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Liebeskummer: NEON-Beichten: "Ich bin seit zehn Jahren in meinen besten Freund verliebt"

In der NEON-Serie über Geheimnisse, schlechten Sex und die kleinen Gemeinheiten des Lebens erzählen junge Menschen, was sie immer schon mal heimlich loswerden wollten. Dieses Mal: Anna.

Von Katharina Weiß

NEON-Beichte: "Ich bin seit zehn Jahren in meinen besten Freund verliebt"

Anna hat ein Geheimnis, das sie jedem Menschen erzählt, nur nicht dem, um den es geht: Sie hat seit einer Dekade romantische Gefühle für ihren besten Freund.

Unsplash

Diese Liebe kam langsam in mein Leben. Fast unbemerkt schlich sie sich in jede Faser meines Körpers, um mir in dem Moment, in dem ich sie bemerkte, auch schon fast jede Hoffnung zu rauben. Mit 19 zog ich von Köln nach Berlin, um Politikwissenschaft zu studieren. Damals war ich noch mit meinem Schulfreund zusammen – meine erste richtige Beziehung. Aber es bahnte sich schon an, dass unsere kleine Liebe das große Erwachsenwerden mit Umzug, Fernbeziehung und verschiedenen Freundeskreisen nicht überleben würde.

Auf der Erstsemesterfahrt in die Priegnitz lernte ich dann diesen Jungen kennen: Große Segelohren, bartlos und mit einem gelben Friesennerz durch die Herbstlandschaft stiefelnd, sah er wahnsinnig jung aus. Klassisch attraktiv fand ich ihn nicht. Dafür unglaublich lustig. Er konnte saufen wie ein Hafenarbeiter und trotzdem noch bis spät in die Nacht mit kabarettistischem Witz Politiker und andere Berühmtheiten imitieren.

Auch er war neu in Berlin, auch er hatte eine Wohnung in Neukölln, auch er mochte rauchen und Pizza essen während Bosse und Tomte aus der schlechten Küchenbox schallten. Wir wurden Univerbündete, Feierkumpanen, beste Freunde. Dass ich mich langsam aber heftig in ihn verliebt hatte, dämmerte mir erst spät – wenn auch schmerzlich.

Bei keiner anderen Person wäre ich so sauer gewesen – aber mit ihm war es anders

Kurz vor meinem 20. Geburtstag war mit meinem Schulfreund Schluss. Als mein bester Freund drei Stunden zu spät zu meiner Geburtstagsparty kam und zwei Kollegen von seinem Nebenjob mitbrachte, war ich fuchsteufelswild. Bei keiner anderen Person aus meinem damals schon stattlich angewachsenen Freundeskreis, wäre ich über eine Verspätung so sauer gewesen. Aber ich redete mir ein, dass es seine Pflicht als bester Freund wäre, mir so kurz nach einer Trennung an meinem Ehrentag zur Seite zu stehen.

Dann ging er für ein Erasmus-Semester ins Ausland. Als er wiederkam, hatten wir zwei gemeinsame Monate, bevor ich für ein Semester nach Lateinamerika ging. Ich vermisste ihn die ganze Zeit, wollte mir aber noch nicht eingestehen, dass das mehr als freundschaftliche Sehnsucht war. Zu diesem Zeitpunkt fiel es mir auch noch leichter, mit anderen Männern auszugehen. Als er Berlin verlassen hatte, fing meine erste und einzige One-Night-Stand-Phase an. Und in Argentinien hatte ich für zwei Monate so eine Art festen Freund. Ich war 22, als wir beide zurück in der Hauptstadt waren.

Das wäre vielleicht der Moment gewesen, in dem ich emotional den Absprung geschafft hätte. Doch stattdessen zog ich bei ihm ein. Sein Mitbewohner zog aus, ich fand keine andere WG, es schien perfekt. Eine Zweier-WG der besten Freunde.

In einer der Nächte in unserer Stammbar würde es schon passieren – oder?

Doch für mich wurde das ganze bald zum emotionalen Spießrutenlauf. Am Anfang war die Nähe toll, fast wie in einer Beziehung. Wenn wir zu müde oder faul zum ausgehen waren, kuschelten wir uns auf unsere Couch, kochten zusammen und schauten gemeinsam "unsere" Serien. Wir hatten auch häufig Freunde zu Besuch, mit denen wir bis in die frühen Morgenstunden Gin mit Späti-Säften tranken, kifften und Johnny Cash hörten. Dass ich da schon anfing, heimlich Dinge an ihm zu kritisieren, die einen sonst nur am Partner stören sollten, wollte ich natürlich nicht kapieren.

Ich war passiv aggressiv, wenn er nicht nach Hause kam und mir nicht schrieb, wo er abhing. Ich ärgerte mich, wenn er in seltenen Fällen mal nicht zu einem Konzert oder Theaterstück gehen wollte, das mir Freude bereiten würde. Ich fand schade, dass er mich noch nie zu Hause in Köln besucht hatte, und dass er mir nie anbot, seine Eltern kennenzulernen. Ich ließ mir natürlich fast nie etwas anmerken. Auch als mir spätestens nach einem Jahr gemeinsamen Wohnens endgültig klar wurde, dass ich ihn liebe, veränderte ich mein Verhalten nicht. Ich hoffte einfach, dass er sich genauso fühlte, und dass es nach einer der vielen feucht-fröhlichen Nächte in unserer Stammbar in Neukölln schon passieren würde: Der tiefe Blick, der fragende Kuss, die ewige Glückseligkeit.

All das bekam dann allerdings eine andere. Ich war fast 25, wir kannten uns also bereits gute fünf Jahre, als er uns seine Freundin vorstellte. Mittlerweile war er mit der Uni fertig, sie war eine Arbeitskollegin. Ich hatte noch den Master angehangen. Er war nie ein Frauenheld gewesen, hatte aber schon ab und zu Mal ein Mädel mit nach Hause gebracht, was mir jedes Mal einen heftigen Stich versetzte. Aber das waren besoffene Eine-Nacht-Nummern gewesen. Von dieser Arbeitskollegin hatte er auch in den Wochen davor immer mal wieder eine Anekdote erzählt und ich spürte: Das mit den beiden war verdammt ernst.

Als die beiden zusammenzogen, half ich natürlich beim Umzug – trotz Liebeskummer

Sie ist hübsch. Ein ganz anderer Typ als ich, was gut ist, damit ich mich nicht vergleichen muss. Und sie ist schlau. Juristin. Aber keine verklemmte, sondern eine, die am Wochenende auch mal die Partyhosen anhat. Dass ich sie mag, macht die ganze Situation aber eher noch masochistischer. Zwei Jahre nachdem ich sie zum ersten Mal getroffen hatte, zogen die beiden zusammen. Ich half beim Umzug, natürlich.

Mit 27, nach fast vier Jahren, auf einmal ohne ihn zu leben, riss mir den Boden unter den Füßen weg. Dass er keine romantische Liebe für mich empfand war oft hart – aber immerhin sahen wir uns täglich, hatten eine andere Art von inniger Beziehung. Wir hatten unsere Rituale, teilten unseren Alltag.

Alle wissen, dass ich ihn liebe – nur er nicht

So ziemlich jeder Mensch, der mich besser kennt und nicht ebenfalls mit ihm befreundet ist, weiß, dass ich seit Jahren auf meinen besten Freund stehe. Arbeitskollegen, arme Mädels auf Clubtoiletten und verständnisvolle Cousinen auf Familienfeiern –sie alle raten mir seit Jahren, endlich Abstand zu nehmen, ihn zu vergessen. Aber auch wenn ich mit anderen Männern ausgehe, ist keiner so toll, so unternehmungslustig, so witzig, herzlich und klug wie er. Ich finde andere Kerle sogar schärfer als ihn, hatte letztes Jahr eine Affäre mit einem jüngeren Männermodel, aber charakterlich kommt keiner an ihn ran. Selbst wenn er vom Hals an gelähmt im Rollstuhl säße, würde seine Freundin ihn verlassen, ich würde ihn sofort nehmen.

Apropos Freundin: Es kam, wie es kommen musste: An Silvester hat er ihr einen Heiratsantrag gemacht. Wenn er mich bittet, Trauzeugin zu werden, ertränke ich mich vor der Zeremonie in meinen eigenen Tränen.

Ich selbst langweile mich schon langsam mit dieser ewigen Geschichte der unerfüllten Liebe. Verdammt, ich werde bald 30 Jahre alt. Aber immerhin habe ich einmal richtig geliebt in meinem Leben. Vielleicht ist das am Ende ja auch was wert.

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Es gibt da ein Geheimnis, das ihr meistens für euch behaltet, aber gerne mal anonym mit den NEON-Lesern teilen würdet? Dann meldet euch bei unserer Autorin: Schreibt einfach eine Mail an kontakt@neon.de mit dem Betreff "Neon Beichte“.