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Alle Jahre wieder: Das Beste am Kirchgang an Heiligabend ist doch das – Krippenspiel!

Essen, Bescherung, Beisammensitzen – alles schön an Weihnachten. Aber irgendwie gehört doch auch der Gang in die Kirche dazu, und das Unterhaltsamste daran ist natürlich immer das Krippenspiel. Vorgetragen von verlegenen Teenagern in Engelskostümen und Schlapphüten.

Kinder bei einem Krippenspiel in Niedersachsen

Da mussten viele von uns durch: Kinder bei einem Krippenspiel in Niedersachsen

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Ja, ich bin kein regelmäßiger Kirchgänger und somit wohl einer dieser Menschen, die sich in der Regel nur einmal im Jahr dort blicken lassen. An Heiligabend. Und das größtenteils auch nur, weil es eben dazugehört: Leckeres Essen und Bescherung machen nun mal viel mehr Spaß, wenn man vorher bewusst darauf warten muss. Dazu ist so ein lauschiger Gottesdienst doch ziemlich perfekt. Und außerdem mag ich eigentlich alles drumherum. Und besonders das alljährliche Krippenspiel.

Der Kirchenbesuch gehört irgendwie dazu

In unserem Dorf in Niedersachsen gibt es vor dem "richtigen" Gottesdienst spätabends den Krippenspiel-Gottesdienst um 17 Uhr. Er dauert nur eine Dreiviertelstunde und ist extra so geplant, dass auch ungeduldige Kinder ihn durchhalten. Um einen guten Platz – oder überhaupt einen Platz – zu bekommen, muss man sich schon eine halbe Stunde vorher auf den Weg machen Durch die Dämmerung spaziert man durch die stillen Straßen und wird automatisch direkt etwas feierlich. Man begegnet Menschen auf dem Weg, die man viele Jahre nicht getroffen hat, und wünscht ihnen frohe Festtage und fühlt sich dabei direkt wieder etwas mehr zugehörig zu diesem Dorf, in dem man seine gesamte Kindheit verbrachte und aus dem man eigentlich nie weg wollte.

Und dann sitzt man in der Kirche auf den harten Holzbänken – und ist sofort wieder 13 Jahre alt. 13 deshalb, weil das alljährliche Krippenspiel immer von den Vorkonfirmanden geplant und aufgeführt wird. Und weil einen die aufgeregten Teenies, die durch die Gänge huschen – in Sternenkostümen oder Schlapphüten – so sehr an die eigene Show vor vielen Jahren erinnern. Wir waren damals eine kleine Gruppe, alle bockig und verlegen (Pubertät, yay) und nicht besonders scharf auf die Aufmerksamkeit. Wir hatten eine tolle Idee und machten aus der Jesus-Geschichte ein Schattenspiel. Weil wir nur wenige Mädchen waren, musste ich Maria sein und stolperte mit umgeschnalltem Kissen vor dem Bauch hinter aufgehängten Bettlaken über die Bühne.

Schattenspiele, Schafe, Szenenapplaus

Vielleicht nicht das Highlight der dörflichen Krippenspiel-Geschichte. Anders als zwei Jahre später, als Anne ein echtes Schaf mit in die Kirche brachte. Ihre Eltern hielten Schafe und Romeo (das Schaf) war ein Waisenlämmchen gewesen, das Anne mit der Flasche aufgezogen hatte und das deshalb zahm wie ein Hund war. Im Dezember war es längst kein Lämmchen mehr, sondern ein ausgewachsenes und gut genährtes Wollknäuel auf vier Beinen. Aber es machte sich ausgezeichnet in der Bühnenkulisse und ließ sich nach dem Gottesdienst geduldig von allen anwesenden Kindern tätscheln. Dass der Überlieferung zufolge ja bloß Ochs und Esel neben der Krippe standen und kein Schaf, spielte da nur eine untergeordnete Rolle.

An was ich mich bei ziemlich jedem Krippenspiel erinnern kann: Mikrofonprobleme, Missverständnisse, wann die Orgel einsetzen soll, Missverständnisse, wann das Licht ein- oder ausgeschaltet werden soll, Textaussetzer auf der Bühne. Angehaltener Atem und kurze Panik bei allen Beteiligten und den mitfiebernden Eltern. Aber das gehört alles dazu und macht die Sache ja so fürchterlich charmant und herzig.

Und seit den 90ern hat sich in Sachen Entertainment eine Menge getan. Seit es einen eigenen kleinen Chor an unserer Grundschule gibt, unterstützt der seit ein paar Jahren die Vorkonfirmanden. Super Sache, da die gefühlt immer weniger werden. Einmal, weil es generell weniger Kinder gibt und dann, weil weniger Familien so gläubig sind, dass ihnen die Konfirmation der Kinder wichtig ist. Mit dem Kinderchor ist auf der Bühne gleich mehr los. Außerdem wird inzwischen mit Profi-Mikros, Scheinwerfern und Live-Band gearbeitet. In diesem Jahr legte der Esel – ein kleines Mädchen – eine 1A-HipHop-Einlage hin. Hätte sich von uns damals keiner getraut, Respekt. Nach einigen Experimenten, in denen die jeweilige Vorkonfirmandengeneration (was für ein schönes deutsches Wort!) mühsam versuchte, die Maria-und-Josef-Story in die heutige Zeit zu übertragen, gab es in den vergangenen Jahren eigentlich immer den Klassiker. Mal so, mal anders abgewandelt, meistens wirklich amüsant.

Wir waren alle mal 13, wir waren alle mal dran

Der größte Unterschied ist aber vielleicht der Applaus. In der Kirche wird nicht geklatscht, galt damals, und erst ganz am Ende, wenn der Pastor es ausdrücklich erlaubte, flippten die Familien der tapferen Teenies aus. Inzwischen gibt es jede Menge Szenenapplaus und ich bin mir sicher, dass Gott das ganz prima findet.

Inzwischen kenne ich die Kinder nicht mehr persönlich, sie sind schließlich halb so alt wie ich. Aber ihre Nachnamen sagen mir alle etwas. Sie sind die Kinder meiner damaligen Mitstreiter und Schulfreunde, die in Sachen Familienplanung schneller waren als ich und im Dorf geblieben sind. Und während Maria, Josef, die Hirten und die Herbergsbesitzer auf der Bühne vor dem Altar stehen und tapfer gegen das Lampenfieber ankämpfen, haben sie keine Ahnung, dass gerade gut 200 Menschen sie anschauen und daran denken, wie sie selbst da standen. Damals, mit 13.

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wt