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Freizeit: Im Hinterhauskeller mit AnnenMayKantereit

Die Kölner Band AnnenMayKantereit besingt die Spießigkeit ihrer Generation und ist dabei überraschend cool.

AnnenMayKantereit bei einem Konzert

Die braven Rockstars der Generation Y: AnnenMayKantereit

Text: Martina Kix | Mitarbeit: Tasnim Rödder | Fotos: Michael Kohls

Henning Mays Hals ist so etwas wie ein Popstar. Er hat eine eigene Facebook-Fangruppe. Nach drei Songs im Kulturzentrum Pavillon in Hannover sind die Halsschlagadern des Sängers so angeschwollen, dass sie seinen Hals umspannen wie ein Spinnennetz. Sieht man dieses Naturschauspiel zum ersten Mal, sorgt man sich, dass der schlaksige 24-Jährige auf der Bühne explodieren könnte. Bis jetzt aber ist alles gut gegangen. Und während Henning von Hochbetten und Altbauwohnungen singt, fassen sich im Publikum Frauen in Norwegerpullovern an den Händen und dann an die Herzen und singen mit. Ein Mädchen um die zwanzig mit einem Bier in der Hand ruft laut: »Henning, du bist heiß!« Ein Typ um die dreißig flüstert: »Was für Spießer! Das ist ein Angriff auf unser Leben!« Provokanter wird es nicht.

Die Stimme dieses jungen, dünnen Typen im verwaschenen »Appletree Garden Festival«-Shirt klingt paradoxerweise so rau und verbraucht wie die eines Seemanns, der seit dreißig Jahren jeden Abend eine Flasche Whisky in einer anderen Stadt säuft und dabei drei Schachteln Kippen raucht. Sucht man nach musikalischen Referenzen, fällt schnell der Vergleich: »Wie Rio Reiser!« Hennings Hals und die Stimme, die er daraus hervorpresst, werden die Singer-Songwriter-Normcore-Jungsband in erdfarbenen T-Shirts in die Charts katapultieren und sie zu einer der spannendsten Bands in diesem Jahr machen.

Portät von Christopher Annen von der Band AnnenMayKantereit

Christopher Annen

Christopher Annen, 25, Severin Kantereit, 23, Malte Huck, 22, und Henning May sind zusammen AnnenMayKantereit. Ist man über dreißig, fragt man: »AnnenMayWer?« Viele Zwanzigjährige sind bereits seit zwei Jahren in Henning verliebt und finden die Lieder bedeutungsvoller als das neue Album von Kanye West. Die Kölner Band schrieb den Soundtrack zur Generation Y, ohne dass sie das irgendwie beabsichtigt hätte. Henning singt über die Altbauwohnung »Zwei Zimmer, Küche, Bad und ’n kleiner Balkon« als Sehnsuchtsort für die Liebe. Smartphones sollen alle bitte wegschmeißen, damit man wieder mehr bei einander ist, und das Krokodil, dass raucht zu viel. »Die Texte sind halt aus dem Leben«, sagt ein Fan.

Es begann in der Schule

Anfang Februar in einem Hinterhauskeller nahe des Kölner Rudolfplatzes: der Proberaum. 

Henning und die anderen sitzen auf Hockern. Etwa sechzehn Quadratmeter, an den Wänden Lärmschutzverkleidungen. Kein Sofa und kein Schnickschnack. Hier hat vieles angefangen, hier wird es bald zu eng. Doch erst einmal erzählt Henning von früher. Der Zeit, in der er Severin auf dem Schiller-Gymnasium in Köln-Sülz kennenlernte: »Auf dem Schulhof war der Sevi der einzige Typ, der über zwei Meter groß war. Der fällt schon auf.« In der Oberstufe wurden die Jahrgänge zusammengelegt, und in der letzten Reihe saß Henning neben Severin. Während ein Lehrer an der Tafel englische Grammatik erklärte, verabredeten die Jungs sich zum Gitarrespielen. »Wir haben einfach unsere Instrumente zusammengepackt und ein Wochenende Mucke gemacht«, sagt Henning. Christopher war einen Jahrgang drüber und kam erst 2011 dazu. In wohl jeder Oberstufe findet man diese Jungs, die Bands gründen, auf der Abiparty spielen und von den Mädchen angehimmelt werden. Ihre Musikerkarriere endet meist, sobald alle das Abizeugnis in der Hand halten. Severin, Henning und Christopher hingegen entschieden, weder BWL noch Physik studieren zu wollen, sondern spielten auf der Wiese an der Kölner Uni Gitarre.

Portät von Henning May von der Band AnnenMayKantereit

Henning May

Sie gingen nach dem Abi nicht auf Weltreise, sie waren fleißig. 61 Videos haben sie seit 2012 auf Youtube hochgeladen: Im ersten ist der Himmel grau. Severin sitzt im Friedenspark in der Nähe vom Rhein mit einer gelben Ukulele in einem Baum. Henning trägt Wintermantel und einen 1.-FC-Köln-Schal um seinen Hals. Er wippt mit dem Fuß und singt den Song »Up in the Tree«, Christopher spielt Gitarre. Gefilmt hat ein Schulfreund. Heute sind einige Videos auf privat gestellt. »Am Anfang haben wir viel ausprobiert«, sagt Henning. Ihr Publikum fanden sie als Straßenband auf der Ehrenstraße in Köln zwischen American Apparel und dem Diesel Store. »An guten Tagen haben wir in zwei Stunden 300 Euro eingenommen«, sagt Severin. In der Zeit schrieb Henning auch den Hit »Barfuß am Klavier« für seine Exfreundin. Inzwischen: zehn Millionen Klicks bei Youtube. AnnenMayKantereit sind nicht nur Straßenmusiker. Sie sind auch Youtube-Stars, doch halten sie nicht wie Sami Slimani oder Dagi Bee Shampoos oder Pullover in die Kamera. Sondern allen falls ihre Instrumente.

Ein guter Ratschlag zu Beginn

Die Rollenverteilung der Schulfreunde wird bei dem Gespräch im Proberaum schnell deutlich: Severin und Henning reden, Christopher scheint der stille Typ zu sein, und Malte, der Bassist, ist der Sidekick, der Masturbationswitze reißt. Er ging auf eine andere Schule, in Hennef, und ist erst seit 2014 in der Band. »Aber es fühlt sich so an, als wäre er bereits seit Anfang dabei«, sagt Severin.

»Wir haben einen Ratschlag bekommen, an den haben wir uns strikt gehalten: ›Macht erst einmal alles selbst‹«, sagt Severin. Und so schrieben sie nicht nur Songs, sondern buchten ihre eigenen Konzerte und nutzten Facebook, Instagram, Youtube und Twitter zu Promozwecken: Dinge, die normalerweise eine Agentur oder eine Plattenfirma übernimmt. Und das funktionierte. »Wir sind ausgeflippt, als wir tausend Facebookfans hatten«, sagt Severin. 2015 gingen sie mit den Beatsteaks auf Deutschlandtour: »Wahnsinn, wir sind vor Tausenden Leuten aufgetreten«; dann spielten sie als Vorband von Clueso: »Total irre, plötzlich haben wir in einem Nightliner geschlafen.«

Viele Leute hörten ihre Lieder und teilten sie in sozialen Netzwerken. Sie wirken auf der Bühne in Hannover noch überrascht darüber, dass so viele Menschen zu ihren Konzerten kommen. Trotz aller Bodenständigkeit unterschrieben AMK im Herbst 2015 einen Plattenvertrag beim Musiklabel Universal Music. Mehr Mainstream und mehr Professionalität geht nicht, dort sind auch Taylor Swift und Justin Bieber unter Vertrag. Am 25. März erscheint nun ihr erstes Album: »Alles Nix Konkretes«. Zur Enttäuschung einiger Fans mit vielen Songs, die bereits auf einer EP veröffentlicht wurden. Ihre Deutschlandtour ist bereits seit vergangenem Jahr ausverkauft. So ein Erfolg gelang nur wenigen Musikern in Deutschland vor ihrem ersten Album.

Portät von Malte Huck von der Band AnnenMayKantereit

Malte Huck

AnnenMayKantereit brauchten auch kein Album, um bei Joko und Klaas im »Circus Halligalli« aufzutreten oder um mit den Chartstürmern von K.I.Z. »Hurra die Welt geht unter« aufzunehmen. Sie selbst ahnten davon noch nichts, als sie 2012 eines ihrer ersten Konzerte in der Kölner Bar "Die Wohngemeinschaft" spielten. Doch Inhaber Jens Ponke sagt: »Man hat schon damals direkt gemerkt, dass ein wahnsinniges Potenzial da ist. Besonders wegen Hennings außergewöhnlicher Stimme!« Henning hat seinen facebookberühmten Hals, seine auffällige Stimme, und er hat die meisten der Texte allein geschrieben. Eigentlich klassische Merkmale eines Starsängers mit Backingband. Vielleicht betont er auch deshalb immer wieder, wie wichtig Malte, Sevi und Chrisi für die Band sind. »Manche Texte haben wir bei einem Tee in Chrisis Küche geschrieben«, sagt Henning. Die Wohngemeinschaft ist heute eine ihrer Stammkneipen. Ihre Konzerte spielen AnnenMayKantereit bald in ganz Deutschland.

AnnenMayKantereit: moderne Verweigerer

Anfang der nuller Jahre nagelten Bands wie Mia oder Wir sind Helden ein Lebensgefühl in ihren Songs fest und waren damit kurzzeitig sehr erfolgreich. Sie waren beliebt, weil sie gegen Kapitalismus, Kommerz und Konsumterror sangen, weil sie wild waren.

AnnenMayKantereit sind beliebt, weil sie bodenständig sind. Sie leben zwar in Zeiten, in denen alles politisch ist, in denen über eine Million Flüchtlinge in Deutschland integriert werden, in denen Donald Trump um die US-Präsidentschaft kandidiert und manch Linker plötzlich mit Angela Merkel sympathisiert. AMK halten sich da eher raus, und Malte trägt das »Refugees Welcome«-T-Shirt unter seinem Kapuzenpullover. Die Themen der Songs: Rückzüge. Ins Bett, aufs Sofa, in die Wohngemeinschaft, ins eigene Zimmer. Wohnen, eigentlich eine Nebensache, ist ihnen verdammt wichtig. Severin teilt mit Henning die Küche und das Bad einer Wohnung in Köln-Sülz, und das Hochbett gibt es tatsächlich. AnnenMayKantereit sind moderne Verweigerer, deren Erfolg im Internet begann. Nur einer von ihnen besitzt ein Smartphone, trotzdem haben sie über 50.000 Follower bei Instagram. Statt zu tindern, fragen sie: »Willst du nicht länger bleiben?«. Freundschaft im »echten Leben« ist ihnen wichtiger als Facebook. Vielleicht stimmen sie auch deshalb demokratisch über jedes Foto ab, das bei Instagram erscheint. »Wir wollen uns nicht streiten, deshalb reden wir viel über alles, was gerade bei uns passiert«, sagt Henning. Sie haben jetzt Agenturen, die für sie die Pressetage organisieren und sich um das Booking kümmern. Aber viel wichtiger als der Chartserfolg ist, dass auch ihre Freunde von ihrer Musik leben können. Der Till, den sie noch aus dem Stadtgarten kennen, macht bei den Konzerten das Licht, und der Andi, der sie anfangs mal im Jugendzentrum gemischt hat, der macht den Sound. Henning hat ihm und der Live-Crew den Song »Das Krokodil« gewidmet. Die Julia, die im Song »Bitte bleib« die Posaune spielt, haben sie beim Couchsurfing in München kennengelernt, als sie ihr erstes Konzert spielten. Und Carlo, ein flüchtiger Bekannter aus der Abi zeit, der inzwischen Manager der Band ist.

Portät von Severin Kantereit von der Band AnnenMayKantereit

Severin Kantereit

Zum Konzert in Hannover ist auch Clemens Rehbein aus Kassel angereist, der Sänger der Band Milky Chance. Henning hat mit ihnen den Song »Roxanne« gecovert. Über drei Millionen Mal bei Youtube geklickt. »Sie sind die erste deutschsprachige Band seit Langem, die uns beim ersten Hören wirklich beeindruckt hat«, sagt Clemens, dreht sich eine Zigarette und wartet darauf, dass AnnenMayKantereit aus dem Backstagebereich kommen. »Wir verstehen uns menschlich und musikalisch sehr gut.« Ein Gipfeltreffen der neuen Rockstars der Generation Y: Mit ihren Liedern entsprechen sie dem Zeitgeist, ohne Koks und durchgesoffene Partynächte. Aber nach Feierabend, wenn ihnen einmal alles egal ist dann, ja, dann trinken sie auch mal zusammen ein Bier.

Der Kölner Benjamin Windhoff entdeckte Henning May an einem Abend am Brüssler Platz in Köln. May spielte dort Gitarre. »Man hat sofort gesehen, dass Henning wahnsinniges Talent hat«, sagt Benjamin. Er war der erste, der Videos von AnnenMayKantereit ins Netz stellte, bis heute haben sie Tausende geschaut.


Dieser Text ist in der Ausgabe 04/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.