Irak Heimfahrt im Kugelhagel


Als der italienische Geheimdienst mit der befreiten Journalistin Giuliana Sgrena zum Bagdader Flughafen fuhr, eröffneten US-Soldaten an einem Checkpoint das Feuer und töteten einen Beamten. Jetzt herrscht dicke Luft zwischen Rom und Washington.

"Heute Abend ist ganz Italien vereint. Willkommen zurück, Giuliana", sagte Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi. Die Nachricht von der Befreiung Giuliana Sgrenas kam völlig unerwartet und stürzte ganz Italien am Freitag zunächst in einen Freudentaumel. Doch dann berichtete das Fernsehen, die Journalistin sei auf dem Weg zum Flughafen bei einer Schießerei mit amerikanischen Soldaten verletzt worden. Ein italienischer Geheimdienstmitarbeiter starb, als er versuchte, die Reporterin mit seinem Körper zu schützen. Und so mischte sich unversehens in die Freude Trauer und Empörung.

Verstimmung zwischen Rom und Washington

Die Schüsse auf das Fahrzeug mit der Reporterin haben eine Verstimmung zwischen Rom und Washington ausgelöst. US-Präsident George W. Bush äußerte in einem Telefongespräch mit dem italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi sein Bedauern über den Vorfall. "Für einen so schwerwiegenden Vorfall muss jemand die Verantwortung übernehmen", sagte Berlusconi. Vize-Ministerpräsident Gianfranco Fini sagte, er empfinde "großen Schmerz". Der Beamte habe "nicht gezögert, sein Leben zu opfern, um das von Giuliana Sgrena zu retten".

Bush sagte Berlusconi eine umfassende Untersuchung des Zwischenfalls zu, wie ein Sprecher des Weißen Hauses mitteilte. Die US-Streitkräfte hatten zuvor erklärt, das Fahrzeug mit Sgrena und den Geheimdienstbeamten sei mit hoher Geschwindigkeit auf die Straßensperre nahe des Flughafens zugefahren und habe trotz zahlreicher Warnsignale nicht angehalten. Deshalb hätten Soldaten auf die Motorhaube geschossen. Der getötete Geheimdienstbeamte Nicola Calipari hatte der italienischen Regierung zufolge entscheidend zu den Verhandlungen für die Freilassung beigetragen. Neben der Journalistin wurde noch mindestes ein weiterer Geheimdienstbeamter verletzt. Nach Medienberichten befand er sich nach einem Lungenschuss in kritischem Zustand.

Aufklärung angekündigt

Auch der zu Berlusconi einbestellte US-Botschafter Mel Sembler versicherte, dass die US-Regierung den Zwischenfall entschlossen aufklären wolle, wie das Büro des Ministerpräsidenten mitteilte. Die gemeinsame Unterredung habe rund eine Stunde gedauert. Der Pressesprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, wünschte Sgrena eine rasche Genesung und sprach der Familie des getöteten Geheimdienstbeamten sein Beileid aus.

Unterdessen kehrte Sgrena am Samstagvormittag nach Rom zurück. Die Journalistin wurde bei ihrer Landung auch von Berlusconi persönlich begrüßt. Sie wurde dann zu einem Krankenwagen gebracht, der sie in ein Militärkrankenhaus fuhr. Dort war eine weitere Operation an ihrem Schlüsselbein vorgesehen. In einem Bagdader US-Lazarett waren ihr bereits am Freitagabend Munitionssplitter aus der Schulter entfernt worden. Sie sei während ihrer Entführung stets gut behandelt worden, waren die ersten Worte der Reporterin, die schwer angeschlagen wirkte.

Papst Johannes Paul II., der in der römischen Gemelli-Klinik liegt, erhielt die Nachricht am Krankenbett. Er habe sich "sehr glücklich", hieß es. Der Papst hatte am 13. Februar zur Freilassung Sgrenas und aller Geiseln im Irak aufgerufen. Auch bei der Familie der Italienerin kannte die Freude keine Grenzen. "Wir sind so glücklich, wir haben immer daran geglaubt", freute sich Sgrenas Bruder.

Opposition erhöht Druck auf Berlusconi

Mit scharfer Kritik reagierte die italienische Opposition auf den Zwischenfall. "Ein weiteres Opfer eines absurden Kriegs", kommentierte der Grünen-Vorsitzende Alfonso Pecoraro Scanio den Tod des Geheimdienstbeamten. Der Chef der italienischen Linksdemokraten, Piero Fassino, erklärte, es sei unglaublich, dass ein Mann bei der Rettung eines Menschenlebens "von denen getötet wird, die sagen, sie seien im Irak, um das Leben von Zivilisten zu schützen".

Der kommunistische Senator Gianfranco Pagliarulo rief zu einer Protestkundgebung vor dem US-Konsulat in Mailand auf. Man werde Flugblätter mit der Aufschrift "Schämen Sie sich, Bush" drucken, sagte er der Nachrichtenagentur ANSA. Beobachter rechneten damit, dass sich nach dem Zwischenfall der Druck auf Berlusconi verstärken werde, die 3.000 italienischen Soldaten aus dem Irak abzuziehen.

Sgrena, die für die linksgerichtete Zeitung "Il Manifesto" sowie für die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" arbeitet, war am 4. Februar in Bagdad verschleppt worden. Nach ihrer Freilassung knallten in der Redaktion die Sektkorken.

AP/DPA/Reuters AP DPA Reuters

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