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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Viele Grüße vom Ofen, oder: Was Albert Einstein mit meinem Singlesein zu tun hat

In der Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben NEON-Singles über Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Heute geht es um die Fragen, die sich stellen, wenn alle drumherum Fortschritte machen – und man selbst sich im Kreis dreht.

Wisky trinken am Kamin

Mit einem Getränk am Kamin – sieht gemütlich aus, kann aber auch schnell verdammt unangenehm werden

Getty Images

Wenn Albert Einstein darum gebeten wurde, seine Relativitätstheorie so zu erklären, dass sie auch Laien verstehen können, antwortete er: "Eine Stunde mit einem hübschen Mädchen vergeht wie eine Minute, aber eine Minute auf einem heißen Ofen scheint eine Stunde zu dauern. Das ist Relativität." Ich habe Physik nach der zehnten Klasse abgewählt und verstehe auch nicht viel von hübschen Mädchen. Aber ich kann etwas über heiße Öfen erzählen.

Auf dem Ofen sitzen, so nennt man es in meiner Heimat, wenn die jüngeren Geschwister heiraten und der Älteste immer noch ledig ist. "Da hat sie dich aber schön auf den Ofen gesetzt", sagten die Großtanten zu mir auf der Hochzeit meiner zwei Jahre jüngeren Schwester und sie meinten es nur halb im Scherz.

Der Ofen wird heißer und heißer

Mittlerweile hat sie das erste Kind bekommen. Meine zweite Schwester ist seit kurzem ebenfalls unter der Haube. Der Ofen wird für mich, den Ältesten, heißer und heißer. Viele Bekannte, mit denen ich zusammen zur Schule gegangen bin, haben ebenfalls schon langjährige Partner und Familie. Auch sie schippen ordentlich Kohlen in den Ofen. Das kommt manchmal zur Sprache in der Familie, meist eher mit einem Augenzwinkern – aber oft macht man sich ja selbst mehr Druck als man von außen bekommt.

Wenn ich meine Geschwister und meine Schulfreunde so sehe, dann beginnt der Kopf zu rattern. Irgendwie ist das alles eine andere Welt. Und oft fällt es schwer, die beiden Welten einfach so nebeneinander stehenzulassen, wie sie gerade sind. Stattdessen frage ich mich: Habe ich alles falsch gemacht – oder die? Beneiden oder bemitleiden wir uns gegenseitig? Will ich mit ihnen tauschen? Manchmal würde ich das gern. Manchmal auf gar keinen Fall.

Manche haben das alles super hingekriegt: erster Freund, verliebt, verlobt, verheiratet, Kind. Ein Leben, das eigentlich zu perfekt klingt. Liebeskummer kennen sie nur aus Filmen. Das ist auf eine Art sehr beneidenswert, andererseits fehlt einem dann vielleicht der eigene Bezug, um eine ganz grundlegende menschliche Erfahrung verstehen zu können. Das macht die Kommunikation um solche Themen, die sich ja auf viele Lebensbereiche ausweiten, sogar unter Geschwistern, die sich schon ihr ganzes Leben lang kennen, schwierig. Denn sagen es wir es mal so: Ich bin schon etwas länger nicht mehr mit meiner ersten Freundin zusammen.

Habe ich alles richtig gemacht – oder alles falsch?

Bei einigen Schulfreunden erscheint mir deren heutiges geordnetes Leben sogar richtiggehend absurd. Schließlich habe ich miterlebt, wie viel Quatsch sie damals gemacht haben, wie sie sich in der achten Klasse wie richtige Arschlöcher benommen haben und in Mathe nie die richtige Antwort wussten. Jetzt schieben sie einen Kinderwagen durch eine Fußgängerzone, in der die Läden alle paar Monate wechseln. Samstag sind sie bei seinen Eltern zum Mittagessen, Sonntag bei ihren. Jede Entscheidung muss durch verschiedene Instanzen diskutiert werden. Abends steht das Essen um sechs auf dem Tisch. Und wieder: Wirklich verlockend klingt das nicht. Und manchmal dann doch wieder sehr. 

Manchmal fühlt sich das an wie zwei unterschiedliche Universen. Aber dann gibt es die Momente, in denen die Universen vielleicht nicht ganz zusammenfinden, aber doch unverhoffte Gemeinsamkeiten entwickeln. Zum Beispiel wenige Tage nach der Geburt meiner kleinen Nichte. Ich rief gegen Mittag bei meiner Schwester an, um zu gratulieren, noch etwas lädiert, weil ich erst vor einigen Stunden wieder als Letzter von irgendeiner WG-Party gekommen war. "Ich habe nur drei Stunden geschlafen", sagte meine Schwester. Und ich sagte: "Mensch, ich auch." So groß sind die Unterschiede also doch gar nicht.

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