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Der Fehltritt-König: Erst sprechen, dann denken: Wie Kanye West zum Donald Trump des Hip Hop wurde

Seit knapp drei Wochen ist Kanye West wieder auf Twitter aktiv. In dieser kurzen Zeit hat der Rapper für mehr Skandale gesorgt als andere Prominente in zehn Jahren. Aber warum regt sich die Öffentlichkeit überhaupt noch auf? War Kanye West jemals anders?

Kanye West bei einem Basketballspiel

Mit seiner Aussage über Sklaverei erhitzte Kanye West die Gemüter – mal wieder   

Picture Alliance

Bei manchen Aussagen ist es schwer zu glauben, dass sie jemand wirklich gesagt hat. Eine Aussage von Rapper Kanye West im Interview mit dem Internetportal "tmz.com" fällt in diese Kategorie: "Wenn man von über 400 Jahre langer Sklaverei hört", sagte er da. "400 Jahre lang? Das klingt für mich nach eigener Wahl." Unfassbar. Hat er das wirklich gesagt? Ja, hat er – und nicht zum ersten Mal innerhalb kurzer Zeit eine Welle der Empörung ausgelöst.

Dabei waren seine Fans Mitte April zunächst froh gewesen über die Nachricht, dass wieder twittert. Es war ein Lebenszeichen des 40-Jährigen, nachdem er im November 2016 auf Betreiben seines Arztes in die Psychiatrie eingewiesen und wegen andauernder Panikattacken behandelt worden war. Nur sehr wenig hatte man seither über ihn und seinen Zustand erfahren. Im Nachhinein lässt sich auch vermuten, warum man so lange nichts mehr vom Musiker gehört hat: Der ohnehin schon immer leicht durchgeknallte West scheint nicht wirklich genesen zu sein.

Innerhalb von nicht einmal drei Wochen hat es Ye, wie er sich manchmal selbst nennt, geschafft, aus dem Nirwana der Öffentlichkeit aufzutauchen und zum Aufregerthema Nummer eins in den Kommentarspalten der sozialen Netzwerke zu werden. Nur: Zu welchem Preis?

Kanyes Twitter-Comeback: Crazyness at its best

Am 13. April hieß -CEO Jack Dorsey West mit einem Tweet noch persönlich willkommen zurück auf der Plattform. Seitdem twitterte der 21-fache Grammy-Gewinner beinahe stündlich. Zunächst waren es nur Erinnerungen mit Ex-Basketballprofi Lamar Odom, Tattoo-Designs oder Schuh-Prototypen für seine Adidas-Kollektion Yeezy. Zu diesem Zeitpunkt waren es amüsante und inspirierende Äußerungen von West. Doch die Sache geriet schnell aus dem Ruder.

Am 19. April kündigte er auf einmal fünf neue Alben für dieses Jahr an: sein eigenes, eins mit Rapper-Kollege Kid Cudi, eins von Sängerin Teyana Taylor, eins von Pusha T und eins von Rap-Legende Nas.

Drei Tage später ging es dann um das Lieblingsthema des Rappers: Freiheit. "Die Gedankenpolizei will die Gedankenfreiheit unterdrücken", schrieb er. Mit jedem Tweet wurde er von nun an politischer.

Der vorzeitige Höhepunkt war schließlich die nicht enden wollende Lobes-Hymne auf Trump: Er nannte den Präsidenten "meinen Bruder", schrieb, dass niemand ihn davon bringen könne, Trump zu lieben und fügte hinzu: "Ich liebe jeden. Ich stimme nicht allem zu, was jemand macht. Das ist es, was uns zu Individuen macht." Außerdem postete er ein Bild von sich, das ihn mit einer "Make America Great Again"-Cap zeigt.

Die Folgen seines Trump-Outings waren enorm: Andere Künstler forderten ihn auf, sich von Trump zu distanzieren. Für West offenbar kein Grund, nicht noch eine Schippe draufzulegen. Er veröffentlichte den Song Ye vs. The People. Darin führt er eine Unterhaltung mit dem amerikanischen Rapper und Trump-Kritiker T.I., in der er seine Unterstützung für den Präsidenten rechtfertigt.

Der endgültige Abschuss bisher war jene Äußerung im Interview bei "TMZ". Die wiederum beförderte ihn bei einigen endgültig ins Aus. Der Detroiter Radio-Sender 105.1 The Bounce etwa wird deshalb in Zukunft keine Songs des Rappers mehr spielen: "Uns reicht es", sagten die beiden Morningshow-Moderatoren des Senders während eines Facebook-Live-Videos. "Wir wollen Kanyes nicht mehr hören, wir wollen Kanye nicht mehr in unserer Show spielen und wir wollen nicht mehr über Kanye reden." 

Bei aller Empathie für jegliches Kanye-West-Bashing oder Entscheidungen, seine Musik nicht mehr zu spielen: Wieso regt sich überhaupt noch jemand über den Mann von Kim Kardashian auf?

Kanye West hat Fehltritte erfunden

Seitdem Ye in der Öffentlichkeit präsent ist, sorgt er für einen Aufreger nach dem anderen. Angefangen hat alles 2005. Bei einer Benefizveranstaltung zugunsten der Opfer des Hurrikans Katrina auf NBC im September 2005 äußerte sich Kanye West nicht nur erneut kritisch gegenüber der Regierung. In Abweichung vom Text des Teleprompters sagte er auch, dass dem damaligen Präsident George W. Bush die schwarze Bevölkerung Amerikas völlig egal sei.

Bush selbst bezeichnete Wests öffentlichen Vorwurf des Rassismus fünf Jahre später in einem Fernsehinterview als schlimmsten Moment und "absoluten Tiefpunkt" seiner Präsidentschaft.

Vier Jahre später hatte Kanye West bei den MTV Video Music Awards seinen nächsten großen Fernseh-Ausfall. Während die damals noch relativ unbekannte Taylor Swift ihre Auszeichnung für das "Best Female Video" entgegennahm, betrat West die Bühne, nahm ihr das Mikrofon aus der Hand und sagte, die ebenfalls nominierte Beyoncé habe "eines der besten Videos aller Zeiten" gedreht. Anschließend verließ er unter Buhrufen die Bühne.

Das sind nur zwei seiner dutzenden Fehltritte in der Öffentlichkeit. Bei den meisten Künstlern hätte vermutlich schon einer dieser Art gereicht, um die eigene Karriere in den Sand zu setzen. West ist dagegen immer noch da – warum?

Musikalisch ist Kanye West ein Genie

Trotz dieser ganzen Widersprüche, seiner Eskapaden und seines riesigen Egos kann man Kanye West eine Sache nicht absprechen: sein Talent. Er ist vielleicht der einflussreichste Hip-Hop-Musiker der vergangenen 15 Jahre. Wer heute Künstler wie Drake, Chance The Rapper oder Big Sean hört, kann sich in erster Linie bei West bedanken. Er hat den Hip Hop nämlich von seinem Gangster-Image weggeführt und ihn für popkulturelle Einflüsse geöffnet. Er hat das Nutzen von Auto-Tune (eine Software, die Musikaufnahmen bearbeitet) mit seinem Album 808s & Heartbreak salonfähig gemacht. Selbst im Deutschrap gibt es mittlerweile kaum noch einen Song, in dem nicht Auto-Tune verwendet wird.

Aber nicht nur auf musikalischer Ebene hat West ein einzigartiges Talent – auch als Designer. Der Sportartikelhersteller erzielt vor allem auch wegen der Kooperation mit dem Musiker gerade Rekordgewinne. Seine Yeezy-Schuhe aus der Kollektion gehören unter Sneaker-Fans zu den beliebtesten Teilen überhaupt.

Im Bezug auf seine Kunst ist Kanye West ein Genie. Nur bleibt das eben dem Großteil der Gesellschaft vorenthalten, weil die meisten Leute nichts von einem Künstler hören wollen, der arrogant, peinlich, cholerisch und selbstverliebt ist. In gewisser Weise ist Kanye selbst ein Donald Trump. Die meisten regen sich über ihn auf – und dennoch ist er erfolgreich. Das gibt er auch indirekt in einem kürzlich auf seinem Youtube-Channel veröffentlichten Video zu: "Alles, was ich mache, ist eine Art Außenseiter-Ding. Wenn ich dann jemanden sehe, der in dieser Hinsicht so ähnlich wie ich ist, schließe ich mich mit ihm zusammen."