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Alle irre!: Warum wollt ihr eigentlich immer für die Liebe leiden?

Bevor es hell wird, müssen wir erst eine Weile zusammen durchs finstere Tal der Probleme latschen. Traurig, anstrengend und schwierig. Unsere Autorin erklärt, wieso die meisten Lieben im Drama beginnen und ob sie das wirklich wertvoller macht.

Von Lena Steeg

Mann und Frau stehen am See

Die Kompliziertheit wird sich mit der Zeit auflösen, und was übrig bleibt, ist pures Glück – oder? (Symbolbild)

Unsplash

Eigentlich ist alles ganz leicht: Die Dinge sind gerade kompliziert. Aber es sind eben nur die Dinge. Die Kompliziertheit wird sich mit der Zeit auflösen, und was übrig bleibt, ist pures Glück. So die Idee, die meine Freundin Hannah und ich sonntagnachmittags am Telefon besprachen. Hannah stand da gerade in der Küche und schnitt Kuvertüre für das Schoko-Blaubeer-Küchlein, das sie ihrem Fastfreund servieren wollte, nach den Rouladen, die seit zwei Stunden garpunktunklar im Backofen vor sich hin schwitzten. Ich fragte Hannah, wie es zwischen ihr und Marc gerade laufe, und sie sagte "Och, ziemlich scheiße eigentlich" und danach viele Sätze, in denen "aber" und "kennt man ja" vorkam.

Das Drama wird sich auszahlen – so die These

Eigentlich sei sie sehr verliebt, er wohl auch, aber seine Laune gerade wankelmütig, Entfernung ein zusätzliches Problem und die Tatsache, dass er immer noch Sachen in der Wohnung seiner Exfreundin lagere, nicht gerade vertrauensfördernd. Aber: kennt man ja. Kocht man eben trotzdem Rouladen.

Das Rouladenkochen, so die These, wird sich auszahlen. Denn bevor es hell wird, das ist ja klar, müssen wir erst eine Weile zusammen durchs finstere Tal der Probleme latschen. Wo, dachte ich, während Hannah den Teig aufschlug, ist diese komische Leidensbereitschaft eigentlich hergekommen? Wieso muss eine Liebesbeziehung immer erst ein Drama bewältigen, in einer halbherzigen Affäre beginnen, Jobprobleme behandeln, bevor sie sein darf? Gibt es nicht so etwas wie ein Recht auf den schönen Beginn einer Liebesbeziehung? Muss nicht wenigstens der Anfang unbeschwert sein? An was genau erinnert man sich später, in den dann zu Recht so genannten harten Phasen, wenn schon der Aufschlag eine Katastrophe war?

Die Tragik der Romantik beginnt schon früh

Alle warnen einen, man solle in Liebesdingen keine Disney-Film- oder Romantic-Comedy-Erwartungen haben. Dabei ist das, was diese Filme an Ideal produzieren, doch immer der härteste Krisen-Kitsch. Zwei finden sich, und es läuft auf Anhieb super, sie werden also einfach glücklich miteinander? Niemals. Stattdessen müssen die Hauptdarsteller erst einander oder anderes bekriegen, ehe sie ihrer Liebe gewahr werden. Es ist überhaupt nicht die Romantik der Schlussszene, die unsere Erwartungshaltung in unrealistische Sphären gehoben hat. Die Tragik der Romantik beginnt viel früher, nämlich in der Idee, Glück sei erst echt und etwas wert, wenn man seinetwegen in den Ring gestiegen ist.

Tatsächlich sind fast alle Beziehungen, die ich kenne, im Wahnsinn gediehen. Manchmal blühen sie wirklich irgendwann, nur sehen die Gesichter dieser Frischverliebten immer ein bisschen fahl aus. Ein Freund sagte kurz vor seiner Hochzeit zu mir: "Im ersten Jahr haben wir uns eigentlich durchgängig gestritten. Irgendwann waren wir fertig und seither ist es schön. Ich glaube manchmal, wir haben alle Kämpfe, die andere Leute auf eine Beziehung verteilen, direkt gekämpft."

Kämpfen wir, weil Frieden uns langweilen würde?

Vielleicht funktioniert das manchmal. Vielleicht ist der Überwindungsmoment oft aber auch nur Mittel zum Zweck. Möglicherweise sollte man sich das wirklich mal kurz fragen: Kämpfen wir gerade, weil es einen Krieg gibt? Oder kämpfen wir, weil wir ahnen, dass der andere uns im Frieden langweilen würde? Beschwernis mit Bedeutung zu verwechseln, vielleicht ist das das tragischste Missverständnis der romantischen Liebe. Und vielleicht ist die größere ja doch die, in der beide von Anfang an Ja sagen und es aushalten.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 03/2017 erschienen.

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