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NEON-Kolumne "Alle irre": Liebe Männer - sagt doch bitte einfach, was ihr meint, ja?

Mit jeder SMS, jeder Geste, jeder kleinen Aufmerksamkeit geben wir einander Zeichen. Ist es okay, sie zu senden, ohne die Auswirkungen zu bedenken? Oder ist das im Zweifel das Problem des anderen?

Was ist denn bitte so schwer daran, eindeutige Zeichen zu geben?

Was ist denn bitte so schwer daran, eindeutige Zeichen zu geben?

Es war Valentinstag, kurz vor fünf, als ich mit dem Blumenstrauß die Lobby eines Berliner Hotels betrat. "Na, dann hol ich mal einen Eimer", sagte die Rezeptionistin, als ich sie bat, das ausladende Liliengesteck für die Dauer meines Termins aufzubewahren.

Auf dem Weg zum Gleis kaufte ich später einen frisch gepressten Saft. Der schaute während der umständlichen Wechselgeldübergabe grinsend auf den Strauß in meinem Arm: "Sehr schön. So muss das sein."

Als die Schaffnerin die Fahrkarte aus meiner Handtasche zog, weil ich nicht in der Lage war, an den Blumen vorbei an meine Sachen zu gelangen, lächelte sie. "Da hat Sie aber jemand gern." Ich lächelte zurück. Und sagte: "Es ist nicht das, wonach es aussieht." Sie nickte verwirrt und wandte sich dem nächsten Fahrgast zu. Ich drehte mich zum Fenster. Das Gerhard-Richterhafte der vorbeiwischenden Landschaft verschwamm vor meinen Augen.

Der Mann, der die Blumen geschenkt hatte, hatte sie nicht so gemeint

Von außen betrachtet: absurde Szene. Eine Frau sitzt am Valentinstag mit einem Strauß Lilien und mit Tränen in den Augen in der Bahn. Aber alles daran war eben falsch. Der Mann, der die Blumen geschenkt hatte, hatte sie nicht so gemeint. Er hatte, bereits Monate zuvor, erklärt, dass Dates zwischen ihnen leider nicht infrage kämen, weil sie in verschiedenen Städten lebten (das war wirklich das Argument gewesen). Er hatte den Strauß und das Buch zu dem spontanen Cafébesuch zwischen zwei Terminen also bloß aus Freundlichkeit mitgebracht. Und vielleicht auch ein bisschen, weil er sich gefallen hatte in der Rolle des Gentlemans, der mit der Wahl seiner Geschenke (Lilien, Roland Barthes) gleich noch seinen guten Geschmack bewies.

Was er nicht bedacht hatte: Blumen am Valentinstag, egal wie kitschig man diesen Tag auch findet, sind Blumen am Valentinstag. Blumen am weltweit als solchem deklarierten "Tag der Verliebten" sind ein Zeichen. Natürlich kann man das ignorieren. Aber dann nimmt man in Kauf, dass der andere das Zeichen a) falsch deutet oder b) richtig deutet, was aber von ihm verlangt, sich und seinen Fall als Ausnahme von der eigentlichen Bedeutungsregel zu erkennen. Der Blumenstrauß war ein Blumenstrauß in der Verneinung.

"He’s Just Not That Into You"

Es gibt diesen amerikanischen Film, eine Romantic Comedy: "He’s Just Not That Into You". Es ist kein sehr toller, aber ein trotzdem wichtiger Film, weil ein Barkeeper namens Alex darin etwas sagt, was einem beste Freunde oft nicht imstande sind zu sagen: "If a guy is acting like he doesn’t give a shit, he genuinely doesn’t give a shit." (Und das gilt natürlich auch für Frauen.) Es ist, sagt Alex damit, extrem hilfreich, sich selbst gegenüber aufrichtig zu sein. Wenn einem die Zeichen signalisieren, dass der andere kein Interesse hat, ist davon auszugehen, dass er kein Interesse hat. Natürlich kann hin und wieder auch tatsächlich eine der von Freunden immer so hoffnungsvoll behaupteten Klassiker-Entschuldigungen vorliegen: Überforderung, Angst, viel los im Job gerade. Aber eigentlich gilt auch da: Ja, kann sein, klar. Aber: Nein.

Wie ein Semiotiker die Zeichen als das zu deuten, was sie gemeinhin heißen, auch wenn das keine guten Neuigkeiten fürs eigene Herz beinhaltet, ist brutal genug. Umso wichtiger, dass man sich auf ihren Symbolwert verlassen kann. "Die gesprochenen Worte sind die Zeichen von Vorstellungen in der Seele", hat Aristoteles gesagt. Das gilt auch für Taten. Wer mit ihnen im anderen die Kulisse für eine Romantic Comedy baut, es aber gar nicht so meint, inszeniert am Ende ein Melodram. Und das ist doch sehr schade.

Man darf sich nicht in das Leben anderer einmischen, findet NEON-Redakteurin Lena Steeg, 33 macht es aber trotzdem. Willst du auch, dass Lena sich in dein Leben einmischt? Schreib ihr deine Frage an: alleirre@neon.de.

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