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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Viele Frösche, wenig Prinzen: Ich weiß jetzt, warum ich schlecht im Tindern bin

In der Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben NEON-Singles über Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Diesmal fragt sich unsere Autorin, ob man eigentlich schlecht im Tindern sein kann.

Dates sind ein bisschen wie Glücksspiel

Dates sind ein bisschen wie Glücksspiel – mit Alkohol

Ich habe mich jahrelang vor Tinder und Konsorten gedrückt. "Das ist doch wie auf dem Fleischmarkt", habe ich gesagt und wild mit der Moralkeule gewedelt. Man möchte sich ja selbst gerne einreden, dass einem nie einfallen würde, einen Menschen nach seinem Äußeren zu beurteilen. Die inneren Werte, die zählen!

Und das stimmt auch, aber schlussendlich, musste ich mir irgendwann eingestehen, ist der erste Kontakt bei Tinder, das Swipen, nichts anderes, als in einer Bar zu sitzen und sich Menschen anzusehen. Den finde ich attraktiv, den nicht so, mit dem möchte ich mich unterhalten und bei dem tue ich einfach so, als wüsste ich nicht, dass er sich in Wahrheit nicht für die Getränkekarte interessiert, sondern einfach das Gespräch sucht.

Also gab ich irgendwann klein bei und lud mir an einem einsamen Donnerstagabend Tinder runter. Direkt mein erstes Match stellte sich als lustiger Typ heraus, mit dem man tatsächlich auch eine Unterhaltung aufrecht erhalten konnte. Nach einer Weile teilte er mir mit, dass er nur für den Abend in der Stadt war und vor allem nach einer schnellen Nummer vor einem Geschäftsessen suchte. Da ich absolut nicht vorhatte, mich an diesem Tag noch vom Sofa zu bewegen und als Appetizer zu fungieren, wünschte ich ihm weiterhin viel Glück auf seiner Suche, er wünschte mir Selbiges und so ging jeder seines Weges. So weit, so gut. 

Dinge, dich bereits nach ein paar Stunden Tinder mit absoluter Sicherheit feststellen konnte:

1. 80 Prozent aller Typen geben "Reisen" als Hobby an – entweder in Schriftform, per Urlaubsfoto mit ausgebreiteten Armen oder durch Emoji-Kombinationen

2. Er: "Hallo! Wie geht's?" Ich: *Irgendwas Cleveres* Er: "Willst du vorbeikommen? Ich habe ein großes Bett und eine XXL-Packung Kondome!" ist keine Unterhaltung.

3. Spiegel-Selfies sind nicht so 2000er wie ich dachte.

4. Viel zu viele Männer haben kein Glasputzmittel.

Der erste Typ, mit dem ich mich schlussendlich traf, hatte wirklich vielversprechend gewirkt. Lustig, charmant, intelligent – wie man eben wirken kann, wenn niemand hören kann, dass man in regelmäßigen Abständen Geräusche wie eine erschrockene Oma macht ("UUHHHHH!") und wirklich dateuntaugliche Sachen von sich gibt ("Also ich liebe ja den Adrenalinkick im Puff! Ich war ein halbes Jahr lang jede Woche dort."). Ich verabschiedete mich mit einem freundlichen "Siehst du das eigentlich auch so, dass die Chemie zwischen uns NULL stimmt?".

"Super Like" – der herübergeschickte Drink des Internets

Tinder-Date Nummer Zwei hatte mir ein "Super Like" gegeben – quasi der herübergeschickte Drink des Internets –, stellte sich jedoch als super klein, super hip und super trainingsanzugaffin heraus. Seine ironische Art war als Nachricht irgendwie witzig gewesen, stellte sich im echten Leben aber als außerordentlich anstrengend heraus (Auch Monate später läuft mir beim Gedanken an "Ummm, anywayyyy…" noch der kalte Graus den Rücken runter.) und die Tatsache, dass er sich die Brille die Nase runter zog, anstatt sie, wie normale Menschen, wieder hoch zu schieben, sollte sich schließlich als letzter Nagel im Sarg unserer jungen Romanze erweisen.

Und so ging das immer weiter. Ich hangelte mich von netter Unterhaltung zu netter Unterhaltung – aber so richtig das Wahre war das alles nicht. Irgendwie waren die alle schriftlich lustiger als in der Realität. Weil sie da mehr Zeit zum Überlegen hatten? Weil ich Intonationen und clevere Anspielungen reinlesen konnte, die vermutlich gar nicht da waren? Weil es eben irgendwie doch einen Unterschied macht, ob der Typ kleiner ist als ich?

Ich glaub ich bin zu nett für Tinder

Es scheint diese Menschen zu geben, die richtige Tinder/Bumble/Hinge/Once/Etc.-Profis sind. Die mit vier Menschen gleichzeitig schreiben, sich ein zwei Mal mit denen treffen, über ein paar Wochen entspannte Affären haben und wenn sie gelangweilt sind einfach nahtlos zur nächsten Person übergehen. Die nicht erst auf dem ersten Date feststellen, dass der Typ rein äußerlich so NULL ihr Typ ist und wieder von vorne anfangen müssen. Was mache ich also falsch?

Wenn ich ganz ehrlich sein soll, liegt es glaube ich daran, dass ich zu gewillt bin, das Beste im Menschen zu sehen. Du hast in deinem Leben noch kein Buch zu Ende gelesen? Naja, aber dafür war der eine Witz in deinem Profil ganz lustig. Und dann wundere ich mich am Ende, dass wir absolut nichts gemeinsam haben.

Trainingsanzugtyp? War, wenn ich ehrlich sein soll, schon auf seinen Bildern nicht so meins. Aber er hatte mir doch den Internet-Drink über die Bar geschoben – ich wollte nicht unhöflich sein. Und am Ende habe ich zahlreiche Stunden meines Lebens, sowohl online als auch offline, auf jemanden verwendet, den ich in der Bar auch keine zwei Mal angeschaut hätte. Weil ich Angst hatte, dass ich sonst genau so oberflächlich bin, wie alle anderen stereotypischen Tinder-Nutzer, die ich mir so vorgestellt habe. 

Im Grunde kann man also nur erfolgreich swipen, wenn man sich selbst eingesteht, dass man eben ein bisschen oberflächlich ist. Dass beim Daten Äußerlichkeiten eben wirklich eine Rolle spielen. Dass man im Zweifel doch einen Typ hat. Und dass all diese Dinge vielleicht keine Rolle spielen mögen, wenn die inneren Werte bereits überzeugt haben – dass das aber nicht der Sinn der Sache von Tinder ist.

Ich swipe jetzt jedenfalls wieder analog – "Ach, du reist gern?"

Ein Mann und eine Frau liegen unter einer weißen Bettdecke und küssen sich innig



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