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Kolumne

Trennungen: Haben wir einen Erziehungsauftrag für Menschen, die wir verlassen, weil wir sie nicht mehr ertragen?

Eine Freundschaft erübrigt sich, eine Beziehung bricht ab, man sieht sich nicht mehr. Aber haben wir eigentlich die Pflicht, den anderen in optimiertem Zustand weiterzureichen? Unsere Autorin erklärt, wie es um unseren Erziehungsauftrag steht.

Von Lena Steeg

Pärchen sitzt am Fluss

Haben wir eigentlich einen Erziehungsauftrag, wenn wir uns trennen? (Symboldbild)

Unsplash

Als die Kollegin aus dem Urlaub zurückkehrt, wirkt sie erschöpft. "Viel gefeiert?", frage ich. Das Gegenteil sei der Fall gewesen, sagt sie und erzählt mir diese Geschichte:

Am Flughafen, gleich nach der Rückkehr, habe sie eine Freundschaft innerlich beerdigt. Weil es nicht mehr auszuhalten gewesen sei. Als sie Stefan kennenlernte, hatte sie sein ständiges Meckern noch als Verbündungsmove interpretiert. Wir gegen den Rest der Welt. Und der Rest der Welt – Stefan nahm diese Strategie ernst – war tatsächlich: der Rest der Welt. Die Tanzschullehrerin, die Nachbarn, gemeinsame Bekannte, ganz generell auch die Branche, in der die beiden arbeiten.

"Liegt es in meiner Pflicht, ihn zurechtzuweisen?"

"Ich bin gerade beleidigt mit" – Stefans Gesprächseinstiege hatten eine eigenwillige Grammatik, aber Konstanz. Jedes Treffen begann mit einer Tirade. Meiner Kollegin machte seine Allround-Wut nicht viel aus. Sie begriff sie als Spleen, zog ihn damit auf und bestellte sich einfach noch einen Drink. Bis sie eben in diesen Urlaub fuhren. Sieben Tage Rom. Sieben Tage Betroffenenperspektive auf dem Beifahrersitz, im Flugzeug, am Pool, selbst bei einer Stadtführung musste Stefan wieder beleidigt sein MIT etwas. Nach drei Tagen war sie so genervt, dass sie sich nach Hause sehnte. Er merkte, dass etwas nicht stimmte. Aber auch dafür gab es natürlich eine wunderbare Lösung: Er war nun beleidigt mit ihr, ohne sich, all ihren Anspielungen und Hinweisen zum Trotz, dafür zu interessieren, wie es dazu gekommen sein konnte.

Jetzt frage sie sich, ob sie ihm nicht eine Mail schreiben und ihm erklären solle, wieso dieses Dauer-Eingeschnapptsein unerträglich ist. "Aber muss ich das überhaupt tun? Ist es mein Job, ihn aus dieser Opferecke zu zerren? Liegt es echt in meiner Verantwortung, ihm zu sagen, welche Verhaltensweisen er sich selbst und künftigen Freundschaften zuliebe besser mal überdenken sollte?" Während sie sich weiter in Rage redet, muss ich an den Begriff des ökologischen Fußabdrucks denken und daran, dass sie dieses Prinzip gerade auf ihre Privatbeziehungen anwendet. Die Welt, die man vorfindet, in einem gleichwertigen, optimalerweise sogar noch besseren Zustand zu verlassen, klar, wieso sollte das nicht auch in Bezug auf Menschen ein Hauptziel sein?

Wir nehmen nur Kritik an von Leuten, die uns wichtig sind

Serielle Monogamie gibt es ja nicht nur in Beziehungen, auch Freundschaften werden geschlossen und wieder gelöst, man reicht sich eigentlich sein Leben lang gegenseitig weiter, und wäre es da nicht toll, wenn jeder den anderen bei dieser Gelegenheit ein wenig optimieren würde? Der Mensch als wandelnde Biografie mit Fußnoten, Anmerkungen all jener, die den Text, der wir sind, aus Rezipientenperspektive bewerten: hier lieber ein Charakterkapitel überspringen, dort schneller zum Punkt kommen, weiter hinten etwas gelassener werden. Könnte helfen. Der einzige Haken daran ist, dass wir kein öffentliches Google-Docs-Dokument sind. Jeder editiert seine Autobiografie selbst und wird also nur Kommentare von Menschen aufnehmen, die er mag oder deren Urteil ihm wichtig ist. Für den, der warnende Randbemerkungen ans Leben eines Zurückgelassenen schreiben möchte, gilt also: Lass es lieber.

Wir haben keinen Erziehungsauftrag füreinander. Wollen wir ihn doch geltend machen, geht das vermutlich nur auf die Weise, auf die auch Eltern ihre Kinder zu formen versuchen: bei aller Kritik mit einem grundsätzlich wohlwollenden, liebevollen Blick. Wer den nicht mehr hat für den anderen, kann sich jeden Verbesserungsvorschlag sparen.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 06/2017 erschienen.

Daddy und Little

gho
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