HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Flirt mit dem Desaster

Lampenfieber kann eine Qual sein. Aber leider ist das Einzige, was gegen die Angst vor öffentlichen Auftritten hilft: öffentlich auftreten.

Eine Zeichnung zeigt ein Mikrofon, welches Arme und Beine besitzt, und auf einer Bühne auf einer Bananenschale ausrutscht.

Da wir uns ja jetzt schon eine Weile kennen, möchte ich Ihnen gern einen kostbaren Ernährungstipp geben: Exponieren Sie sich. Stellen Sie sich in den Mittelpunkt. Setzen Sie sich der hochunangenehmen Situation aus, sich zum Gespött zu machen. Das kostet so unglaublich viel Energie – sie werden nahezuzwangsläufig schlanker.

Jedenfalls hatte ich zuletzt ein paar spannende, neue Aufgaben.

Woher ich das weiß? Nun, ich hatte ein paar betriebsame Wochen, in denen es vornehmlich darum ging, vor einer gewissen Anzahl von Menschen zu reden.

Es mag verwundern, aber im Privatleben würde ich nicht aufzeigen, wenn es darum ginge, eine Rede bei einer Hochzeit, einem Geburtstag oder einer Beerdigung zu halten. Vielleicht weil ich beruflich schon so viel Öffentlichkeit habe, dass ich die Aufmerksamkeit aller im geschützten Raum nicht so sehr suche. Wobei ich jetzt auch nicht gerade introvertiert bin.

Jedenfalls hatte ich zuletzt ein paar spannende, neue Aufgaben. Vor einem gebannt wartenden Publikum, vor einer ganz neuen Herausforderung bin ich stets so aufgeregt wie Boris Becker am Geldautomaten (hihi). Wobei der hinkt. Also, der Vergleich. In meinem speziellen Falle gab es tatsächlich einiges zu gewinnen. Und damit wären wir beim zentralen Punkt: Du musst es schaffen, das Gelingen, den Spaß in den Fokus zu rücken – nicht das mögliche Scheitern.

Ich jedenfalls habe bei vielen neuen Jobs massives Lampenfieber.

Allerdings ist das leichter gesagt als getan. Ich jedenfalls habe bei vielen neuen Jobs massives Lampenfieber. Da spielt es auch keine Rolle, ob ich vor tausend Leuten auftrete oder vor dreien. Es ist der stete Flirt mit dem Desaster. Das Gefühl, dass das große Versagen jeden Moment kommen kann. Dieser innere Dämon, der dir sagt: „Warte ab. Debakel in ... 3, 2, 1.“ Die Stimme, die wegbleibt. Der textliche Blackout. Der plötzliche Schweißausbruch. Die Atemnot. Man spielt die Klaviatur des Versagens im Kopf komplett durch. „Heute ist es so weit. Heute ist der Tag, an dem alle sehen werden, was für ein Loser du bist.“ Und während du noch versuchst, wahllos aneinandergereihte Satztrümmer zu einem flüssigen Ganzen zurechtzupfuschen, schaut man dich schon ratlos an wie einen Techniker am BER: Wie konnten wir denn nur den holen?

Wenn Sie schnell viel Gewicht verlieren wollen, dann ... Sie verstehen schon.

Es hilft nix. Neue Aufgaben, neue Aufregung. Und spezielle körperliche Reaktionen. Während in manchen Situationen der Kopf sogar recht cool auf die Situation eingestellt ist, kommt diese Information unterhalb der Gürtellinie nicht an. Um es anders zu sagen: Der Druck wird geradewegs nach unten weitergegeben. Wenn Sie schnell viel Gewicht verlieren wollen, dann ... Sie verstehen schon.

Dummerweise ist das einzige Rezept gegen den (selbst erzeugten) Druck: Routine. In einer Situation, in der die Angst vor dem Versagen zu groß wird, hilft dir nur die Erfahrung. Dieses gute Gefühl, dass es doch immer geklappt hat. Nur, diese Routine, die kannst du nicht simulieren.

Deshalb: Egal, ob ihr eine wichtige Präsentation vor der Brust habt, einen Vortrag, den Auftritt beim ESC oder Wichtigeres: Traut euch! Widerstrebt dem Fluchtreflex. Gebt jedem Tag die Chance, der peinlichste eures Lebens zu werden. Springt!

Es ist immer noch besser, hinterher zu sagen „Hab ich gemacht – das war vielleicht ein Käse“, als irgendwann gramgebeugt dazusitzen und darüber zu sinnieren, wie es wohl gewesen wäre. Wenn es wirklich danebengeht, taugt es hinterher immer noch als lustige Anekdote.

Ist doch auch was.