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Angeblich nur Rückenprobleme: Vier Jahre Schmerzen – weil ich meinem Arzt vertraute. Protokoll einer Fehldiagnose

Jahrelang litt unsere Autorin an schlimmen Schmerzen – doch kein Arzt nahm sie ernst. Über eine Krankheits-Odyssee, die sie fast verzweifeln ließ.

Fehldiagnose: Eine junge Frau hockt vor einem Bett und legt ihren Kopf darauf

Vier Jahre lang dachte unsere Autorin, sie hätte "nur" Rückenschmerzen (Symbolbild)

Unsplash

Den ersten Anfall habe ich mit 17. Ich bin mit Freunden auf der Kirmes in unserem Dorf, als ich plötzlich einen starken Schmerz spüre, der aus der Brust zu kommen scheint. Ich schleppe mich nach Hause, denke erst, mein BH würde so drücken, aber als ich ihn ausziehe, werden die Schmerzen immer schlimmer. So stelle ich mir einen Herzinfarkt vor. Niemand ist zu Hause, ich weiß nicht, was ich machen soll, bin ein bisschen betrunken, also lege ich mich auf mein Bett und warte. Nach einer Stunde geht es mir wieder besser und ich gehe mit einem mulmigen Gefühl zurück auf die Kirmes. Was war das denn?!

Die Fehldiagnose

In der darauffolgenden Woche gehe ich zum Arzt und schildere mein Erlebnis. Er macht erst einmal ein EKG, um ein Problem mit dem Herzen auszuschließen. Nichts. "Sie haben sich bestimmt nur irgendwas verrenkt", sagt er. Aber das waren keine Schmerzen wie bei einer Verrenkung. Ich bin skeptisch, betone noch einmal, wie unerträglich diese Schmerzen waren. "Kommen Sie einfach regelmäßig zum Einrenken." Das war’s.

In dem Glauben, nur läppische Rückenschmerzen gehabt zu haben, lebe ich mein Leben weiter. Bis irgendwann der nächste Anfall kommt. Und der nächste. Und der nächste. Die Schmerzen sind jedes Mal schlimm. Jedes Mal liege ich im Bett und habe das Gefühl, ich würde sterben. Meine Eltern wollen den Krankenwagen rufen, aber ich will nicht. "Das sind nur Rückenschmerzen, die Sanitäter werden mich auslachen", denke ich. Aber ich gehe regelmäßig zum Arzt – der mich jedes Mal nur einrenkt.

Einmal schickt er mich zum MRT ins Krankenhaus. Gefunden wird nichts. "Das ist bestimmt psychosomatisch", heißt es dann. Oder: "Haben Sie viel Stress?" - Nein. "Nehmen Sie Drogen?" – Nein. "Sind Sie sich sicher?" JA, VERDAMMT! Es auf die Psyche zu schieben, scheint eine einfache Lösung, wenn der Arzt nichts finden kann. "Die Schmerzen sind aber wirklich nicht auszuhalten. Können Sie da nichts machen?", frage ich. Etwas Stärkeres als Ibuprofen könne er mir nicht verschreiben, heißt es. Ich werde nicht ernst genommen. Dieser Arzt glaubt mir einfach nicht. Ich bin mittlerweile Anfang 20.

"Der Schmerz ist wieder da"

Oft kommen die Schmerzen an Tagen, die eigentlich besonders schön waren: mein Geburtstag, der Jahrestag mit meinem Freund, ein Trip mit meinen Mädels nach Hamburg. Auf dieser Fahrt eskaliert es. Wir bestellen Pizza, haben uns gerade fertig gemacht, um mit einer Limousine in einen Club zu fahren. Dann kommt der Schmerz. Ich erkenne ihn sofort, lege mich hin und warte, dass es über mich hereinbricht. "Der Schmerz ist wieder da. Bitte erschreckt euch nicht. Das wird gleich krass." Ich renne zum Klo, muss mich übergeben. Liege danach für endlose Minuten im Etagenbett und wimmere vor mich hin. Meine Freunde hatten die Attacken noch nie erlebt, haben Angst, wollen den Krankenwagen rufen. Aber ich kenne das schon. Habe mir mittlerweile selbst eingeredet, dass es nur Verspannungen im Rücken sind. Wenn ich Glück habe, ist es in einer Stunde wieder vorbei. Ich überrede sie, ohne mich loszufahren.

Wenn man ständig gesagt bekommt, dass man gesund ist, fängt man an zu glauben, dass man sich das alles nur einbildet. Ein Hirngespinnst, das nicht will, dass ich Spaß habe. Erst viel später erfahre ich, dass es einen Zusammenhang zwischen der Pizza und den Schmerzen gibt.

Der Arzt verschreibt mir Krankengymnastik, schickt mich zum Orthopäden. Irgendwelche Fehlstellungen werden diagnostiziert. Ich mache einfach zu wenig Sport, wird mir gesagt. Ich bekomme Einlagen für meine Schuhe, kaufe mir eine neue Matratze für mein Bett - nichts hilft.

Vier verdammte Jahre

Vier Jahre geht das so. Manchmal habe ich einen Monat Ruhe, manchmal kommt der Schmerz mehrmals die Woche. Weil ich weiß, dass die Attacken immer nur Minuten dauern, traue ich mich nicht, den Krankenwagen zu rufen. In der Zwischenzeit bin ich zum Studieren ins Ausland gezogen, gehe aber immer zu meinem vertrauten Arzt in der Heimat, wenn ich meine Eltern besuche. Im Ausland traue ich mir keinen Arzt-, geschweige denn Krankenhausbesuch zu. Außerdem glaube ich meinem Hausarzt und gehe davon aus, dass ich nur Rückenschmerzen habe. Vielleicht bin ich einfach nur zu wehleidig, denke ich.

Als ich mich irgendwann aus Angst vor den Schmerzen nicht mehr traue, das Haus zu verlassen, reicht es mir. Von Freunden bekomme ich die Empfehlung, mal zu einem Osteopathen zu gehen. Mir ist mittlerweile alles recht. Hauptsache, diese Schmerzen verschwinden. Also gehe ich hin. Ich bin skeptisch gegenüber alternativer Medizin, fühle mich komisch, als der Osteopath seine Hände auf meinen Körper legt. Muss ich jetzt irgendwas spüren oder so? Aber der Osteopath ist der Erste, der eine richtige Anamnese macht, sich für mich Zeit nimmt. Ich erzähle ihm von den Schmerzen, dem Erbrechen, der "Diagnose" meines Hausarztes. Er ist sich schnell sicher, dass mein Problem von den Organen kommt und nicht aus dem Rücken.

Endlich!

Beim nächsten Besuch bei meinem Hausarzt bestehe ich darauf, dass er meine Organe abcheckt. Und dann kam der Moment, der alles verändert hat. Beim Ultraschall wird sofort klar: Meine Gallenblase ist bis obenhin voll mit Steinen. Diagnose: Gallenkoliken. Mein Arzt findet das komisch, ich sei schließlich noch so jung und nicht übergewichtig. Und ich bin einfach nur glücklich. ENDLICH!

Die Wut, dass der Arzt mir Jahre lang eingeredet hat, ich hätte Rückenprobleme, kommt erst später. Diese einfache Untersuchung hätte mir vier Jahre Schmerzen ersparen können. In dem Krankenhaus, in dem ich operiert werde, können sie die Geschichte kaum glauben. Gallensteine würden heutzutage öfter auch bei jungen, schlanken Frauen, sogar Kindern auftreten und seien einfach zu diagnostizieren. Trotzdem bin ich froh, dass man alles einfach rausschneiden kann. 

Seitdem lebe ich ohne Gallenblase. Sie wird zur Fettverdauung im Darm gebraucht. Deshalb treten die Schmerzen auch immer beim Verzehr von fettigem Essen auf (das man natürlich gerne an besonderen Tagen isst). Man kann aber ganz gut auch ohne sie leben. Meine Gallenblase war voll mit sehr kleinen Steinen. So voll, dass der Assistenzarzt sie bei der Voruntersuchung im Krankenhaus zuerst gar nicht gefunden hat, weil sie auf dem Ultraschall anders aussah als gewöhnlich. Diese kleinen Steinchen zwängen sich gern durch die Gallengänge und verursachen die Gallenkoliken, also sehr starke Schmerzen. Die Mutter einer Freundin hatte auch Gallensteine und einmal (!) eine Kolik. Lieber hätte sie fünf weitere Kinder geboren als noch einmal diese Schmerzen zu ertragen, sagte sie. Und ich hab das vier Jahre lang mitgemacht, weil mein Arzt meine Schmerzen nicht ernstgenommen hat.

In der Praxis meines Hausarztes war ich nach der Operation nur noch einmal, zum Fädenziehen. Gern hätte ich ihm so richtig die Meinung gesagt. Ihm gesagt, wie ohnmächtig man sich als junge Frau fühlt, wenn einem eingeredet wird, dass alles in Ordnung ist. Dass das alles nur psychisch ist. Irgendwann habe ich das ja auch selbst geglaubt.

Nach der Diagnose bekam ich von ihm übrigens doch stärkere Schmerzmittel. Er musste das Übel wohl erst mit eigenen Augen gesehen haben, damit er mir glaubt, dass die Schmerzen so nicht zu ertragen sind.

So viel Wut

Während ich meine Geschichte aufschreibe, kommen mir an manchen Stellen fast die Tränen, so wütend bin ich immer noch. Ich habe meinem Hausarzt vertraut.

Da ist aber auch Wut auf mich selbst. Weil ich nicht auf meine Eltern gehört habe, die mich ins Krankenhaus schicken wollten. Weil ich mir erst so spät eine zweite Meinung eingeholt habe. Weil ich meinem eigenen Körper nicht vertraut habe.

Außer Erinnerungen an schmerzhafte Tage sind bei mir keine bleibenden Schäden entstanden. Am Ende wurde alles gut. Aber ich rate jedem, sich eine zweite Meinung zu holen und vor allem, auf sein Gefühl zu hören.

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