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Kultige Kinderbücher: "Enid Blyton, du hast mein Leben zerstört ..."

Ihr Name wurde in Deutschland zu einer Marke, unter der auch deutsche Ghostwriter massenhaft Bücher veröffentlichten. Wer einst die "Fünf Freunde" oder "Hanni und Nanni" liebte, ahnt davon oft nichts.

Ein Buch aus der "Hanni und Nanni"-Reihe von Enid Blyton

Ein Buch aus der "Hanni und Nanni"-Reihe von Enid Blyton

Picture Alliance

Oh Gott, habe ich sie gern gelesen. Angefangen mit sieben oder acht Jahren, und auch mit sechzehn noch manchmal verlegen verschlungen. Enid-Blyton-Bücher. "Hanni und Nanni", "Tina und Tini", "Dolly", auch die "Fünf Freunde". Meine Cousine hatte mir einen Packen angegilbter Schneider-Bücher aus den späten Siebzigern vemacht und ich war schon nach dem ersten "Hanni und Nanni"-Band total gefangen im Strudel der unendlichen Internats- und Abenteuergeschichten aus der Feder der englischen Autorin.

Enid Blyton  (1897-1968)

Enid Blyton
(1897-1968)

Picture Alliance

So viele exzellente Lesestunden mir diese diversen Bücherreihen auch bereitet haben – als ich älter wurde, gab es immer wieder echte WTF-Momente, wenn es um Enid Blyton und ihre Bücher ging.

Ich fühlte mich verraten

Mein persönlichstes Trauma dürfte gewesen sein, als ich mit ungefähr 13 Jahren kapierte, dass ich jetzt wirklich jeden Monat meine Periode bekommen würde. Inklusive ätzenden Bauchkrämpfen und dem Hustle, Binden und Tampons unauffällig in der Schule anwenden zu müssen. Kein Spaß für eine Pubertantin. Wie verraten ich mich fühlte von all den unzähligen Mädchen in all den unzähligen Büchern, die ich gelesen hatte – KEINE der gefühlt permanent Dreizehnjährigen bei Enid Blyton unterhielt sich jemals mit ihren Freundinnen über ihre Tage. "Hey Hanni, hast du schon mal Menstruationstassen probiert?" – "Klar, Bobby, super Sache." Nee, das gab es nicht (okay, Menstruationstassen gab es damals auch nicht). Obwohl die Protagonistinnen doch die ganze Zeit schwimmen gingen, Handball spielten oder auf Pferden ritten. Oder im Fall der "Fünf Freunde" wochenlang auf abgelegenen Felsinseln campierten.

Alles immer gleich?

Der englischen Autorin wurde zudem immer wieder vorgehalten, dass viele ihrer Figuren Stereotype sind. Und da ist was dran: Immer wieder treffen burschikos auftretende, abenteuerlustige Mädchen auf stille, schüchterne Mäuschen, die vor allem Angst haben. Anne und George aus den "Fünf Freunden" sind da schöne Beispiele. Und auch wenn es bei Blyton oft um Mädchen geht – falls Jungs in einem Buch vorkommen, sind sie automatisch die Chefs. Siehe "Fünf Freunde": Trotz ihrer Unterschiedlichkeit blicken sowohl Anne als auch George zu den Jungs der Gruppe – Dick und Julian – immer bewundernd auf.

Bei den Internatsgeschichten scheint für Blyton zudem zu gelten, dass man sich anzupassen hat – an die große Masse der Schülerinnen und an das Leitbild der jeweiligen Schule. Wer einen eigenen Willen hat, fliegt damit früher oder später auf die Nase und "lernt daraus". Liest man die Geschichten heute, kann man jedoch kaum anders, als Mitleid mit den "Ausgestoßenen" der homogenen Gemeinschaft zu haben. Mit der verwöhnten Außenseiterin Evelyn bei "Dolly", zum Beispiel, deren Verhalten von der Autorin sogar mit ihrer Erziehung begründet wird. Verständnis haben ihre Mitschülerinnen trotzdem keins. Und bei "Hanni und Nanni" darf man ziemlich fragwürdig finden, wie gemein die Heldinnen permanent zu ihrer etwas naiven Cousine Elli sind. Heute würde die ein oder andere Verhaltensweise absolut als Mobbing durchgehen. Und wer nicht gut im Sport war, der galt bei den coolen Girls sowieso nichts – auch das darf man ja hinterfragen.

Alles ganz anders

Viele WTFs bieten auch die deutschen Ausgaben der Buchreihen. Die hier herausgegebenen Versionen, besonders von "Hanni und Nanni" und "Dolly", sind GANZ anders als die englischen Originalbücher. Sie wurden teils drastisch gekürzt oder es wurden Kapitel von deutschen "Übersetzern" hinzuerfunden. Die Übersetzung war generell sehr – frei.

Nicht nur die Namen der Figuren wurden geändert – Hanni und Nanni heißen im Original etwa Pat und Isabel, Dolly Rieder heißt eigentlich Darrell Rivers –, sondern es wurden sogar mehrere Figuren im Deutschen zu einer einzigen Person verschmolzen. Die dann natürlich seltsam widersprüchlich agiert, logisch. Auch drumherum wurde vieles auf teils merkwürdige Art eingedeutscht. Allein die Namen der Schulen. Ein Internat Lindenhof gab es nie – bei Enid Blyton heißt es St. Clare's. Und Handball hat dort auch nie jemand gespielt, denn die Autorin ließ die Mädchen eigentlich im Lacrosse antreten. Soviel Exotik wollte der zuständige Schneider-Verlag den deutschen Lesern offenbar nicht zumuten.

Alles von jemand ganz anderem

Es lief trotzdem gut für den Verlag – die Buchreihen von Enid Blyton verkauften sich über Jahrzehnte ganz wunderbar. Schade, dass die Autorin von "Hanni und Nanni" bloß sechs Bände geschrieben hatte, von "Dolly" ebenfalls. Und 1968 gestorben war. Aber kein Grund, die Kuh nicht trotzdem bis zum Gehtnichtmehr zu melken: Man schummelte etwa bei "Hanni und Nanni" einfach Bände von deutschen Autoren dazwischen. Einen Rutsch in den Siebzigern (neun Bände, 5-15) und einen weiteren in den späten Achtzigern (fünf Bände, 16-22, die Bände 20 und 21 stammen allerdings von der britischen Autorin Pamela Cox und ja, es ist kompliziert). Auch 2007 schob man noch mal vier neue Bücher hinterher. Allerdings fast immer, ohne irgendwie kenntlich zu machen, dass Enid Blyton hiermit nichts mehr zu tun hatte. Die Bücher aus den Achtziger Jahren berufen sich immerhin laut einer kleinen Anmerkung vorn im Buch angeblich auf unveröffentlichte Manuskripte Blytons. Dass das stimmt, darf bezweifelt werden. Auch die "Dolly"-Reihe wurde nach ihrem offiziellen Ende noch fleißig fortgeführt. Und – any "Tina und Tini"-Fans here? Die ganze Reihe, komplett, STAMMT NICHT VON ENID BLYTON, sondern von einer deutschen Autorin.

Aber von wem?

Das ist die nächste Frage zum Kopfzerbrechen. Bei den meisten deutschen "Auftragsarbeiten" findet man schlicht keine Autorenangabe. Vorn auf dem Cover prangt aber immer die bekannte Signatur von Enid Blyton. Die deutschen "Dolly"-Bücher stammen offenbar von Rosemarie Eitzert – einer heute 79-jährigen Jugendbuchautorin, die besser unter ihrem Pseudonym Tina Caspari bekannt ist (unter anderem für die Buchreihe "Bille und Zottel"). Sie wird auch als mögliche Ghostwriterin der – oder zumindest vieler – "Tina und Tini"-Bände gehandelt. Bei "Hanni und Nanni" hatte vielleicht auch Eitzert ihre Finger im Spiel, aber hier merkt man schon stilistisch zwischen den einzelnen Büchern große Unterschiede. Da müssen verschiedene Autoren Werke beigesteuert haben. Die sind mal mehr, mal weniger gelungen.

Und die Autorin?

Eigentlich ist es fast lustig, dass der Schneider-Verlag der Meinung war, er hätte nicht genug Material von Enid Blyton. Denn kaum jemand war so rauschhaft produktiv wie sie. Die englische Autorin – 1897 in Dulwich geboren, 1968 in Hampstead gestorben – schrieb bis zu drei Bücher pro Jahr. Da muss sie doch Kinder sehr gemocht haben, sicherlich? Hm. Nicht unbedingt. Neben dem Schreiben nahm sie sich zumindest wenig Zeit für ihre beiden Töchter, die ihr Leben lang ein angespanntes Verhältnis zur Mutter hatten.

Um deren Erziehung kümmerten sich Kindermädchen, Blyton reagierte oft gereizt, wenn Imogen oder Gillian etwas von ihr wollten. 1942 ließ sich Enid Blyton von ihrem ersten Mann scheiden, der Alkoholiker war. 1943 heiratete sie dann einen Arzt namens Kenneth Darrel Waters. Zu ihrem leiblichen Vater durften ihre beiden Töchter keinen Kontakt mehr haben – sie sahen ihn nie wieder. Ihre Tochter Imogen schrieb später ein Buch über ihre Mutter ("A Childhood at Green Hedges"), in dem Enid Blyton gar nicht gut wegkommt.

Andererseits entschied sich Blyton als junge Frau eigenständig und gegen den Willen ihrer Eltern für eine Karriere als Vorschullehrerin. Sie sammelte und spendete Geld für Schulen und Heime, in denen Kinder mit Behinderungen betreut wurden. Das klingt wiederum, als hätte sie schon eine besondere Beziehung zu Kindern. Blyton scheint ein durch und durch widersprüchlicher Mensch gewesen zu sein – vielleicht nicht unbedingt sympathisch, aber erstaunlich interessant.

Mädcheninternate, ne? Lesbische Pärchen, ne?

Wir sprechen hier von Kinder- und Jugendbüchern aus der Mitte des letzten Jahrhunderts. Sexy Experimente im Achtbett-Schlafsaal sucht man da ganz sicher vergebens. Aber völlig absurd ist der Gedanke nicht, dass es auch lesbische Romanzen, zumindest diskret angedeutete, in Blytons Bücher schafften. Denn die Autorin wusste, wovon sie schrieb: Während ihr erster Ehemann sie gegen Ende der Beziehung mit einer 19 Jahre jüngeren Frau betrog, tröstete sich Blyton ihrerseits mit einer Affäre – mit einem der Kindermädchen ihrer Töchter.

Aber ganz ab vom Biografischen – die Figuren Will und Clarissa in der "Dolly"-Reihe haben schon ein sehr enges Verhältnis. Zudem ist Will fast klischeehaft burschikos, trägt kurze Haare und hält nichts von Mädchenkram. Selbst in den Fortsetzungsbänden aus deutscher Produktion wird diese Beziehung respektiert – in "Klassentreffen auf der Burg" treffen sich die Mädchen als Erwachsene wieder, fast alle haben ernüchternd normale Karrieren, normale Männer und einen Haufen Kinder. Aber Will und Clarissa betreiben noch immer zusammen eine Reitschule. Das ist a) ziemlich süß und b) schon recht deutlich, oder?

Nerd-Wissen olé

All das sind Dinge, über die ich mit zehn sicher nicht nachgedacht habe. Heute aber macht es fast ein bisschen Spaß, mehr über die Geschichten, Abgründe und die Doppelbödigkeiten hinter den braven Büchlein zu wissen. An meiner tiefsitzende Liebe zu all den verschiedenen Charakteren hat das jedenfalls nichts geändert. Und ich hoffe, sie wissen allesamt, wie froh sie sein können, dass sie es bis ins Erwachsenenalter geschafft haben, ohne je zu menstruieren.

Kinotrailer: "Hanni & Nanni 3"




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