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Ab in die Berge!: Warum ich plötzlich den Horror-Urlaub aus meiner Kindheit gut finde

Als 13-Jährige hat unsere Autorin die Berge gehasst. Sie musste im Winter Skifahren, im Sommer Wandern. Doch seit sie die 30 überschritten hat, sieht das ganz anders aus. Plötzlich interessiert sie sich für Wanderrouten, Bergstiefel und die Energie, die ein Weg haben kann.

Von Stephanie Morcinek

Eine Frau beim Wandern

Als Kind hat unsere Autorin den Wanderurlaub gehasst – inzwischen macht sie das sogar freiwillig

Unsplash

Samstagmorgen. 5.30 Uhr. Der Wecker klingelt. Ich habe ihn freiwillig auf diese unchristliche Zeit gestellt. Gestern Abend übrigens. Um 22.07 Uhr als ich zu Bett ging. Ebenfalls freiwillig. 

Während ich unter der Woche beim Wecker-Gebimmel immer wieder heftigst auf Snooze presse, hüpfe ich jetzt ohne Gebrumme aus den Laken, springe unter die Dusche und fange – jetzt ist der Moment gekommen, in dem ihr mich für völlig bekloppt halten dürft – an zu pfeifen: "Im Frühtau zu Berge". Ein Lied, das ich in der Grundschule auf der Flöte auswendig konnte und das sich scheinbar tief in meine Musik-Synapsen eingenistet hat, um an diesem Samstagmorgen über meine zusammengepressten Lippen nach draußen zu entweichen.

Auf meinem Sofa habe ich mir mein heutiges Outfit bereits zurecht gelegt. Running-Top mit eingewebtem BH, Fleecejacke, Windbreaker und – ich hätte bis vor ein paar Jahren nie gedacht, dass ich jemals in meinem Leben so etwas besitzen werde, aber gut, ich habe sie jetzt – eine Zip-Off-Hose, die ich mit zwei Reißverschlüssen am linken und rechten Bein von einer langen in eine kurze Hose verwandeln kann. Klingt hässlich, ist es auch, aber leider auch sehr praktisch. Daneben steht mein Wanderrucksack, den ich mit meiner wiederauffüllbaren Wasserflasche, meiner Sonnenbrille, einer Cap,  Sonnenschutz, Taschentüchern, Nüssen und Äpfeln belade.

Als es um 6.15 Uhr pünktlich an meiner Tür klingelt, ziehe ich meine fetten Wanderschuhe an, schnüre sie fest zu, schnappe mir den Rucksack und springe zu meiner Freundin Michelle ins Auto. Im Navi ist unser Ziel bereits eingegeben: Appenzell in der Schweiz! Fahrtzeit: etwa drei Stunden. Wir wollen heute auf dem Kronberg den Kraftweg zur Jakobsquelle laufen, einem Wanderweg, der auch Teil des berühmten Jakobswegs ist, auf dem sich jährlich über 300.000 Pilger auf der Suche nach Gott oder sich selbst begeben. Michelle und ich suchen allerdings eher die Ruhe vom Wahnsinn der Großstadt! 

Hätte mir einer vor zehn Jahren erzählt, dass ich irgendwann freiwillig wandern würde, und es auch noch richtig gern tue, ich hätte ihm den Vogel gezeigt. Mit Mitte 20 habe ich Wandern gehasst. Ich hatte ein regelrechtes Trauma. Schließlich musste ich mit meinen Eltern und meinem kleinen Bruder jedes Jahr in die Berge fahren. Wandern im Sommer, Skifahren im Winter. Immer nach Maria Alm.

69 Prozent der Deutschen wandern regelmäßig

Während ich in unserem Ferienhaus – oder auf irgendeinem Gipfel – sass, träumte ich davon, genau wie meine Klassenkameraden nach Spanien oder Portugal in die Sonne und ans Meer zu fliegen. Ich wollte keine grünen Wiesen, Kühe waren mir egal, die Aussicht auf die Berge interessierte mich so viel wie die Sendezeiten des Tatorts.

Doch jetzt, mit großem Abstand zu meiner Kindheit und ein paar Urlaube in der Sonne und am Meer später, begreife ich immer mehr, was das Faszinierende am Wandern ist, das auch meine Eltern so in seinen Bann gezogen hat und das 69 Prozent der Bevölkerung zu regelmäßigen Wanderern macht. Über 50 Millionen Deutsche wandern, verteilt auf 370 Millionen Tageswanderungen pro Jahr. So lauten zumindest die Zahlen, die der Deutsche Wanderverband (DWV) in einer gemeinsamen Broschüre mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) herausgibt.

Ein Weg, voller Energie 

Als wir in Gonten ankommen, verdeckt dicker Nebel die Sicht auf die Alpen. Wir stellen unser Auto auf einem Parkplatz ab, der direkt an der Seilbahn liegt, die uns hinauf bringt auf 1657 Meter auf den Kronberg. Acht Minuten Fahrt mit etwa 30 anderen Wanderern für 27 Schweizer Franken (etwa 23 Euro). Die Gondel schaukelt als sie einen der dicken Betonpfeiler passiert. Unter uns, über uns, links und rechts – alles voller Nebel. Nach etwa fünf Minuten stecken wir mitten drin im Weiß. Doch schon 60 Sekunden später, lichtet sich die Sicht, wir fahren aus dem Nebel hinein ins Blau mit Blick auf die schneebedeckten Gipfel der umliegendene Berge. Ahhhhs und Ohhhhs raunen durch die Gondel, die Stimmung steigt. Und wir steigen endlich aus.

Mintgrüne Pfeile weisen uns auf den „Kraftweg“. Er führt uns direkt zur Jakobsquelle, dem Ort, an dem laut Legende einer von zwei Pfeilen landete, den einst der Apostel Jakobus vor Wut von Santiago de Compostela in den Norden schmetterte, und der von negativen und positiven Kraftfeldern durchzogen sein soll.

Wir geniessen kurz die Sonnenstrahlen und die grandiose Aussicht auf die Alpen, bevor wir in den Wald eintauchen – den negativen Teil der Strecke. Das Gehen fühlt sich tatsächlich auf einmal schwerer an, der Weg führt steil hinab. Die Bäume lassen nur noch vereinzelte Sonnenstrahlen auf uns fallen, es ist frostig, durch die Bewegung wird uns aber gleichzeitig warm. Das Handy wird nur herausgekramt, um die Natur festzuhalten. Was gerade bei Facebook, Insta oder in unserem E-Mail-Postfach los ist, interessiert nicht. 

Ich glaube, das ist es auch, was das Wandern so einzigartig macht. Man ist in der Natur und mit der Natur. Als Kind konnte ich das wohl nicht ganz begreifen. Ich habe das alles nicht zu schätzen gewusst. Wahrscheinlich, weil ich es immer hatte. Es war nichts Besonderes mehr. Doch weil ich jetzt mitten in einer zwei Millionen Metropole lebe, ist Natur das, was mich runterbringt, was mich die Hektik des Jobs vergessen lässt. Natur ist ein Stresskiller. Ein Energie-Zurückgeber. Als Kind habe ich das noch nicht gebraucht, mein Powerlevel stand ständig auf 99 Prozent. Doch mit den Jahren nimmt es ab und der Akku lässt sich schwerer laden. Wandern ist dabei wie ein Extra Charger. Mit jedem Schritt kommt die Energie zurück. 

Ein Flash-Back zu meiner Teenie-Zeit lässt mich begreifen, warum ich gerne wandere

Das spüren wir besonders, als wir den Wald hinter uns lassen und der Jakobsquelle immer näher kommen. Es ist fast so, als ziehe sie uns an. Obwohl teilweise noch Schnee auf dem Weg liegt, sind wir schneller, die Beine leichter. Die Sonne hat sich jetzt auch wieder breit gemacht, wir sehen Enziane und Schlüsselblumen wachsen und es fühlt sich ein bisschen so an, als hätten wir Rückenwind. Obwohl an diesem Tag kein Lüftchen weht. Das mit dem Energiefeld des Weges scheint zu stimmen. 

Die Quelle, die wir nach etwa eineinhalb Stunden erreichen, ist ein kleines Rinnsaal, das mitten aus dem Felsen entspringt. Das Wasser ist kalt und schmeckt sehr rein, nicht vergleichbar mit dem Wasser, das ich mir heute Morgen noch aus einer Plastikflasche in meine Wanderbottle umfüllte. Michelle und ich trinken, halten kurz inne, spüren die angebliche Energie. Leider hat die uns aber gerade in dem Moment irgendwie verlassen. Wir merken, dass wir riesigen Hunger haben, den wir mit Äpfeln und Nüssen leider nicht stillen können. 

30 Minuten wandern wir deshalb noch weiter, vorbei an der Jakobskapelle, bis zum Berggasthaus Scheidegg. Wir bestellen Rivella, einen Salat und Rösti mit Eiern. Beim ersten Bissen in den Kartoffelpuffer habe ich einen Flashback. Zurück zu meinem Teenie-Ich. Ich sitze mit meiner Familie in Maria Alm, nach getaner Wanderung. Ich beiße in einen Schinke-Käse-Toast, neben mir steht ein Glas Almdudler. Das Gefühl in mir: Glück. Nicht mehr, nicht weniger. Und genau das empfindet mein Ü-30-Ich jetzt auch.

Das Schöne am Wandern ist diese Abwechslung aus Anstrengung und den kleinen Pausen. Das Um-Sich-Blicken. Das In-die-Ferne-Schauen. Das Entdecken. Wandern hat null Hektik. Keinen Stress. Es ist einfach nur das Gehen, das Vorankommen, die Gewissheit, es gibt ein Ziel – in unserem Fall erst die Quelle, dann die Hütte (und das Essen!). So ein Wandertag ist wie ein Projekt, das zu einem glücklichen und erfolgreichen Abschluss kommt. 

Und wer dieses Gefühl nicht beim Essen hat, bekommt es spätestens am Abend, wenn man die Schnürsenkel aufbindet, die schweren Schuhe in die Ecke stellt, die Zip-Off-Hose ablegt und keinen Wecker stellen muss. Weil morgen Sonntag ist.

Flughafen Kontrolle Schulschwänzen
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