Fall Calipari Italien gibt US-Soldaten die Schuld


Im Streit um die Umstände der tödlichen Schüsse auf den Geheimagenten Nicola Calipari im Irak hat Italien in seinem Untersuchungsbericht schwere Vorwürfe gegen die USA erhoben.

Die italienischen Mitglieder der Untersuchungskommission, welche die tödlichen Schüsse auf den Geheimdienstagenten Nicola Calipari im Irak untersucht, haben ihre Analyse der Regierung in Rom übergeben. In dem Dossier heißt es, kein Zeichen oder Signal habe den ankommenden Verkehr auf den amerikanischen Kontrollpunkt hingewiesen. Damit haben die italienischen Ermittler die beteiligten US-Soldaten nicht vom Vorwurf befreit, Schuld am Tod Caliparis zu haben. Calipari hatte Anfang März die kurz zuvor freigelassene Geisel Giuliana Sgrena zum Flughafen in Bagdad bringen wollen, als US-Soldaten an einem Kontrollpunkt das Feuer eröffneten. Die beiden Italiener der gemeinsamen Untersuchungsgruppe, ein Diplomat und ein Geheimdienstgeneral, stellten in ihrem Bericht fest, dass die US-Soldaten am 4. März nicht auf ihren Kontrollpunkt bei Bagdad aufmerksam gemacht hätten, als sich der Toyota Corolla mit Calipari und der befreiten Geisel Giuliana Sgrena ihnen genähert habe.

"Emotional verzerrte" Schätzungen

Auch schätzten sie die Geschwindigkeit des sich dem Kontrollpunkt nähernden Wagens auf die Hälfte der von den Amerikanern ermittelten 80 Kilometer pro Stunde. Die US-Schätzungen seien "emotional verzerrt". Die Italiener schlossen sich in ihrem 52-seitigen Bericht aber der US-Einschätzung an, dass die US-Soldaten Calipari nicht vorsätzlich getötet hätten. "Es ist wahrscheinlich, dass aus den gegebenen Umständen und Örtlichkeiten resultierende Spannungen, bis zu einem gewissen Grad zusammen mit Unerfahrenheit und Stress, die Soldaten zu instinktiven und wenig kontrollierten Reaktionen gebracht haben", schrieben die beiden Italiener. Sie hielten ausdrücklich fest, dass die Amerikaner keine Warnung bezüglich des Kontrollpunkts gemacht hätten. Im amerikanischen Bericht war diese Frage heruntergespielt worden.

Bereits am Sonntag hatte das italienische Außenministerium auf seiner Web-Seite mitgeteilt, der Bericht werde Koordinierungsprobleme mit den Behörden im Irak und Schwierigkeiten hinsichtlich der Verhaltensregeln an Kontrollposten beschreiben. Laut Pressemeldungen wirft die Regierung den US-Streitkräften auch vor, Beweise zu schnell beseitigt und damit eine gründliche Untersuchung der tödlichen Schüsse auf Calipari unmöglich gemacht zu haben.

"Tragischer Unfall"

Die US-Streitkräfte haben in einem am Samstag vorgelegten Untersuchungsbericht ihre beteiligten Soldaten von jeder Schuld freigesprochen, was in Italien Empörung auslöste. "Dies war ein tragischer Unfall", erklärte Brigadegeneral Peter Vangjel nach Abschluss der Untersuchung. Die Soldaten, die die tödlichen Schüsse abgaben, sollen nicht belangt werden. In dem US-Untersuchungsbericht heißt es, das Fahrzeug mit Calipari, der befreiten Journalistin Sgrena und einem weiteren italienischen Agenten sei mit unvermindertem Tempo auf den Kontrollpunkt zugefahren. Die Soldaten hätten sich, als sie das Feuer eröffneten, gemäß den Regeln verhalten.

Geheime Details der amerikanischen Version des Berichts wurden aufgrund einer Datenpanne bekannt. Der Bericht war auf der Webeseite des US-Streitkräfte-Kommandos in Bagdad als PDF-Dokument im Internet zugänglich. Trotz von Militärzensoren vorgenommenen Schwärzungen konnten mit ein paar Mausklicks in dem Dokument Angaben über die Zahl der Angriffe Aufständischer in der Region Bagdad und den Ausbildungsstand der an dem Kontrollpunkt eingesetzten Soldaten sichtbar gemacht werden. Zensierte und unzensierte Version des Berichts können auf den Internetseiten der italienischen Tageszeitungen "la Republicca" und "Corriere della Sera" heruntergeladen werden.

Demnach hat es vom 1. November 2004 bis zum 12. März 3.306 Angriffe im Großraum Bagdad gegeben, von denen 2.400 auf die von den USA geführten Koalitionsstreitkräfte gezielt waren. 135 davon erfolgten auf der Straße zum Bagdader Flughafen, auf der der Wagen Caliparis unter Feuer genommen wurde.

Geschwärzte Passagen

In den von den Zensoren eigentlich geschwärzten Passagen werden auch Angaben über Angriffstechniken der Aufständischen und US-Abwehrmaßnahmen gemacht. Auch Informationen, denen zufolge die eingesetzten US-Soldaten vor ihrer Ankunft im Irak im vergangenen Herbst nicht für Einsätze an Kontrollpunkten ausgebildet wurden, sollten eigentlich nicht öffentlich gemacht werden. Im Irak erhielten die Soldaten dann eine zehntägige Einweisung, bevor sie ab dem 15. Februar an dem Kontrollpunkt eingesetzt wurden. Einheit und Namen der Soldaten wurden ebenfalls auf diesem Wege bekannt.

Die Datenpanne ist nach Angaben von Computerexperten im Zeitalter der Kosten sparenden Online-Veröffentlichungen von Dokumenten nicht ungewöhnlich. Der Direktor des Software-Herstellers Adobe, John Landwehr, sagte nach einer Prüfung des auf der Webseite des US-Streitkräfte-Kommandos in Bagdad veröffentlichten Dokuments, die Zensoren hätten einfach nur schwarze Rechtecke über die betreffenden Textstellen gelegt. Die Inhalte hätten sie aber nicht gelöscht. Wer das Dokument etwa mit dem Acrobat-Reader öffnet, markiert und in eine andere Textverarbeitung kopiert, kann alles lesen, was optisch geschwärzt war. Auf diese Weise tauchte der Text vollständig auf Webseiten italienischer Medien auf.

AP/Reuters AP Reuters

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