher. Er konnte sich sicher sein. Weil alle um ihn herum geschwiegen haben.

Die Schauspielerin Hannelore Elsner findet Artikel über Sexismus "verlogen". Diese würden nicht dazu führen, dass Männer Frauen nicht mehr "betatschten". Ihr sei nie etwas passiert, weil sie sich frühzeitig dafür entschieden habe, ihre Karriere nicht über die "Besetzungscouch" zu machen. Ich freue mich ehrlich für Hannelore Elsner, dass sie niemals diese Erfahrung machen musste. Aber, weil sie sich dazu entschieden hat? Haben sich all die anderen Frauen für die Belästigungen entschieden? So einfach ist das in Elsners Welt? Im Gegensatz zu der Schauspielerin halte ich sehr viel davon, Dinge anzusprechen. Vom Schweigen ist nämlich noch nie etwas besser geworden. Schweigen ist die Legitimation zum Weitermachen. Vom Schweigen leben diese Täter. Schweigen ist das Gegenteil von Solidarität.

Im gleichen Zug werden Aussagen laut, Frauen müssten eben auch Grenzen ziehen. Sich wehren. Das Spiel nicht mitspielen. Sexualisierte Gewalt ist verdammt nochmal kein Spiel. Dieses Verhalten nennt sich "victim blaiming": Das Erscheinungsbild und das Verhalten werden verantwortlich für Übergriffe gemacht. Warum muss die Frau die Grenze ziehen? Warum muss überhaupt irgendeine Frau jemals irgendwo eine Grenze ziehen? Wenn Grenzen gezogen werden müssen, ist die erste Grenze doch schon längst überschritten. Und selbst wenn eine Frau ihren Tanzbereich genau abgesteckt hat, respektieren gewalttätige und machtvolle Täter diese Grenze in der Regel nicht. Und dann hat die Frau Schuld? Alles klar.

Muss ich als Frau tatsächlich damit leben, dass ich jederzeit auf der Hut sein muss, um Grenzen zu ziehen? Dass ich das widerliche Verhalten von Tätern eindämmen und aufhalten muss? Dass ich Dinge einfach mit Humor nehmen soll und "Herrenwitzen" (was für ein lächerlich verharmlosendes Wort) einfach was entgegensetzen soll? Warum – zur Hölle – muss ich das tun? Warum bin ich für den Kram verantwortlich? Das Fazit lautet also wie üblich: Frauen sind selbst schuld. Würden sie sich richtig benehmen, würde ihnen auch nichts widerfahren.

Werdet nicht zum Mittäter

Und was ist jetzt die Konsequenz? Viele machen sich Gedanken, wie man Fälle, wie die von Weinstein, verhindern kann. Wie es überhaupt passieren kann, dass jemand über Jahrzehnte so handeln kann. Ein erster Vorschlag lautet: zuhören. Hört zu. Hört auf die kleinsten Hinweise. Und ernstnehmen. Interpretiert nicht selbst, was "wirklich" geschehen sein könnte. So schwer es ist: Freundet euch mit der Möglichkeit an, dass auch Menschen, denen ihr das nie zugetraut hättet, Täter sein können. Werdet nicht zum Mittäter.

Gerade bei Fällen wie Weinstein haben sowohl das berufliche Umfeld als auch die Medien eine große Verantwortung. Jemand, dem nachgewiesen werden kann, dass er Menschen belästigt hat, seine Machtposition ausgenutzt hat und übergriffig gehandelt hat, darf keine neuen Aufträge oder Verdienstmöglichkeiten bekommen. Er muss ohne Ausnahme nicht nur ignoriert, sondern komplett aus den Netzwerken gestrichen werden. Medien sind in der Verantwortung, immer wieder auf die Täterschaft hinzuweisen. So ein Verhalten darf man nicht aussitzen können. Was für ein Albtraum wäre es, wenn Weinstein in zehn oder fünf oder vielleicht schon zwei Jahren wieder einen Film rausbringt, auf den roten Teppichen lächelt und alle nur denken: "Ach, war da nicht mal was?" Ein Albtraum! Bei all seinen berühmten Vorgängern war das bittere Realität. Seilschaften dürfen keine Grundlage mehr für ungehindertes, gewaltvolles Verhalten sein.

All das sind keine neuen Vorschläge. Viele Menschen betonen seit Jahren, wie wichtig das Aufbrechen von machtvollen Strukturen ist. Wie wichtig es ist, die Öffentlichkeit immer wieder an Täter zu erinnern. Dass Opfer und Überlebende nicht für das übergriffige Verhalten anderer verantwortlich gemacht werden können. Bleibt die Frage, ob eine Öffentlichkeit, die nach unzähligen Fällen, Hashtags, Kampagnen und Gerichtsurteilen immer noch nichts dazugelernt hat, nach Weinstein plötzlich eine Drehung um 180 Grad macht. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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