HOME

Introvertiertheit: Schau mir nicht in die Augen, Kleines: Meine Angst vor Blickkontakt

Ich kann das nicht gut, Menschen bei Gesprächen lässig direkt in die Augen schauen. Dabei ist das in unserer Gesellschaft eine Tugend – etwas, das einen ehrlichen, zuverlässigen Menschen ausmachen soll. Das ist allerdings Unsinn.

Eine junge Frau, die sich ihren Pulloverkragen über die Nase zieht

Ist doch nicht schlimm, wenn wir uns nicht alle permanent anglotzen, oder?

Zum ersten Mal dachte ich bewusst darüber nach, als ich etwa 17 war. Ich hatte in der Oberstufe eine neue Freundin kennengelernt, hing diverse Male mit ihr im Haus ihrer Eltern ab. Ihre war Psychologin. Eines Tages fragte die Freundin mich, lachend: "Sag mal, meine Mutter hat gefragt, ob du vielleicht Autistin bist? Weil du Leuten nicht in die Augen schauen kannst?" Zuerst musste ich auch lachen. Dann war ich ziemlich irritiert und auch ein bisschen beleidigt. Und zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass ich tatsächlich schlecht darin war, Blickkontakt zu halten. Und dass das anderen auffiel.

Ich hasse es, Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen

Ich war mir direkt ziemlich sicher, keine Autistin zu sein. Denn eins der wenigen Talente, derer ich mich rühmte, war überbordende Empathie mit Mitmenschen jeder Art. Aber schlecht im Small Talk war ich wiederum schon. Dennoch gibt es ja auch etwas ziemlich Verbreitetes, das sich schlicht Introvertiertheit nennt. Ich war schon immer schüchtern, zurückhaltend, Bücherwurm, hasse es, vor großen Gruppen zu reden oder überhaupt Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Es ist ziemlich lästig, so zu sein. Es ist tröstend zu wissen, dass es aber vielen anderen Menschen auch so geht.

Ich bin inzwischen cool damit und habe das , mich in einem Umfeld zu bewegen, in dem niemand vor mir erwartet, permanent breitbeinig, mir selbst auf die Brust trommelnd, rumzustolzieren und meine eigene Geilheit abzufeiern. Das hilft. Trotzdem wundern sich vermutlich immer wieder Menschen, warum ich ständig verlegen weggucke, wenn wir uns ganz normal unterhalten. Auch bei Menschen, die ich gut kenne und sehr mag. Auch, wenn wir nur übers Wetter plaudern.

Mehr als fünf Sekunden geht nicht

Denn in Deutschland ist es eine Tugend, seinem Gegenüber in die Augen zu schauen. Fester Händedruck, fester Blick, dann weiß man, was man am anderen hat. Ich kann den Gedanken verstehen, ich finde ihn sogar sympathisch. Ich kann das nur leider nicht. Wenn ich jemandem in die Augen schaue, länger als fünf Sekunden, fühle ich mich, als ob ich mich aufdrängen würde. So, als würde ich mir mein Shirt vom Körper reißen und ihn albern in die Wangen kneifen, während ich ihm ins Ohr brülle, was ich eigentlich gerade erzählen will. Und wenn jemand permanent meinen Augenkontakt sucht, also auf die Art, dass er forsch "hinterherguckt", wenn ich weggucke, dann fühle ich mich genau so bedrängt. Und das ist wirklich unangenehm.

Das mit dem ist übrigens nicht überall auf der Welt so. In Asien gilt es als unhöflich, Leuten direkt in die Augen zu blicken. Bei uns aber steht es für Offenheit, für Ehrlichkeit. Dafür, dem anderen nichts vorzumachen. Nichts zu verbergen zu haben. Das macht mir zu schaffen. Ich frage mich, ob Menschen manchmal denken, ich schwindele ihnen etwas vor, nur weil ich ihnen nicht in die Augen schauen mag und ihrem Blick ausweiche. Dabei liegt mir nichts ferner.

Blickkontakt ist nicht gleich Offenheit

Ich will nicht die Wahrheit verstecken, ich will nur mich ein bisschen verstecken. Weil ich eben so bin. Ich habe nach über 30 Jahren aufgegeben, gegen meine Schüchternheit anzukämpfen. Es ist anstrengend und nutzlos. Ich gebe mir zumindest Mühe, immer wieder kurz mal aufzuschauen und Leuten in die Augen zu gucken. Ein paar Sekunden sind ja okay. Das lernt man, wenn man in der Schule zum ersten Mal Referate oder Buchvorstellungen halten muss: Immer mal wieder kurz hochgucken. Ein anderer Tipp ist, dem Gegenüber auf die Nase zu schauen. Das fühlt sich weniger invasiv an, ist aber für denjenigen vermutlich weniger seltsam, als wenn man sich während des Gesprächs interessiert die gegenüberliegende Zimmerecke anschaut.

Wenn ihr also mal mit jemandem quatscht, der permanent eurem Blick ausweicht, dann hat er oder sie nicht hinter eurem Rücken mit eurem Freund geschlafen. Also, vermutlich nicht. Er ist mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch kein Autist. Höchstwahrscheinlich ist er einfach ein introvertierter Dude, der euch nicht das Gefühl geben will, euch die Seele aus den Augenhöhlen zu saugen, weil sich das für ihn selbst so anfühlt. Seid nett zu ihm.

Videofragebogen: Warum Hannah Herzsprung schüchtern ist
wt