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"Der stalkt mich voll": Flirt oder Übergriff: Müssen romantische Bemühungen wirklich sterben?

Früher machten Männer Frauen den Hof, wenn die noch unentschlossen waren. Heute fürchten sie, als übergriffig zu gelten. Schade? Oder vielleicht das längst überfällige Ende einer seit je missverstandenen Romantik-Geste? 

Von Lena Steeg

Mann und Frau sitzen an Bar

Ist mit der #metoo-Debatte die Romantik verloren gegangen? (Symbolbild)

Getty Images

Nachdem der #metoo-Hashtag einmal quer durchs Internet geschwemmt war, sagte ein Bekannter: "Na toll, jetzt wissen die schüchternen, lieben Kerle überhaupt nicht mehr, wie sie flirten sollen." Er schaute dabei betreten, weil wohl auch er sich zu jenem Typus zählt, der nun vollends überfordert von der Frage "Was ist Flirten und was ein sexueller Übergriff?" auf immer in seiner Höhle der Hemmung werde verharren müssen.

Sexistische Übergriffigkeit oder harmloser Flirt?

Ich verstand beim besten Willen sein Problem nicht. Aus zwei Gründen: Erstens ist es doch ganz leicht, sexistische Übergriffigkeit von einem Flirt zu unterscheiden. In den meisten Fällen ist es schlicht eine Frage des Kontexts. Eine Kollegin schrieb neulich bei Facebook: "Zu jemandem in einem Club sagen: 'Du siehst toll aus, das Kleid steht dir super' – Kompliment. Zu jemandem bei einer politischen Podiumsdiskussion sagen: 'Sie sehen toll aus, das Kleid steht Ihnen super' – sexistisch, weil das Aussehen in dem Kontext nix zu suchen hat." 

Und das gilt übrigens geschlechterübergreifend. Was mal jemand den Moderationstextschreibern von TV-Sendungen wie "Red" und "Exclusiv" sagen sollte. Da werden Beiträge über neue Kinofilme prominenter Schauspieler auch gerne mit Hinweis auf deren Sixpack angeteasert.

Wenn er versucht dran zu bleiben

Der zweite Grund: Es geht doch gar nicht ums Ansprechen. Beim Ansprechen ist ein Verweis aufs Aussehen des anderen nie ein Problem, beim Ansprechen erwartet keine Frau, dass der Typ irgendetwas Substanzielles über ihren Charakter zu sagen hat. Das ist dasselbe Missverständnis, das Leute dazu treibt, das Saint-Exupéry-Zitat "Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar" in ihre Tinder-Profile zu schreiben. Schätzchen, will man da jedes Mal sagen, schlechte Nachrichten an dieser Stelle: Hier sieht man wirklich ganz ausschließlich mit den Augen.

Angeflirtet wird man, digital oder analog, weil der andere einen attraktiv findet – ihn dafür zu verurteilen ist nur was für die ganz Verbitterten. Interessant wird es allerdings beim zweiten Schritt. Angenommen, die Auserwählte zeigt sich nicht recht begeistert. Früher gab es dann mal einen Move, der heute schon phonetisch altertümlich wirkt: den Hof machen, werben. Man könnte vielleicht sagen: dranbleiben. Ein Nein akzeptieren, aber nicht hinnehmen. Und da hat mein Bekannter dann tatsächlich recht, das kann total in die Hose gehen. Weil Einladungen zum Essen, Blumen, ein Brief, all diese Dinge, die man früher VOR einer Beziehung in den Ring geworfen hat, heute meist nur noch innerhalb einer Partnerschaft stattfinden.

Wir sind die Bemühungen nicht mehr gewohnt

"Der stalkt mich voll" , hört man immer wieder Frauen sagen, wenn ein Mann nicht gleich aufgibt. Und so gesehen ist es vielleicht tatsächlich ein Randaspekt der #metoo-Debatte, der ebenfalls Sensibilisierung verdient: Wir sind hart geworden in unserem Vokabular. Wir bewerten brutal. Weil wir bei einer Absage das Weiterwischen gewöhnt sind, nicht das Bemühen. Es geht um Respekt und Gleichberechtigung, klar. Es geht aber auch um Wohlwollen.

Das Ziel sollte nicht sein, dass wir uns alle möglichst in Ruhe lassen. Wir dürfen einander zu nahe treten oder uns in unserer Wirkung verschätzen, das gehört dazu. Die Kontext-Frage sollte deshalb bitte immer von beiden Seiten gestellt werden: Würde ich mich von dem Typen auch behelligt fühlen, wenn ich auf ihn stünde? Falls nein: bitte aushalten. Aus Prinzip. Und für den Erhalt der romantischen Hartnäckigkeit.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 01/2018 erschienen.