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Notting Hill und Co.: Für das perfekte Foto: Wie Touristen Engländer aus ihren Häusern vertreiben

Sie wollen das perfekte Foto – und verlieren dabei jeden Anstand. Touristen, die auf das perfekte Foto für Instagram hoffen, setzen sich hierfür gerne mal vor die Haustüren fremder Leute und rauben diesen den letzten Nerv. Mit drastischen Folgen.

Urlaubsbilder sind eine der stärksten Währungen von Social Media geworden. Noch vor ein paar Jahrzehnten versuchte man, die Familie möglichst adrett vor einem schicken Berg zu platzieren und dann mit so wenigen Versuchen wie möglich ein Foto zu machen, das man später guten Gewissens in die Urlaubs-Dia-Show integrieren konnte. Hatte dann eines der Geschwister die Augen zu oder der Wind Papas Toupet erwischt, dann war das eben so und im Zweifel eine nette Geschichte. Heutzutage stellt sich die Frage: Wenn du nicht DAS perfekt belichtete Bild vor DER Fotowand an DEM Instagram-Spot schlechthin gemacht hast, warst du dann überhaupt im Urlaub?

Und während einige Menschen für den perfekten Schnappschuss tatsächlich auch völlig irrsinnige Gefahren eingehen, gehen andere vor allem ihren Mitmenschen auf den Senkel. Und zwar in einigen Fällen so sehr, dass diese sogar umziehen müssen. So geschehen unter anderem im Londoner Stadtteil Notting Hill. Dort sollen Fotowütige sich teilweise an ihre Zäune hängen, auf ihren Treppen Mittag essen und sich sogar an ihre Haustüren lehnen, um das perfekte Foto zu bekommen. Wie die britische Zeitung "The Sun" berichtet, haben die Foto-Eskapaden hier teilweise solche Ausmaße angenommen, dass Anwohner sich dazu gezwungen sahen, drastische Mittel zu ergreifen, um ihr Eigentum zu schützen.

Instagram: Für das perfekte Foto wird die Haustür zum eigenen "Disneyland"

Gegenüber der "Sunday Times" sagte eine Anwohnerin: "Es wird immer schlimmer. Sie sitzen auf meiner Türschwelle." Die 90-Jährige, die seit 40 Jahren in ihrem Haus in Notting Hill wohnt, berichtet außerdem, dass ihre Tochter bereits versucht habe, Menschen zu bitten, sich nicht dauerhaft vor der Haustür aufzuhalten, daraufhin allerdings wüst beschimpft worden sei. "Sie sind häufig unfreundlich und sehr laut", so die Londonerin.

Ihre Nachbarin Ari sagte der Zeitung, die Szenerie vor ihrer Haustür erinnere sie manchmal an "Disneyland". Bereits morgens könne sie Touristen vor ihrer Tür laut aufschreien hören und habe ihre Tür inzwischen mit einem Fleck versehen, um die Aufmerksamkeit zu reduzieren. Eine weitere Nachbarin soll eine Spendenbox vor ihrer Tür installiert haben, mit der sie pro Bild um 1 Pfund für wohltätige Zwecke bittet.

Und auch im verträumten Örtchen Bibury im Südwesten Englands haben die Foto-Aktionen Überhand genommen. In den Sommermonaten sollen sich hier bis zu 3000 Besucher pro Tag tummeln. Richard Williams, Bezirksvorsteher der Gemeinde sagte gegenüber "The Sun": "Viele Leute sind schon weggezogen. Mein guter Freund lebte 30 Jahre in der Arlington Row. Er war immer sehr bestimmt, wenn es darum ging, dass sich Leute einfach auf seine Wand setzten. Irgendwann wurde er es leid und zog weg."


jgs