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Hype um AnnenMayKantereit: Zu lieb, um gut zu sein?

AnnenMayKantereit ist die Band der Stunde: Ihr Album ist auf Platz eins der Charts, ihre Konzerte sind ausverkauft. Doch ihre Texte gelten als banal, ihre Lebensansicht bieder. Na und? Ein Plädoyer für mehr Toleranz im Rock 'n' Roll.

AnnenMayKantereit

Offenes Lachen statt cooler Posen: Sänger Henning May, Gitarrist Christopher Annen, Schlagzeuger Severin Kantereit und Bassist Malte Huck sind AnnenMayKantereit.

Eigentlich ist die Geschichte von AnnenMayKantereit absurd: Da spielt sich eine junge Band aus eigener Kraft von Straßenkonzerten zu riesigen Festivals hoch, mit handgemachter Musik und viel Leidenschaft - und dann empören sich alle über den Erfolg der vier Jungs aus Köln. Stellenweise lasen sich die Kritiken zum Debütalbum "Alles Nix Konkretes" vernichtend.

"Haben die jungen Leute das verdient?", fragte die "Zeit", schwer zu ertragen seien die vorgetragenen Jungsgefühle, hieß es bei "Süddeutsche.de". Und die jungen Leute bei "Ze.tt" schämten sich gar dafür, einfach gern zum Trennungssong  "Pocahontas" abzutanzen. Das alles wegen der "erschreckend banalen Texte", wie die "FAZ" es nennt.  Denn AnnenMayKantereit singen nicht über die Flüchtlingskrise oder den Terror in Brüssel. In ihren Texten geht es um Liebeskummer, um den Mitbewohner in der WG, um die Sehnsucht nach einer kleinen Altbauwohnung. "Wir brauchen mehr Blumen auf unserem Balkon", heißt es da zum Beispiel. Das kann man banal und spießig finden - aber seit wann muss Rockmusik tiefgründig sein? Keiner wirft Grönemeyer oder Cro vor, über die Liebe zu singen. Warum also, trifft die Schelte ausgerechnet AnnenMayKantereit?

"Wir sind absolut nicht repräsentativ für unsere Generation"

"Ich glaube, das ist das Stellvertreter-Syndrom", sagt Sänger Henning May, als der stern ihn und Gitarrist Christopher Annen vor einem Konzert in Hamburg trifft. "Junge Menschen werden schnell zu Stellvertretern einer Generation gemacht. Und weil sich die Leute wünschen, dass diese Generation politischer wäre, wird das auf die Stellvertreter projiziert. Aber so sehen wir uns überhaupt nicht, wir sind absolut nicht repräsentativ für unsere Generation."

Selbst wenn sie es sein wollten - die Empörung wäre unangebracht. Offen, freundlich und kein bisschen berechnend wirken die beiden im Interview. Schwärmen von der Freundschaft, die sie seit fünf Jahren miteinander teilen, erzählen, wie sie voneinander lernen, aufeinander Acht geben, von den Briefen, die sie sich zum Geburtstag schreiben. Keiner hebt hier ab - Annen hat sich vom ersten großen Gehalt eine neue Gitarre gekauft, May eine Playstation. Doch diese Bravheit und Bodenständigkeit wirkt auf manche verstörender, als wenn die Band ihr junges Publikum zum Crystal-Meth-Konsum aufgerufen hätte.

"Ich will nicht mit einer halbgaren Parole in der Zeitung stehen"

"Ich kann den Anspruch verstehen, dass Kunst politisch sein soll, aber auf uns trifft das gerade nicht zu. Wir sind jeder für sich sehr politisch, aber das ist unser erstes Album. Ich will auch nicht mit einer halbgaren Parole in der Zeitung stehen, solche Diskussionen brauchen Zeit. Uns sind die Themen aber nicht egal", sagt Annen. "Ich finde es schwierig, wenn Leute, die ein normales Leben führen, sich an die ganz großen Konflikte wagen. Daran liegt auch der Reiz an unserer Musik, dass wir Dinge beschreiben, die eher alltäglich sind als weltbewegend", ergänzt May. Druck, es beim nächsten Album anders zu machen, spüren sie nicht. "Nein, wir thematisieren weiter das, was uns beschäftigt. Der Anspruch an unsere Musik ist nicht, Leute zu verändern, sondern eher, zu reflektieren, was bei uns gerade passiert", sagt May.

Das ist im Hit "Oft Gefragt" etwa die Dankbarkeit für den Vater, der May alleine großzog. "Zuhause bist immer nur du", singt er, während die einen mit geschlossenen Augen mitwippen und die anderen entsetzt "Heintje!" schreien. Für manche sind AnnenMayKantereit eben zu lieb, um gut zu sein.

Henning Mays Stimme ist an allem Schuld

Ihrem Erfolg tut das keinen Abbruch. Ihr Album schoss auf Platz eins der deutschen Charts, in vielen Städten hat die Band zwei Abende hintereinander ausverkauftes Haus.  Im Publikum: Hauptsächlich Leute in ihrem Alter, die sich über Uni-Hausarbeiten unterhalten, dazwischen vereinzelt ältere Zuhörer, die vor allem wegen Mays Stimme da sind. Die klingt nach durchzechten Nächten, Rock 'n' Roll und literweise Whisky, so tief und kratzig brummt sie sich durch die Zeilen über Alltag und Leben. Vielleicht ist sie auch Schuld an dem ganzen Schlamassel, denn die Stimme verspricht mehr Erfahrung, als May mit seinen 23 Jahren erlebt haben kann. Mit dem Begriff Rock 'n' Roll kann die Band nicht viel anfangen. "Das steht für viel saufen, viel Drogen nehmen, lange aufbleiben", sagt May. "Und für eine gewisse Arroganz, und das passt alles nicht zu uns." 

Zum Schluss fragen sie nach, ob es eigentlich okay sei, in Hamburg in der Großen Freiheit 36 aufzutreten, inmitten der Stripclubs und so. Ist völlig okay. Immerhin standen hier die Beatles schon auf der Bühne - die für Texte bekannt sind wie "She loves you, yeah, yeah, yeah" und "I want to hold your hand". 


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