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Zwischen Feuerwache und Fußballplatz: Sonja ist Rettungsassistentin, Fabian gestresst: Wie sie gelernt haben, zur Ruhe zu kommen

Sie verbringt zwei Mal die Woche zwölf Stunden auf einer Feuerwache und wartet auf ihre Einsätze, er versucht, irgendwie Job, Fußball, Leben und Fitness unter einen Hut zu bekommen. Hilfe bekommen dabei beide von einer Fitnessuhr – die ihnen vor allem sagt, wenn sie mal zur Ruhe kommen müssen.


Sonja und Fabian testen eine Fitnessuhr

Sonja ist neben dem Medizinstudium als Rettungsassistentin im Einsatz, Fabian versucht, Fitness, Fußball und Arbeit unter einen Hut zu bekommen – beide brauchen mehr Ruhe

"Wenn dein Rufzeichen erklingt, ist es total egal, was du gerade machst, dann musst du los – auch wenn du auf der Toilette sitzt", sagt Sonja, während wir im Einsatzraum der Feuerwache stehen. Gerade sind in dem halbdunklen Raum schlagartig alle Lichter angegangen, während aus den Lautsprechern eine sonore Tonabfolge zu hören ist. Auf einer kleinen Box blinken Lichter. " An den Tönen kann man erkennen, wer gerade gerufen wird. Eine Abfolge steht für die Feuerwehr und eine für die Rettungswagen. Und welches Team dann konkret raus muss, erkennt man an der Anzahl der Töne." Sonja ist Rettungsassistentin, wird aber in diesem Fall nicht gebraucht. Zwei mal die Woche wartet sie hier bis zu zwölf Stunden auf ihre Einsätze. Mal sind es fünf, mal 15 in einer Schicht.

Seit 2013 macht die 29-jährige Hamburgerin den Job bereits und arbeitet auch jetzt, neben dem Medizinstudium, weiterhin Teilzeit in der Rettungswache. Die Doppelbelastung mit den langen Schichten kann ziemlich an die Nieren gehen. Auch jetzt ist sie bereits den ganzen Tag auf den Beinen, hat dennoch ein breites Grinsen im Gesicht. "Komm, ich zeig dir, wo die Einsätze reinkommen", sagt sie und läuft in Richtung eines halbdunklen Raumes an einem Ende der Wache. "Auf diesem Computer werden vergangene Einsätze angezeigt und neue aufgenommen", erzählt Sonja, "und wenn ein Wagen raus muss, kommt hier direkt ein Zettel mit den wichtigsten Informationen raus. Wo müssen wir hin? Um wie viele Personen geht es? In welches Stockwerk müssen wir?" 

Löschzüge und Krankenwagen: Wo schlafen eigentlich Rettungssanitäter? Ein Besuch auf der Feuerwache
Sonja vor dem Rettungswagen

Immer bestens ausgestattet: Wenn Sonja auf einen Einsatz fährt, darf der Rucksack mit allen nützlichen Utensilien auf keinen Fall fehlen.

Entspannte Nachtruhe auf der Feuerwache? Pustekuchen!

Damit die Einsatzkräfte rund um die Uhr bereit sind, schläft die Nachtschicht in kleinen Räumen direkt neben der Wagenhalle. Diese sind nach Rettungswagen aufgeteilt und können spezifisch aufgerufen werden. "Dann gehen drin die Lichter an und du hörst den Weckruf." In der Nachtschicht versucht Sonja, irgendwie einen Mittelweg zwischen Komfort und Praktikabilität zu finden: "Du willst definitiv nicht in deinen Einsatzklamotten ins Bett, aber du musst auch allzeit bereit sein." Heißt: Schlafanzug darf angezogen werden, aber komplizierte Kleidungsstücke wie der BH müssen mit ins Bett. Dass man da keine entspannte Nachtruhe hat, ist vermutlich selbsterklärend. Mit einer Fitnessuhr versucht sie momentan, detailliert herauszufinden, was der Schichtdienst mit ihrem Körper macht und wie sich das auf ihr Sportregime auswirkt und auswirken sollte. 

"Ich kann nichts daran ändern, dass ich während der Nachtschichten nicht ruhig schlafe und mein Körper somit keine wirkliche Entspannung bekommt, aber ich habe durch die Daten herausgefunden, dass mein Körper auch in der Nacht nach der Nachtschicht immer noch wahnsinnig unter Strom steht und ich gar nicht wirklich ruhig schlafe und deshalb darauf achten muss, dass ich früher zur Ruhe komme", erzählt sie.

Denn der Stress ist nicht nur körperlich: "Du siehst auch viel Elend und viel Leid." Ein Fall, der sie noch immer nicht in Ruhe lässt, ist schon ein paar Jahre her: "Mein erster Einsatz mit einem jungen Menschen, der erschossen wurde. Wir kamen an und es hieß, da läge eine Leiche auf einem Feldweg – die sollten wir in die Rechtsmedizin fahren. Auf den ersten Blick sah das schon unnatürlich aus und auf den zweiten konnte ich sehen, dass er einen Schuss in den Kopf und mehrere in die Brust bekommen hatte. Der wurde hingerichtet. Daran hatte ich noch eine Weile zu knabbern, auch, wenn der Täter gefunden werden konnte", erzählt Sonja. Trotzdem liebt sie ihren Job: "Er macht mir viel Spaß weil er wahnsinnig vielseitig und nie monoton ist." Man sähe immer wieder "viele gute Dinge, wie Geburten oder Menschen, die schon dadurch, dass du in ihre Wohnung kommst, Erleichterung verspüren."

Um sich selbst möglich viel Ruhe und Raum zu geben, ist es wichtig, Job und Privatleben klar zu trennen. Obwohl es in der Wache ein Fitnessstudio gibt, trainiert Sonja lieber in einem auswärtigen Gym oder zu Hause – und hat gemerkt, dass sie manchmal noch viel mehr Energie hat, als eigentlich gedacht: "Ich mache zur Zeit noch ein Praktikum in einer Kinderarztpraxis und obwohl ich das Gefühl habe, den ganzen Tag durch die Gegend gerannt zu sein, gucke ich manchmal abends auf die Uhr und da steht, ich hätte erst 30 Prozent meiner Aktivität für den Tag absolviert. Dann gehe ich laufen und stelle fest, dass ich noch total viel Energie habe. Das ist ein gutes Gefühl. Und es spornt auch an, häufiger mal doch die Treppe zu nehmen und nicht den Aufzug." Oder, für die ganz Mutigen, dann halt die Feuerwehrstange – auch wenn die gar nicht so oft zum Einsatz kommt, wie Sonja verrät: "Über die Treppe dauert es nicht viel länger." 

Auch Fußballer Fabian muss lernen, zur Ruhe zu kommen

Das Problem mit den fehlenden Ruhephasen und unausgeglichenen Tagen kennt auch Fabian. Der 26-jährige Online-Marketing-Manager spielt leidenschaftlich gern Fußball und mischt seit dieser Saison mit seinem Team sogar in der Oberliga mit. Doch das ist nicht nur körperlich kräftezehrend, sondern nimmt auch einiges an Zeit in Anspruch – und die ist in seinem Alltag echte Mangelware: "Für die Mannschaft läuft es seit dem Aufstieg ganz gut, ich persönlich bleibe hingegen weit hinter meinen eigenen Erwartungen und Ansprüchen. Privater Alltagsstress hat die letzten Wochen für kräftezehrende Tage gesorgt. Das merke ich besonders auf dem Platz – fehlende Spritzigkeit und Konzentration. Das kann auch keine Uhr wieder wett machen."

Fabian beim Fußball

Fabian beim Fußball – seine Mannschaft ist vor Kurzem in die Oberliga aufgestiegen

Denn auch Fabian hat in den letzten Wochen die Fitnessuhr getestet. Und auch, wenn er dem Trainingsplan, der ihm dort vorgeschlagen wird, zur Zeit nicht immer folgen kann, ist er dankbar für die Tipps: "Was ich sehr hilfreich finde, sind die Vorschläge für Cardio, Kraft und Stretching. Aktuell ist ein ungünstiger Zeitpunkt, da ich es nach dem Fußball-Training nicht immer noch zum Fitness schaffe."

Doch einen kleinen Erfolgsmoment kann der Mann, der von sich selber sagt, dass er dazu tendiert "mich selbst und meinen Körper zu überanspruchen und mir nicht genug Zeit für Regeneration zu nehmen", auch schon vermelden: Die Atemübungen, die die Uhr ihm anbietet, haben Erfolg gezeigt. "Ich merke, dass ich ruhiger und vor allem schneller einschlafe, wenn ich die Atemübungen durchgeführt habe", so Fabian. "Man ist nicht so aufgewühlt und der Körper fährt runter." Ein kleiner Schritt für den Fußballer, ein großer Schritt für den Menschen.

jgs
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