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NEON-Beichten: "So reagieren Männer, wenn ich ihnen erzähle, dass ich ein Typ war"

In der NEON-Serie über Geheimnisse, schlechten Sex und die kleinen Gemeinheiten des Lebens erzählen junge Menschen, was sie immer schon einmal heimlich loswerden wollten. Dieses Mal: Michelle.

Von Katharina Weiß

Transsexualität: "So regieren Männer, wenn ich ihnen erzähle, dass ich ein Typ war"

In der Serie NEON-Beichte erzählt dieses mal Michelle über ihre Transsexualität – und welche Probleme sie deshalb vor allem mit Typen hat (Symbolbild)

Getty Images

"Ich war kürzlich auf einer Hausparty. Es wurde getrunken, geraucht und viel geredet. Das Übliche, ich war locker, es war Wochenende. Bis eine Situation alles für mich veränderte. Ein Typ wurde der Runde vorgestellt. Eine gute Freundin von mir hatte ihn mitgebracht und offensichtlich von mir erzählt – nur leider mehr als mir lieb war.

Bevor wir überhaupt in eine tiefere Konversation einsteigen konnten, fing er an mich zu mustern und meinte dann, er fände mich attraktiv und ich sei eine schöne Frau. Und dann kam das 'aber'. Er war sehr direkt und sprach offen an, dass er sich niemals vorstellen könnte etwas mit mir zu haben. Aufgrund des Wissens darum, dass ich nicht immer die Frau war, die ich jetzt bin. Somit wusste er schon mal mehr über mich als ich je über ihn wissen werde. Bisschen unfair, doch nicht das erste Mal.

Die Situation, dass Menschen in meiner Anwesenheit lautstark darüber diskutieren, ob sie sich vorstellen könnten, mit 'so etwas wie mir Sex zu haben', kommt nicht so selten vor, wie man denkt. Ich bin auch bereit, mich mit ihnen hinzusetzen und mir ihre Argumente anzuhören. Dann versuche ich mich zu verteidigen. Doch das hat leider oft zur Folge, dass sich umstehende Leute einschalten, dazwischenreden und ihren ganz eigenen Senf dazugeben.

Ich versuche, keine Emotionen einzubringen, mein Gegenüber zu verstehen und gleichzeitig denke ich an die vielen Male, in denen ich in einer ähnlichen Diskussion festsaß. Am Ende schleppe ich mich nach Hause: traurig, müde und wissend, dass ich am nächsten Morgen aufwache und mir diese Thematik für ein paar Tage im Kopf nachhängen wird. Und da ich aber nun einmal weiß, dass meine Geschichte für viele noch Neuland ist, möchte ich ein paar grundsätzliche Gedanken zum Thema mit euch teilen.

Transsexualität – im falschen Körper

Ich bin ein Mensch, der in einem Jungenkörper geboren wurde und die langwierige Umwandlung zu einer jungen Frau durchlief. Allgemein wird dieser Angleichungswunsch des körperlichen an das innerlich gefühlte Geschlecht auch als Transidentität oder Transsexualität bezeichnet. Die strikte Trennung der Geschlechter, die uns Fähigkeiten und Emotionen zuschreibt oder abspricht, ist daher eine Lebensfrage für mich: Frauen können kein Fußball spielen und Männer müssen handwerklich begabt sein. Solche Dinge eben.  Diese Trennung nach den sozialen Geschlechtern wird weitestgehend nach dem Äußeren beurteilt. Als das Geschlecht wahrgenommen zu werden, welches man verkörpern möchte, ist das Ziel der meisten Transfrauen. Das bezeichnet man im Fach-Jargon der Gender-Wissenschaften als 'passing' (etwa mit 'als etwas durchgehen' übersetzbar).

Nach meinem Umzug in die Hauptstadt war ich also zunächst ungeoutet. Erst durch Gespräche, in denen ich mich meinem neuen Umfeld als Frau mit transidentem Hintergrund anvertraute, wurde mir klar, dass ich mich damit wieder zur Zielscheibe für Schubladendenken machte. Wenn man sich im neuen Umfeld outet, bringt das als erstes Erleichterung. Freunde nehmen einen als Ganzes wahr und können häufig besser verstehen, warum man vielleicht vor diesem oder jenem Angst hat. Gleichermaßen wird man aber angreifbar. Es ist und bleibt dann doch etwas Intimes, das man nicht mit jedem teilen möchte – doch eben unbedingt mit dem Mann, mit dem man ins Bett steigen möchte.

Trotzdem habe ich es Männern vor dem Sex oft nicht erzählt. Einige fragten 'Warum bist du so eng?' oder 'Warum sieht das bei dir ein bisschen anders aus?'. Manch anderer Mann hat sich da unten nicht so genau umgesehen oder ihm war der minimale Unterschied zu einer anatomischen Vagina egal. Auch wenn ich es dem Mann davor erzählt habe, gab es zweierlei Reaktionen. Die einen waren total begeistert und neugierig auf die neue Erfahrung. Die eher Minderbemittelteren waren stumpf und haben dumme Bemerkungen gemacht, zum Beispiel 'Was genau hängt jetzt da zwischen deinen Beinen?'. Da kam es dann meistens nicht zum Sex. 

Im Grunde sollte ich mich wegen solcher Negativ-Begegnungen aber nicht schlecht fühlen müssen. Denn ich habe nun eine wunderschöne und sehr funktionstüchtige Vagina, und nur wer das wertschätzt, hat es auch verdient mit mir zu schlafen. Punkt. Ich zog bewusst aus einem kleinen fränkischen Dorf nach Berlin, weil ich hoffte, dass es hier mehr Wissen und Sensibilität für das Thema gibt. Und tatsächlich tummeln sich hier viele Menschen, die offene Zuhörer sind, die sich Mühe geben, die richtigen Begriffe zu benutzten und nicht nur binäre, also nicht die 'entweder-oder'- Perspektiven zu akzeptieren.

"Sag mal, bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau?"

Da ist der Künstler, der in seiner Arbeit mit Crossdressing und Gender-Auflösung spielt, aber seinen eigenen Bruder, mit dem ich rumgekutscht habe, quasi vor mir warnt und mir so die Chance nimmt, mich selber zu erklären. Und da sind auch die seltenen aber schmerzhaften Kommentare von Fremden: Einmal war ich in einer kleinen Eckkneipe in Berlin Mitte. Es war ein fröhlicher Abend mit meiner besten Freundin. Wir landeten auf einer kleinen Tanzfläche und hatten Spaß am Leben und an uns. Also tanzten wir vergnügt und innig zu zweit. Als wir gehen wollten, sprach mich ein betrunkener Typ an, der uns die ganze Zeit beobachtet hatte. Er meinte, er hätte da mal eine Frage an mich. Er schoss los: 'Sag mal, bist du eigentlich ein Mann oder eine Frau?'.

Perplex, leicht betrunken und überrannt konnte ich nur 'Na klar 'ne Frau, was sonst' antworten und aus der Tür verschwinden – nur leider mit einem der unschönsten Gefühle, die man als Transfrau haben kann. Es ging mir zwei Tage lang nicht aus den Kopf, welcher Konter der Beste gewesen wäre. Es ärgerte mich, dass jemand so dumm sein kann, einer wildfremden Person so eine Frage zu stellen.

Als transidente Frau gibt es ohnehin unzählige Hürden. Addiert mit den negativen Erfahrungen durch die Gattung 'Mann' stellt sich automatisch das Gefühl ein, weniger wert zu sein. Niemand sollte sich jemals so fühlen müssen. Ich denke, es ist einfach Zeit für einen Umbruch und nur wenn man sich mit diesem ganzen Thema auseinander setzt, realisiert man wie unwichtig diese ganze Unterscheidung der Geschlechter wird und dass es letztendlich nur um den Menschen selbst geht. Davon können am Ende auch jene profitieren, die aufgrund sozialer Umstände noch Probleme mit dem Thema haben.

An Neujahr war ich auf einer Party, bei der man eine Wahrsagerin aufsuchen konnte. Auch wenn ich bei so etwas immer skeptisch bin, hat mich die Begegnung mit dieser Frau berührt. Sie hat sofort gemerkt, dass ich gerade in einer Phase bin, in der es mir psychisch oft nicht so gut geht. Am Ende sagte sie: 'Du bist ein Geschenk für die Menschen, wie ein großer Blumenstrauß. Du weißt es manchmal nur nicht.' So wie mir geht es vielen da draußen. Ich hoffe, wir bekommen im neuen Jahr genug Wasser und Sonne für alle."

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Es gibt da ein Geheimnis, das ihr meistens für euch behaltet, aber gerne mal anonym mit den NEON-Lesern teilen würdet? Dann meldet euch bei unserer Autorin: Schreibt einfach eine Mail an kontakt@neon.de mit dem Betreff "Neon Beichte“.

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kann man sich gegen eine maßnahme vom jobcenter wehren?
hallo. ich bin quasi arbeitsunfähig seit meinem 18ten lebensjahr. ich wiege 200 kg und habe eine betreuung weil ich sonst gar nichts schaffen würde. sie bringt mich zu terminen und begleitet mich zu arzt besuchen. das einzige was ich noch alleine kann ist einkaufen und das auch nur weil es nunmal lebensnotwendig ist ,jedoch bin ich danach total erschöpft und fertig.ich kann keine 200 meter mehr laufen.und mal ganz abgesehen von meiner körperlich verfassung leide ich seit meiner kindheit an starken depressionen,borderline,panikattacken,einer traumatischen belastungsstörung und angstzuständen. ich bin demnach körperlich sowie auch psychisch ziemlich fertig. gestern war ich beim amtsarzt zur begutachtung sowie auch einmal vor 2 jahren. und die ärztin sagt mir ernsthaft,das es zumindest köperlich nicht ausreichen würde das ich weiterhin krank geschrieben werden kann und sagte,das eine maßnahme sicherlich gut sein kann.und das obwohl ich bereits sagte,das ich körperlich unfähig bin irgendwas alleine zu schaffen und ,meine betreuerin mich überallhin begleiten muss.(ich habe kein auto)ich bin vollkommen entsesetzt und habe nun angst das sie mich in eine maßnahme stecvken welche ich einfach nicht schaffe und sie mir dann das minum an geld nehmen welches ich bekomme und ich dann verhungernd und auf der starße leben muss,eben weil es ein ding der unmöglichkeit für mich darstellt.kann man sich da irgendwie wehren?sie sagt sie findet ich sei zu jung um berentet zu werden (28).ich habe gerade wirklich angst.kann man einen menschen zwingen etwas für ihn unmögliches zu tun?ich hab das gefühl die wollen irgendeine quote erfüllen und solange man die arme bewegen kann,ist man arbeitsfähig...hilfe :(