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Tod mit 25: Wie sich Trauer anfühlt – fünf Jahre nach dem Tod einer guten Freundin

Fünf Jahre ist es her, da verstarb eine enge Freundin unserer Autorin. Es war ein Tod ohne Vorwarnung. Was so ein Ereignis mit einem Menschen macht – und wie sich die Trauer verändert. 

von Luisa Schwebel

Tod einer Freundin

Fünf Jahre nach dem Tod einer guten Freundin – wie fühlt sich die Trauer an?

Unsplash

Unsere Stammkneipen sehen heute alle anders aus. Da war das Sol, im Hamburger Stadtteil Eppendorf, wo wir im hinteren Raum als Teenies immer Berliner Weiße getrunken haben. Ich blieb dabei beim Himbeersirup, du warst manchmal experimentierfreudiger und bist auf Waldmeister umgestiegen. Wieso auch immer, aber der klebrig-süße Sirup-Drink aus diesen bauchigen Gläsern wirkte einfach besonders gut und die Geschichten, die wir uns danach erzählten, um Welten spannender. Heute weiß ich, dass wir uns die vielen beseelten Schwips – wenn man ehrlich ist – nur eingebildet haben, aber so war das eben.

Die Eisdiele, in der du gearbeitet hast und von der du mich immer anriefst, wenn es gerade meine Lieblingssorten im ständig wechselnden Sortiment gab. Die mit den dickeren Schokostücken, von denen du mir selbstverständlich immer besonders viele rausgefischt hast. Du hast währenddessen genussvoll dein Erdnuss- oder Lakritzeis gegessen. In kleinen Bissen, deine Art zu essen war ganz anders als meine, manchmal hat mich das wahnsinnig gemacht. Denn du hast nicht geschlungen, du hast jeden Löffel gewürdigt als wäre er ein Geschenk. Und dann war da noch dieser Coffee Shop, in dem wir uns bei deinen regelmäßigen Hamburg-Besuchen nach der Schulzeit trafen. Später, als wir erwachsen waren, oder uns zumindest schwer so vorkamen. 

Tod einer guten Freundin

Egal wo das Leben uns hin verschlug – bei Kaffee oder Wein (die Berliner Weiße hat es irgendwann nicht mehr auf unsere Lieblingsdrink-Liste geschafft), haben wir uns über Jungs (später wurden die dann zu Männern, auch wenn sie sich deiner Meinung nach nie so verhielten) unterhalten, über unsere Studiengänge, die irgendwie anders waren als gedacht. Über unsere jeweiligen Familien, die wir natürlich kannten und die manchmal mehr, manchmal weniger doll nervten. Und unsere ehemaligen Mitschüler. "Hast du gehört, wo der jetzt ist?"; "Die ist jetzt mit dem zusammen." Haben unsere Zukunftspläne durchgekaut, nur um festzustellen, dass wir, wenn man ehrlich ist, gar keine haben. 

Heute gibt es das Sol nicht mehr. Niemand ruft mich mehr an, wenn das Eis mit den dicken Schokostücken im Sortiment ist. Und den Coffee Shop meide ich. Denn du – du bist nicht mehr da. Du fehlst seit fünf Jahren schon. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen. Wie ich auf meinem Bett saß, ein ziemlich kräftezehrender Tag neigte sich langsam dem Ende zu. Ich war mit mir selbst beschäftigt in diesem Spätsommer, immer noch verletzt nach einer fiesen Trennung. Ich bereue bis heute, dass ich auf deine letzte Facebook-Nachricht nicht geantwortet hab. Es war ein Quiz über "Friends". "Na wenn das mal nix für dich ist" – hattest du geschrieben. Hätte ich doch bloß geantwortet. Aber mein Herz tat weh. Mache ich später, dachte ich damals. Einige Wochen darauf dann der Anruf einer gemeinsamen Freundin. "Hast du das gesehen?". Nein, hatte ich bis dahin nicht. Und so erfuhr ich alles. Mein ohnehin schon angeknackstes Herz zersplitterte in tausend kleine Stücke und die vorher so schmerzhafte Trennung wurde zur albernen Randnotiz. Wie geht man damit um, wenn man zum ersten Mal so richtig erlebt, dass das Leben wirklich verdammt nochmal unfair ist? Dass eine gute Freundin, die doch immer da war, nur einen Anruf entfernt, viel, viel, viel zu früh aus dem Leben gerissen wurde? 

Die Zeit heilt alle Wunden. Das stimmt, aber es bleiben Narben

Der Körper und das Hirn verändern sich schlagartig. Plötzlich schwimmt man auf einer Welle, die einen trägt, die man aber selbst nicht kontrollieren kann. Keine schöne Welle wie die des Mittelmeeres. Eher so eine aus der Nordsee, die einem immer wieder das kalte Salzwasser gegen das Gesicht peitscht und gegen deren starke Strömung man nur schwer anschwimmen kann. Das Leben geht weiter – hört man immer wieder. Und es stimmt. Es geht weiter, die kalte Nordseewelle trägt. Zeit heilt alle Wunden – auch das hört man immer wieder. Zurecht. Die Zeit heilt die Wunden, aber wie bei den meisten Wunden bleiben Narben. Heute denke ich nicht mehr jeden Tag an das, was passiert ist. Was dir passiert ist. Aber es gibt Tage, da ist es das Einzige woran ich denke.

"Du redest wie eine Nachrichtensprecherin", sagte mir mein Bruder, als ich ihm am Telefon von deinem Tod erzählte. Er hatte recht. Ich hörte nicht mal, was ich ihm da überhaupt berichtete, spulte die Informationen irgendwie ab. Aber in meinem Kopf stellte ich mir nur immer wieder dieselbe Frage: Warum gerade du? Es ist eigentlich eine scheiß Frage. Das dunkle "Warum?" – ein Klischee, weil ein Tod ohnehin scheiße ist. Aber "Warum gerade du?" wird trotzdem immer gestellt. Denn zu begreifen, warum eine Person leben darf und eine andere nicht, ist schlicht unmöglich. Und mit Dingen, die unmöglich zu erklären und noch unmöglicher zu verstehen sind, hadert man besonders schlimm. Händeringend sucht man nach Antworten, nach Erklärungen, die das Erlebte leichter machen und womöglich einen heilenden Weg in die Zukunft ebnen können.

Seit fünf Jahren schon versuche ich mich an eben solchen Erklärungen: Vielleicht wusstest du, dass dein Leben kürzer sein würde als Das anderer und hast es deshalb so viel intensiver gelebt als wir. Hast deshalb jeden Löffel Lakritz-Eis genossen, während ich meine Schoko-Stückchen-Kugeln weggeleckt habe als gäbe es keinen Morgen mehr. Dabei gab es für dich irgendwann keinen Morgen mehr. Welch verdammte Ironie des Schicksals. Während wir alle auch mal zuhause im Bett gefläzt und leidenschaftslos Serien weggeglotzt haben ohne wirklich hinzugucken, hast du keine Zeit verschwendet. Nie. Das Schöne an der Zeit, die alle Wunden heilt ist, dass das Schreckliche irgendwann in den Hintergrund tritt und man sich nur noch an die besonderen, die schönen Momente erinnert.

Du musstest deine Zeit nutzen

Ich kenne bis heute niemanden, der so intensiv gelebt hat wie du. Der jeden Tag ausgefüllt hat. Während sich andere generische Carpe-Diem-Wandtattoos auf die Tapeten pinseln, nur um die Tage anschließend nie wirklich zu nutzen, warst du mein persönlicher Energie-Champion. Ich habe dich immer darum beneidet, wie wenig dich Planänderungen aus der Bahn geworfen haben. Wie du bei 14 Grad Wassertemperatur ohne Angst ins Nass gesprungen bist, während wir Frostbeulen am Beckenrand standen und dich bewundert haben. Gefroren hast du nie, selbst im kältesten Hamburger Winter sah man dich im geblümten Kleid umherlaufen, deine blonden Locken wippten hoch und runter. Der personifizierte Sonnenschein. Diese Mischung aus völliger Naivität und unglaublicher Weisheit hat dafür gesorgt, dass dich manch einer schlicht nicht verstanden hat. Dein Schülerpraktikum hast du nicht in irgendeinem 0815-Unternehmen verbracht, sondern bei einem Privatdetektiv. Mit 16 Jahren im Busch liegen, mit der Kamera bewaffnet und verdächtige Leute beschatten. Geht es cooler? Man könnte denken nein, aber tatsächlich war dir das Auflauern irgendwann zu langweilig.

Vielleicht lag das alles daran, dass du gefühlt hast, die vielen vorgezeichneten Wege, die wir entlang trampeln, ohne nach links und rechts zu schauen, könnten uns am Ende sowieso nicht ans Ziel bringen. Oder eher: Dass das ganze Trampeln, die Umwege und neuen Abzweigungen, viel eher Ziele sind als das Ziel selbst. Und möglicherweise hast du gespürt, dass du deine kostbare Zeit nutzen musst. Weil du einfach nicht genug bekommen würdest.

Was würde ich dafür geben, noch mal einen Abend im Sol zu verbringen. Mit dir. Ich würde mich entschuldigen, dass ich auf das "Friends"-Quiz nicht geantwortet habe. Vor uns auf dem klebrigen Tisch im hinteren Raum zwei Berliner Weiße (ich Himbeer, du Waldmeister). Wir reden über Jungs, über unser bald anstehendes 10-Jahre-Abitur-Treffen. Über die Zukunft, die auch heute noch nicht sonderlich klar ist. "Spread your dusty wings and fly", sagst du zu mir, während ich mal wieder alles viel zu lange kaputt denke. Alles ist so wie es sein soll. Ohne das "Warum". Aber dafür mit einem kleinen, eingebildeten Schwips und einem großen Zuckerschock.  

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