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Reportage der Woche

Zwischen Sekt und Sorgenwand: Ich war als Single auf einer Hochzeitsmesse, doch für die Braut war es schlimmer

Dass man als Trauzeugin und Single auf einer Hochzeitsmesse bemerkt, wie absurd der Akt des Heiratens sein kann, ist nicht weiter verwunderlich. Wenn die Braut allerdings plötzlich Panik bekommt, sollte man eventuell das Konzept hinterfragen.

Drei Bräute trinke Sekt

Erst auf der Hochzeitsmesse wird so mancher Braut bewusst, was ihr alles noch bevorsteht

Getty Images

"Möchtet ihr eure Sorgen an unserer Sorgenwand zurücklassen?" "Bitte, was?" Fast hätte ich mich an meinem Stück pinkfarbener Eistorte verschluckt und spüle schnell mit Sekt nach. Die Frau, die uns angesprochen hat, sieht uns erwartungsvoll an. Sie trägt etwas, das aussieht wie ein vergilbtes Nachthemd und hat die Augen in kräftigen Pink- und Gelbtönen umrandet. "Wir beraten euch auch zu eurem Styling auf der Hochzeit, damit das hinterher nicht so endet wie bei mir. Aber gerne könnt ihr erst mal unsere Sorgenwand nutzen."

Sie deutet auf eine schwarze Wand, neben der auf einem rosafarbenen Schild "Sorgenwand – Lasst eure Hochzeitssorgen hier" zu lesen ist. Verschiedene Besucher haben mit einem weißen Edding ihre Ängste vor der bevorstehenden Hochzeit darauf geschrieben und mit Klebeband symbolisch unter jeder Sorge ein leuchtendes Kunstblümchen befestigt. Meine größte Sorge ist gerade, wo ich so schnell wie möglich noch mehr von dem kostenlosen Sekt herbekomme. Ich bin mir aber nicht sicher, wie sich diese Sorge auf der Sorgenwand machen würde, denn streng genommen geht es ja nicht um meine Hochzeit. Ich heirate nämlich gar nicht. Auf der Hochzeitsmesse bin ich nur, weil ich eine sehr gute und vorbildliche Trauzeugin bin. Und vielleicht auch ein bisschen, weil die zukünftige Braut mir erzählt hat, ich könnte dort kostenlos Eistorten essen.

Sorgenwand

Die Sorgenwand auf der Hochzeitsmesse 

Sie, die ich aus Personenschutzgründen hier als "die Braut" bezeichnen werde, wirkt schon wenige Minuten nach unserer Ankunft sichtlich frustriert. Die Stände scheinen mit jedem weiteren Schritt auf dem knallpinken Teppich geschmacklosere Produkte anzubieten – und das für 12,50 Euro Eintritt pro Person. Die meisten der Hochzeitskleider sehen aus, als hätten sich die Designer an den Traumvorstellungen fünfjähriger Mädchen orientiert: Sie bestehen fast nur aus Glitzer und Spitze. Mit jedem Meter verstehen wir mehr, warum es eine Sorgenwand gibt. Ich hatte ja keine Ahnung, was die perfekte Braut alles für eine perfekte Hochzeit braucht. Klar, ein Partner wäre sicher ganz gut, Gäste, eine Location mit Catering, ein Kleid, einen Fotografen, einen DJ – und Ringe. So in etwa lautete meine naive Vorstellung.

Erst auf der Hochzeitsmesse wurde ich aufgeklärt. Hier eine kurze Aufzählung der Dinge, die ich vergessen hatte: Einladungskarten, einen Fotografen für die Einladungskarten, Tischkarten, einen Designer für die Tischkarten, einen Friseur, einen Make-up-Artist, einen Stylisten für die Frisur, eine Band, einen Mann, der ständig Klarinette spielt, eine Candybar, eine Erdnussbar für die Gäste, die keine Candys mögen, Blumen auf den Tischen, Blumen in der Hand, Blumen im Haar und so weiter und so weiter und so weiter. Es nimmt kein Ende. Kein Wunder also, dass die Hochzeitsmessen-Besucher schon nach wenigen Minuten das Bedürfnis haben, sich auf einer Sorgenwand zu verewigen.

"Sie können darauf schreiben, wovor Sie Angst haben, oder was Ihnen für die Hochzeit noch fehlt", erklärt uns die Sorgenwand-Frau. "Ein Mann", sage ich. "Soll ich das drauf schreiben?" Dann sehe ich allerdings, dass auch Frauen, die bereits ihre Hochzeit planen, diese Sorge zu haben scheinen. Auf der Sorgenwand ist tatsächlich zu lesen: "Mann erscheint nicht". Neben Sorgen wie "Langeweile der Gäste", "Zwei Nationen treffen aufeinander" oder "Keine schönen Fotos". Wir drücken den betroffenen Personen, die nun dank ihrer zurückgelassenen Sorgen auf der Sorgenwand hoffentlich alle sorgenfrei heiraten können, die Daumen, gehen schnell weiter – und werden sofort erneut abgefangen.

Sorgenwand

Jeder hat andere Ängste vor seiner Hochzeit ...

Ein Fotograf mit Gedankenreisen für 1950 Euro 

"Braucht ihr noch einen Fotografen?" Fragend sehe ich die Braut an. Sie zuckt mit den Schultern. "Ich schaue mir gerne mal Ihre Fotos an." Das lässt sich der Fotograf nicht zweimal sagen. Er führt uns an einen Stehtisch und klappt schwungvoll ein Buch vor uns auf. Nun begreife ich, woher die Sorge über die schönen Fotos auf der Sorgenwand stammt. Wüsste ich nicht, dass es sich um einen Hochzeitsfotografen handelt, würde ich annehmen, er hätte ein Trauerbuch erstellt. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme nach der anderen: Blumen, Hände, ernste Gesichter. Er sei ein Profi, sagt der Fotograf. Er wüsste mittlerweile genau, was die Frauen wollen: dass sie auch beim Fertigmachen und bei den Vorbereitungen fotografiert werden, zum Beispiel.

"Oh Gott, mein absoluter Horror", sagt die Braut. "Ich brauche keinen, der mich auch noch fotografiert, während ich im Stress bin." Die Mundwinkel des Fotografen gehen für einen Augenblick nach unten, aber er hat sich schnell wieder gefangen. "Bei meinen Fotos arbeite ich mit ganz bestimmten Methoden", fährt er fort. "Gedankenreisen."

Die Braut und ich werfen uns einen Blick zu. "Dadurch werden die Fotos so gut", erklärt der Fotograf, dem es nicht an Selbstbewusstsein mangelt. "Ich gehe beispielsweise mit dem Paar raus und sage ihnen: Schaut mal, das ist das Haus, in dem eure Kinder spielen werden. Dann ist da dieser emotionale Blick, super. Zack, mache ich das Foto. So funktioniert das. So fängt man diese emotionalen Blicke ein. Mit Gedankenreisen."

"Ja, ich überlege mir das mal, danke", sagt die Braut. Dass ihre Worte norddeutsche Höflichkeit für "Ich habe kein Interesse, vielen Dank" sind, scheint der Fotograf nicht zu verstehen. Unbeirrt redet er weiter und breitet schließlich eine Mappe mit den Preisen für seine Kunst vor uns aus. Für 1950 Euro ist er zu haben. Jetzt wird mir klar, wie meine heiratenden Freunde auf die horrenden Summen ihrer Hochzeiten kommen.

"Man braucht unbedingt eine Candy-Bar"

Minütlich fängt uns auf der Messe jemand ab und will uns einreden, was wir noch alles bräuchten. Nachdem uns bereits mehrere Service-Anbieter für ein lesbisches Paar gehalten haben, weil die Messe ein inoffizielles Verlobten-Event zu sein scheint, beginne ich bereits in der Wir-Form zu reden. "Ich habe ihr auch gesagt, wir brauchen eine Candy-Bar", erkläre ich der Dame, die uns eine Candy-Bar verkaufen will. Als die Braut sagt, sie bräuchte so etwas nicht, reagiert die Dame, als habe sie ihr gerade erzählt, sie werde in Jeans heiraten. "WAS?", fragt sie entsetzt. "Das geht aber nicht. Das braucht man. Man braucht unbedingt eine Candy-Bar."

Als mir ein weiterer Fotograf einen Zettel für ein Gewinnspiel in die Hand drückt, soll ich als Erstes meinen Namen und den meines Partners eintragen. Zu gewinnen gibt es ein Pärchen-Foto-Shooting. "Ähm, ein Pärchen-Shooting brauche ich eigentlich nicht", sage ich. Er und seine Fotografen-Freundin lachen herzlich, bevor sie verstehen, dass ich keinen Witz mache. "Aber das macht doch nichts", sagt der Fotograf sehr freundlich. Die beiden schauen mich jetzt mitleidig an. Eine einsame Single-Frau auf einer Hochzeitsmesse – was für ein dunkler Tag in der Geschichte der Menschheit! Doch dann scheint ihm etwas einzufallen. Er nimmt mir den Zettel aus der Hand, auf dem sehr groß nur ein einziger Name steht, und wirft ihn in die dafür vorgesehene Box. "Der Pärchen-Fotograf ist auch Single", sagt er. "Das könnte vielleicht ganz gut passen." Andere Singles melden sich auf Tinder an, ich gehe auf Hochzeitsmessen, um Männer kennenzulernen. 

Die Hochzeit wird zur übervollen To-do-Liste 

Während ich mich immerhin noch über die vielen Absurditäten amüsieren kann, ist die zukünftige Braut am Ende nur noch frustriert. Die Messe vermittelt ihren Besuchern den Eindruck, eine Hochzeit sei eine nicht enden wollende To-do-Liste, für deren Bewältigung mindestens drei Wedding-Planner und drei Sorgenwände nötig sind. Dabei sollte eine Hochzeitsmesse den Besuchern doch Mut machen, sie unterhalten, sie fröhlich stimmen, vorbereiten auf das, was da kommt, ohne den Druck, dass alles perfekt sein muss. Das Resümee der Braut ist eindeutig: "Nach dieser Messe habe ich gerade kaum noch Lust zu heiraten."

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