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Auseinandergelebt: Dorfkind und nicht stolz drauf: Abschiedsbrief an meine Heimat

Eine Rückkehr in die Heimat kann aufwühlend sein. Unsere Community-Autorin kommt aus einem Dorf im Schwarzwald und merkt bei der Ankunft, wie weit sie sich nicht nur geografisch, sondern auch innerlich davon entfernt hat. Ein Abschiedsbrief.

Von NEON-Community-Mitglied Mirjam B.

Eine junge Frau sitzt in einem Auto

Bei der Rückkehr in ihre Heimat realisiert unsere Community-Autorin, dass sie sich von dem Dorf nicht nur geografisch entfernt hat (Symbolbild)

Getty Images

30 Grad zeigt das Thermometer meines an, als ich losfahre. Seit Wochen herrschen diese Temperaturen hier. In den Nachrichten sprechen sie vom Frühsommer. Wenn ich nicht in einer Dachgeschosswohnung leben würde, könnte ich diese Temperaturen noch mehr genießen. 

Mein Ziel ist ein kleines Dorf im . Apropos Schwarzwald. Exakt 47 Minuten, 45 Kilometer und 666 Höhenmeter trennen meinen Heimatort von meinem jetzigen Wohnort. Aber es sind weit mehr als diese Zahlen, die mich von dort trennen. Mit meiner Heimat ist es im Grunde wie mit einer Beziehung. Ich liebe meine Heimat, aber wir streiten uns schon lange viel zu häufig. Wir haben seit einiger Zeit ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, was wir wollen. Ich versuche immer wieder auf sie zuzugehen, aber danach komme ich stets zu demselben Ergebnis: Es funktioniert einfach nicht mehr mit uns. 

Heimfahrt durch das Himmelreich

Ich sitze also im Auto und fahre los. Es fühlt sich toll an, im Auto zu sitzen und durch die Stadt zu brausen. Die Strecke ist mir so vertraut, dass ich mich ganz meinen Gedanken hingeben kann. Erst kommt der Tunnel, dann die Strecke der Schnellstraße. Danach kommt ein Ort namens Himmelreich. Ja genau, Himmelreich. Es heißt so, weil davor das Höllental kommt, durch welches ich als nächstes fahre. Kurz frage ich mich, warum Himmelreich nicht auf der anderen Seite des Höllentals kommt, also auf der Seite, die anschließend in meine Heimat führt. 

Links und rechts neben mir ragen hohe Felswände empor. Die Straße schlängelt sich durch sie hindurch, als ob sie vor tausenden von Jahren darum um Erlaubnis gebeten hätten. Ich überwinde also mehrere hundert Höhenmeter, um dann oben im richtigen Schwarzwald anzukommen. Vor allem merkt man das an der Vegetation und den sinkenden Temperaturen. Da, wo in der Stadt Buchen und Kastanien standen, stehen hier Fichten und Tannen. Von hellgrün zu dunkelgrün. 

Ein Abschiedsbrief

Ich fahre am Titisee vorbei und überwinde weitere Höhenmeter, bevor ich in dem Dorf ankomme, in dem ich aufgewachsen bin. Es fühlt sich vertraut an und gleichzeitig fühle ich mich wahnsinnig fremd auf diesem Fleck Erde. Mehr noch: Ich fühle mich völlig deplatziert. Mit meiner Heimat ist es eben wie mit einer Beziehung. Würde ich ihr einen Brief schreiben, würde das so klingen:

Liebe Heimat, 

zunächst einmal: Du bist wirklich toll. Ich liebe die Ruhe, die du ausstrahlst und, dass ich mich in deinen Armen völlig entspannen kann, wenn mir alles zu viel wird. Attraktiv finde ich dich sowieso, das weißt du aber auch. Jedes Mal, wenn wir zusammen sind, genieße ich es. Leider muss ich dir sagen, dass das nicht ausreicht, damit ich glücklich werden kann. Es ist mir einfach zu wenig. Du kannst meinen Horizont nicht mehr erweitern. Eigentlich sollten wir uns doch zusammen weiterentwickeln, oder? Aber ich habe den Eindruck, das können wir nicht. Du bist an einem Punkt einfach stehengeblieben und ich bin über dich hinausgewachsen. 

Seit ich weiß, wie es ist, in der Stadt zu leben, vermisse ich dich gar nicht mehr so sehr. Wie konntest du dich nur von einer so schlechten Seite zeigen? Diese Verschlossenheit gegenüber Neuem. Diese Missgunst an allen Ecken und Enden. Diese Kurzsichtigkeit. Und diese Stagnation. Du nennst es Tradition. Ich nenne es überzogenen Stolz auf etwas, auf das niemand wirklich stolz sein kann. Nämlich darauf, nur seine kleine Welt zu sehen. Sich auf den Gepflogenheiten auszuruhen, über die sich keiner mehr Gedanken macht. Nicht zu hinterfragen, sondern sich einfach auf den Tatsachen auszuruhen. Zum Beispiel darauf, dass es okay ist, sich jedes Wochenende nach dem Fußballtraining sinnlos zu betrinken. Oder, dass es in Ordnung ist, fremdzugehen, weil Fasching ist. Diese Begründungen kann ich nicht mehr akzeptieren, weil es keine Begründungen sind. 

Versteh mich nicht falsch. In der Stadt ist auch nicht alles perfekt. Es ist laut und die Abgase stehen in den Straßen. Es gibt zu wenig Platz und die Mieten sind zu hoch. Es gibt vielleicht mehr Kriminalität und man läuft nachts nicht so gerne alleine durch die Gegend. Aber die Menschen sind anders. Die Atmosphäre ist anders. Offener, vielseitiger, inspirierender, innovativer.  Es gibt mehr zu sehen und zu tun. Einfach mehr von allem. 

Es tut mir leid, aber ich glaube wir müssen uns trennen; einen Schlussstrich ziehen. Du bist mitunter das Beste, was mir je passiert ist, aber ich kann nicht mehr. 

Leb wohl.

Abgrenzung von allem, mit dem ich mich nicht identifizieren kann

Ich bin nun fast da. Der Wind weht durch die Bäume, als ich auf die Straße abbiege, die zu meinem Elternhaus führt. Hier, ganz am Ende des Dorfes, abgeschieden vom Dorfkern, wo die meisten Leute wohnen, fühle ich mich wohler. Hier kann ich mich abgrenzen von allem, mit dem ich mich nicht mehr identifizieren kann. Ich parke vor dem Haus und stelle den Motor ab. Kurz halte ich inne und versuche herauszufinden, was ich empfinde. 

Das zeigt jetzt nur noch 23 Grad an.