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Trennung: Wer braucht Ben&Jerry's – bei Herzschmerz knutsche ich lieber mit Ben und Jerry

Trennungen sind immer doof – darauf können sich wohl alle einigen. Doch bei der Verarbeitung von Herzschmerz hat jeder seine eigene Strategie. Unsere Autorin war da immer immer eher Team Saufen und Vergessen. Aber hilft das wirklich?

Von Kristiane N. Harten

Im Bett verkrümeln oder mit den Freundinnen raus? Was hilft wirklich bei Herzschmerz?

Im Bett verkrümeln oder mit den Freundinnen raus? Was hilft wirklich bei Herzschmerz?

Unsplash

Außer du bist eine dieser schillernden Einhorn-Feen, denen noch nie das Herz gebrochen wurde (In diesem Falle, solltest du übrigens jetzt aufhören zu lesen, weil dich das hier, offen gestanden, nichts angeht), wirst du dich zu irgendeinem Zeitpunkt in deinem Leben bereits einmal an einer Kreuzung wiedergefunden haben, an der nur eine einzige Frage durch deinen Kopf schwirrte: Wein oder Wodka? Du wirst dann zu dem Entschluss gekommen sein, dass BEIDES wahrscheinlich am sinnvollsten ist, dir einen mäßig attraktiven Fremden angelacht, ein paar zwielichtige Drogen eingetütet und oben ohne in einem schlechten Club getanzt haben – bis jegliche Gedanken an den Kerl von der Zunge eines anderen aus deinen Gedanken geschoben wurden. Nicht? Dann war das wohl nur ich.

Spaß beiseite: So bin ich über einen Großteil meiner Trennungen hinweggekommen. Ich habe allerdings genug Schmonzetten und Rom-Coms gesehen, um zu wissen, dass in dieser Situation eigentlich anderes von uns Frauen erwartet wird. Reißt uns jemand das Herz aus der Brust und trampelt drauf herum, bis es irgendwie einem totgefahrenen Hasen am Straßenrand ähnelt, sollen wir in einem unförmigen Haufen aus Decken, benutzten Taschentüchern und leeren Bechern Ben&Jerry’s auf dem Sofa sitzen und "Bridget Jones" und "Wie ein einziger Tag" in Endlosschleife gucken. Das machen die da alle so.

Was ist also wirklich die effektivste Methode, das aktuellste Arschloch so schnell wie möglich ins Nirvana der vergessenen Romanzen zu verdrängen?

Nach der Trennung ist vor dem Rausch

Bei mir läuft das normalerweise nach dem gleichen Schema ab: Herz gebrochen bekommen, ein paar Stunden weinen, entscheiden, dass er meine Tränen nicht wert ist, dass ich ohnehin viel zu gut für ihn bin und dass es genug andere Männer gibt, die mich mit Kusshand nehmen würden. Das letzte Mal war das nicht anders.

Als sich herausstellte, dass der schöne geschiedene Mann mit den Bindungsängsten, mit dem ich vor einigen Monaten angebandelt hatte, tatsächlich keine allgemeine Bindungsangst hatte, sondern sich einfach nur nicht an mich binden wollte, war ich selbst überrascht von der Welle der Emotion, die mich überkam. Ich möchte niemandem eine detaillierte Auflistung der Ereignisse der nächsten paar Stunden antun, aber eins kann gesagt sein: Es war nicht schön anzusehen. Am nächsten Tag, nachdem ich sämtliche Nummern, Nachrichten und Anrufprotokolle gelöscht hatte – wie man das halt so macht – entschied ich mich, das einzig Sinnvolle zu tun. Freundin anrufen, saufen gehen.

Als ich mich fünf Stunden später auf einer Clubtoilette wiederfand, wo ich gerade wild mit einem Barkeeper herumknutschte, den ich zu irgendeinem früheren Zeitpunkt am Abend aufgegabelt hatte, dachte ich mir: "Siehste. Noch keine 24 Stunden vorbei und ich hab schon einen anderen gefunden." Als ich jedoch am nächsten Morgen aufwachte, mit fürchterlichen Kopfschmerzen und in Klamotten, die rochen, als hätte ich in einem Aschenbecher gebadet, fühlte ich, wie mich mein Selbstbewusstsein verließ.

Hatte ich wirklich meine Bluse ausgezogen und unter dem tösenden Gebrüll eines Raums voller neureicher Idioten im BH zu schlechter Chart-Mukke getanzt? Was hatte ich damit beweisen wollen? Und wem? Ihm? Er war ja nicht da gewesen, um irgendetwas mitzubekommen. Und ich würde mit einiger Überzeugung argumentieren, dass nichts lauter 'Psycho' schreit als eine "Ich habe mit einem möglicherweise unattraktiven Fremden rumgeknutscht, um über dich hinwegzukommen"-Grußkarte.

Mir selbst? Schon wahrscheinlicher. Auf jeden Fall nicht den neureichen Idioten. Blieb noch immer die andere große W-Frage: Was wollte ich mir beweisen? Dass ich ihn nicht brauchte? Wofür – Sex? Nein, natürlich nicht. Aber um mir das wirklich zu beweisen, hätte ich willens sein müssen, mit dem Barkeeper zu schlafen. War ich nicht. Auch wenn das Angebot sehr offensichtlich im Raum stand – if you know what I mean.

Um Spaß zu haben? Naja, nein. Er und ich hatten immer viel Spaß gehabt, ja. Aber ich wusste schon lange vorher, dass ich mit meinen Freunden mindestens genau so viel Spaß haben konnte. Für mein Selbstbewusstsein? Hier wird es interessant. Sich von einem wirklich sehr attraktiven Mann begehrt zu fühlen, ist ohne Frage ein erheblicher Ego-Boost. Wesentlich besser als der, den du vielleicht auf Tinder von Alex, 27, 4km entfernt, mag Kayaks, Wandern und gemütliche Stunden auf dem Heuboden, bekommen würdest. Wenn dir dieser Ego-Boost also entzogen wird oder, noch schlimmer, an eine andere Person weitergegeben wird, die ihn augenscheinlich mehr verdient hat als du, kann das dem Selbstbewusstsein einen ordentlichen Knacks verpassen.

Was du also tust, ist den nächstbesten Typ zu suchen, der dich will. Um dir selbst zu beweisen, dass du durchaus begehrenswert bist und dass du die Zuneigung, die dir so rüde entrissen wurde, auch woanders bekommen kannst. Oder zumindest das, was du nach fünf Wodka Tonic als Zuneigung definieren würdest.

Und auch wenn ich mir sehr wohl im Klaren darüber bin, dass das Ende einer dreimonatigen Affäre in keinem Falle vergleichbar mit einer Scheidung nach 25 Jahren Ehe ist: Das Gefühl, ersetzt worden zu sein, tut immer weh.

Ego oder Herz: Was ist wirklich angeknackst?

Kommen wir also zurück zur Ausgangsfrage: Wie kommt es, dass einige Menschen nach einer Trennung gerne auf dem Sofa liegen, weinen und ihren Kummer in Eiscreme ertränken, während andere lieber rausgehen und alles dafür geben, die Gesamtsituation so schnell wie möglich hinter sich zu lassen? Ich habe letztens eine Freundin gefragt, die sich vor Kurzem verlobt hat, was sie glaubt. Ihre Antwort fasst es wahrscheinlich recht gut zusammen: "Wenn es um die Heilung eines gebrochenen Herzens geht, war ich schon immer eher der Drogen-und-Clubs-Typ. Aber ich glaube, wenn er mich jetzt verlassen würde, würde ich mich wahrscheinlich für immer in meinem Bett verkriechen." Ausgehen und durchdrehen sei eine tolle Ablenkung.

"Aber wenn es eine wirklich intensive Beziehung war, ist man glaube ich bereiter, die Trauer zu erlauben. Dann kann man auch mal zu Hause sitzen und hat nicht sofort das Gefühl wie so ein Duracell-Hase wieder aufzuspringen und 'Voll egal, bin schon drüber weg' zu brüllen. Eins ist eine gute Heilung für ein angeknackstes Ego, das andere für ein gebrochenes Herz."

Also: Bis der Typ kommt, der unsere Tränen wirklich verdient hat, können wir ruhig weiter frei nach dem Motto leben, das ich letztens auf einer Kneipentoilette gelesen habe: "Wein ist für Frauen, was Klebeband für Männer ist – er kann einfach alles reparieren." Auch ein angeknackstes Ego. Aber: alles in Maßen. Denn die einzigen Dinge, die weder Wein noch Klebeband heil machen können, sind Kopfschmerzen und die verschwommene Erinnerung an grölende neureiche Idioten, die dir auf die Brüste starren.

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