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Zwischen Genie und Wahnsinn: Kanye Wests neues Album "Ye": Selbstmord, Größenwahn und Amerika

Am Freitag hat Kanye West sein neues Album "Ye" veröffentlicht. Es ist vielleicht nicht das beste seiner Karriere. Dennoch kommt man nicht drum herum, es zu hören.

Ein Bild, das Kanye West zeigen soll

Ein Porträt von Kanye West. Es steht fast sinnbildlich für die Welt, die der US-Rapper auf seinem neuen Album "Ye" beschreibt. 

Man wird bei Kanye West irgendwie das Gefühl nicht los: Das ist alles gut geplante PR. Das meint der nicht so, wenn er sich eine MAGA-Käppi (aus Trumps Kampagne "Make America Great Again") aufsetzt, Donald Trump in den Himmel lobt oder die Sklaverei als "eigene Wahl" bezeichnete. Nein, das kann er nicht ernst meinen.

Genie und Wahnsinn liegen bei West so nah beieinander wie wahrscheinlich bei kaum einem anderen Künstler auf der Welt. Er selbst gefällt sich in der Rolle des falsch verstandenen Hochbegabten, der mal wieder übers Ziel hinausschießt. Das kann er auch machen. Denn seine Musik gibt ihm Recht.

"Ye": sieben Songs, 24 Minuten, keine Hits

Das stellt auch sein neuestes Werk unter Beweis. "Ye" heißt es und ist beim ersten Hören eine absolute Enttäuschung: nur sieben Songs, 24 Minuten, keine Hits, keine neuartigen atemberaubenden Produktionen. Es wirkt alles so unspektakulär – im Vergleich zu seinen vorherigen Alben: Sein Debüt "The College Dropout" ist ein Hip-Hop-Klassiker, "808s & Heartbreak" hat die Nutzung von Auto-Tune überhaupt erst massentauglich gemacht und "My Beautiful Dark Twisted Fantasy" hat den Hip Hop revolutioniert – ihn gefühlvoller und emotionaler gemacht.

Auf "Ye" liegt der Fokus aber gar nicht auf der Produktion, sondern auf den Lyrics. Es dreht sich alles um West – seine Psyche, seine öffentliche Wahrnehmung, seine Beziehung zu Kim. Auch auf seine Skandal-Aussage über Sklavarei geht er ein. Im Track "Wouldn't Leave" rappt er: "I said, 'Slavery a choice.' They say, 'How, Ye?'/ Just imagine if they caught me on a wild day." Mit anderen Worten: Es hätte durchaus noch schlimmer kommen können.

Kanye West nennt psychische Erkrankung seine Superkraft

Drohende Worte. Dabei verspricht das Cover (das Foto machte er mit seinem iPhone, Anm. d. Red.) eher Ruhe und Abgeschiedenheit. Es zeigt die Berglandschaft Wyomings. Dort verbrachte der Rapper die letzten Monate und arbeitete, wie er es auf Twitter schrieb, an ganz viel Musik. Die Inschrift verspricht dagegen was anderes: "I hate being Bi-Polar it's awesome". Was auf Deutsch so viel heißt wie: "Ich hasse es Bipolar zu sein, es ist großartig."

Gleich im ersten Song geht der 40-Jährige darauf ein. Er spricht von Suizidgedanken: "And I think about killing myself, and I love myself way more than I love you, so..." Dass eine Bipolare Störung der Grund für solche Gedanken ist, wird wenig später klar: "That's my bipolar shit. That's my superpower. No disability. I am a superhero", schreit er in "Yikes" durchs Mikrofon. Seine psychische Erkrankung mache ihn zum Superhelden. Eine interessante Sichtweise. Aber auf jeden Fall sehr selbstbewusst.

Ebenso geht es auch weiter. In "All Mine" prahlt West, er könne jede haben, auch einen durch Trump bekannten Pornostar: "I could have Naomi Campbell/ And still might want me a Stormy Daniels". Zwischendurch spricht er dann aber wieder offen über seine Sucht nach Schmerzmitteln. "Sometimes I scare myself/ Shit can get menacin', frightenin', find help", rappt er. Den Tod von Prince, der durch eine Opioidenüberdosis starb, bezeichnet er im gleichen Atemzug als Warnung.

Psychisch krank, Suizidgedanken, abhängig: Gemütszustand einer Nation

Der vielleicht beste Track des Albums kommt aber gegen Ende: "Ghost Town". Ein Song, der all das vereint, was Kanye West zu einem der bedeutendste Künstler der 2000er-Jahre gemacht hat: Samples und Stimmen. In dem Fall ist es ein Gitarrenpart vom australischen Musiker Kevin Parker, gepaart mit einem Orgel-Sample und der Stimmengewalt von John Legend, Kid Cudi und Newcomerin 070 Shake. 

Inhaltlich dreht sich das Lied um seine Suche nach seinem persönlichen Glück: "I put my hand on the stove, to see if I still bleed/ Yeah, and nothing hurts anymore, I feel kinda free." Wie ein Kind, das herausfinden will, ob das Messer scharf ist und sich schneidet. Es beschreibt ganz gut die Eigenart von Kanye West. Er selbst dagegen beschreibt mit seinem neuen Album nicht nur seine eigene Lebenswelt, sondern vielmehr den Gemütszustand einer Nation: Ein Land, das gerade in einer Opioid-Krise versinkt, von einem größenwahnsinnigen Präsidenten geführt wird und irgendwo zwischen Depressionen und Egoismus schwebt. All das kommt auf Wests neuem Album zur Sprache – und trifft deshalb den Zeitgeist.

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