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Reisebericht: "Please kiss!" Japan und seine widersprüchliche Beziehung zu Liebe und Sex

Liebe, Sexualitat und Ehe: Welchen Stellenwert hat romantische Liebe in Japan? Wie wird sie gelebt? Und wie sind ihre Zukunftsaussichten? Unsere Community-Autorin hat auf einer Reise durch Japan ein widersprüchliches Land erlebt.

Von NEON-Community-Mitglied Selina Holešinsky

Reisebericht: Japan und die Liebe

Ein Mann auf der Suche nach Lust in Japans größtem Sexshop

Ungefähr 15 Smartphones und unzählige Sake-verschleierte Augenpaare sind auf uns gerichtet. "Now – Please kiss!" fordert uns die untersetzte Bardame zum dritten Mal auf, nachdem sie unsere Wasserbestellung ignorierte und uns ein vollgefülltes Wodkaglas servierte. Die Augenpaare werden ungeduldig. Wir küssen uns wie Achtjährige auf dem Schulhof beim Flaschendrehen. Die Handykameras blitzen. Noch bevor wir Gelegenheit bekommen, einen Schluck Wodkawasser zu trinken, werden mehr Fotos von uns gemacht und unsere Gesichter auf sämtlichen Instagram-Feeds verteilt. 

Die Verwirrung steht uns ins Gesicht geschrieben. Alles was wir wollten, war ein ruhiges Glas samtigen japanischen Whiskeys, der uns zuversichtlich in den wohlverdienten Schlaf wiegen würde. Doch wir waren noch nicht lange genug durch Japan gereist, um zu wissen, dass es in diesem Land niemals so kommt, wie man denkt. Innerhalb weniger Minuten werden wir zu Karaoke singenden, sich küssenden Entertainern, die wiederum mit Alkohol und jeder Menge Zigaretten mühevoll bei Laune gehalten werden. Hätte man mir in dieser Situation eine Perücke aufgesetzt und eine rote Nase angesteckt, ich hätte problemlos ein Kaninchen aus irgendeinem Hut gezaubert. 

Reisebericht: Japan und die Liebe

Ein Youtuber auf der jagt nach Followern im angesagten Shibuya – wo sich jung & hip trifft

Kontrastprogramm im japanischen Nirgendwo

Irgendwann zu später Stunde geben unsere Stimmbänder den Geist auf. Wir verlassen die Bar mit einem Kopf voller schwirrender Gedanken. Waren wir Tage zuvor in einem Tokio gelandet, das zwar ebenso absurd war, uns jedoch das Gefühl entspannter Gleichgültigkeit vermittelte, so durchliefen wir nun das Kontrastprogramm. Knapp 650 Kilometer weiter südlich, im japanischen Nirgendwo.

Als wir in unserer Unterkunft am Fuße des Mount Fujis ankommen, begrüßt uns eine lächelnde junge Frau. Ihr Englisch ist gut. Sie freut sich sichtlich auf uns. Sie ist 32, eine leidenschaftliche Weltenbummlerin und wohl auch keine Kostverächterin. Sie schwärmt von italienischen Männern und flüstert mir zu, wie süß sie meinen Begleiter findet. Ihr japanischer Ehemann sitzt teilnahmslos auf der Couch und liest Mangas. Er spricht kein Wort Englisch, wie viele Japaner. Wir versuchen ihn eingangs in das Gespräch zu integrieren, doch schnell merken wir, dass er das nicht möchte. 

Eine arrangierte Ehe und ein italienischer Gigolo

Im Laufe des Abends lenkt unsere Gastgeberin unser Gespräch immer wieder auf das Thema Liebe. Sie erzählt uns, wie sie ihren Mann kennengelernt hat. Vor allem ihre Mutter scheint sich in ihren neuen Schwiegersohn verliebt zu haben, noch bevor sie es tat. Ausnahmslos einen japanischen Ehemann hätten ihre Eltern akzeptiert, erzählt sie. Als es für sie an der Zeit war zu heiraten, stand er plötzlich da. Ich kann nur zwischen den Zeilen lesen und vermuten, dass er ausgesucht wurde. Sie scheint nicht darüber sprechen zu wollen. Ihrem italienischen Gigolo musste sie daraufhin jedoch schweren Herzens Lebewohl sagen. Er hätte ohnehin zu viele Frauen gleichzeitig gehabt. "My husband is ok. He is a good husband", wirft sie sichtlich schuldbewusst immer wieder ein, während sie kichernd Bemerkungen fallen lässt, die ihr Ehemann hoffentlich nicht versteht. Ich versuche, ihn unbemerkt zu beobachten. Er blättert zu meiner Erleichterung unbeirrt von rechts nach links in seinem Manga-Buch. 

Immer wieder scheint sie uns mit Nachdruck signalisieren zu wollen, dass sie eine moderne japanische Frau ist, die stark und selbstbewusst durchs Leben geht. Doch es sei nicht leicht, als Frau in einer immer noch sehr traditionellen Kultur, den eigenen Weg zu einzuschlagen. Vollzeit zu arbeiten wäre in ihrer Familie für Frauen nicht gern gesehen, daher arbeite sie ab und an als Kosmetikerin und versuche, sich über Airbnb etwas Geld dazuzuverdienen. 

Sehnsucht nach der großen Liebesgeschichte

Irgendwann sind wir an der Reihe, die Erwartungen einer jungen Romantikerin mit der Sehnsucht nach der großen Liebesgeschichte zu erfüllen. Ich erzähle ihr, wie wir uns kennengelernt haben. Als wir uns beiläufig küssen, wirkt sie glücklich. Ich habe das beirrende Gefühl, ihren Erwartungen und ihrer kitschigen Sehnsucht nach der großen Liebe gerecht werden zu müssen. 

Reisebericht: Japan und die Liebe

Alltag in der U-Bahn in Tokio

Später erfahren wir, dass immer mehr junge Japaner Beziehungen und Heirat sehr skeptisch gegenüber sind. Vor allem in Großstädten versucht man, aus dem gängigen Muster auszubrechen. Viele wollen nicht heiraten, denn eine Ehe gilt in der Gesellschaft immer noch als "das Grab der Frau". Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ihren Job in der Ehe aufgibt, ist sehr groß. Beziehungen in loser Form scheint es nicht wirklich zu geben. 

Auch die Sexualität leidet in Japan

Doch nicht nur die Ehe, sondern auch die Sexualität leidet unter den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Selbst einen Begriff haben die Japaner bereits dafür erfunden: "Sekkusu shinai shokogun" – das Keuscheits-Syndrom. Zu kompliziert und mit zu viel Aufwand verbunden sei es, in Japan Sexualität auszuleben, was dazu führt, dass Japan die niedrigste Geburtenrate weltweit hat. Jene, die sich der Sexualität jedoch nicht komplett entsagen wollen, entscheiden sich für kurze Affären, schauen Pornos oder haben virtuelle Freundinnen und Freunde. 

Ventile für die große romantische Liebe sind hauptsächlich Filme und Mangas. Romantik, wie wir Europäer sie kennen, scheint einen anderen Stellenwert zu haben. Kein Wunder, denn die klischierte westliche Darstellung des schnulzigen "Happily ever after"-Märchens hielt in Japan erst durch die amerikanischen Einflüsse nach dem zweiten Weltkrieg in Form von Popkultur Einzug. Mit ihr kam der romantische Kuss in der Form, wie wir ihn kennen. Im alten Japan existierte er so nicht. Sich romantisch in aller Öffentlichkeit zu küssen war verpönt. Erst durch die Verarbeitung der amerikanischen Einflüsse erhielt er mehr und mehr Symbol- und Sehnsuchtscharakter. Trotz der kulturellen Öffnung ist der Kuss auf der Straße nach wie vor nicht gerne gesehen. Weder der romantische Kuss, noch der Kuss aus Höflichkeitsgründen. Jegliche Art von Körperlichkeit – ob freundschaftlich oder darüber hinaus – ist demnach eher unüblich. 

Im Laufe der Reise gewöhnen wir uns an Japans ambivalente Beziehung zum Kuss. Sobald wir eine Bar betreten, hören wir irgendwann zu betrunkener Stunde wie jemand "Please kiss!" in unsere Richtung ruft. Für einen kurzen Moment scheinen wir die Projektionsfläche für unerfüllte Wünsche oder romantische Träume zu sein. Trotz anfänglicher Unbehaglichkeit spielen wir nun einfach mit. Nichts liegt uns ferner, als Sehnsuchtsträume zerplatzen zu lassen. Denn verliebte Träumer sind wir selbst.

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