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Fehldiagnose psychisches Leiden: Was "der deutsche Dr. House" Patienten rät

Wenn sie nicht weiterwissen, stellen Ärzte gern die Diagnose psychosomatisches Leiden. Doch das stimmt nicht immer. Jürgen Schäfer von der Uniklinik Marburg kümmert sich mit seinem Team um kniffelige Fälle. Im Interview verrät "der deutsche Dr. House" warum die Seele nicht immer schuld ist.

Von Nina Poelchau

Jürgen Schäfer von der Uniklinik Marburg

Mit seinem Team sucht Jürgen Schäfer von der Uniklinik Marburg bei rätselhaften Symptomen nach den wahren Ursachen

"Der deutsche Dr. House", so lautet der Spitzname von Jürgen Schäfer von der Uniklinik Marburg. Genau wie der gleichnamige Arzt in der US-Serie hat sich der 60-Jährige der Aufgabe verschrieben, medizinische Rätsel zu lösen und mit seinem Team nach der richtigen Diagnose zu fahnden. 2008 hat Schäfer, der das "Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen" leitet, damit begonnen, Vorlesungen über kniffelige medizinische Fälle zu halten.

Mittlerweile hat der Arzt, der selbst Kardiologe, Internist, Endokrinologe und Intensivmediziner ist, ein interdisziplinäres Team am Uniklinikum Marburg zusammengestellt, das sich einmal in der Woche trifft, um sich schwierigen Fällen zu widmen. Die Kollegen investieren dafür auch ihre Freizeit. Oft lösen sie mit fast kriminalistischer Energie ein Rätsel - und verhelfen Patienten, die zuvor als Psychosomatiker, als Hypochonder oder seelisch krank galten, zur richtigen Diagnose.     

Mal sorgte ein unentdecktes Schilddrüsenproblem in Wahrheit für die Probleme, mal eine seltene Genmutation an einem Kaliumkanal und mal ein Parasit, den sich der Patient in Afrika zugezogen hatte. Im Interview mit dem stern plädiert Schäfer dafür, genau hinzusehen und die Diagnose "psychosomatisch" nicht vorschnell zu vergeben.

Herr Schäfer, was muss vor einer Diagnose "psychosomatisch" geklärt sein?
Eine Vielzahl körperlicher Erkrankungen kann sich auf die Psyche auswirken: eine Fehlfunktion der Schilddrüse, der Nebennieren oder der Nebenschilddrüse. Ebenso muskuläre Probleme, Rheuma, eine entzündliche Darmerkrankung, Parkinson, Multiple Sklerose, Morbus Addison, eine Blutarmut oder ein schwerer Vitaminmangel. Hirnerkrankungen müssen ausgeschlossen werden, Autoimmun- und Tumorerkrankungen. Auch können Medikamente Nebenwirkungen haben, die mit Depressionen einhergehen, darunter Herz- und Parkinson-Medikamente, Beruhigungsmittel, Antiepileptika, Schmerzmittel oder Hormonpräparate.

Warum gibt es hier immer wieder Mängel in der Diagnostik?
Viele Patienten, deren Symptome als psychosomatisch gelten, haben viele Ärzte kontaktiert und eine umfassende Diagnostik durchlaufen. Wichtig ist, dass ein Arzt alle Befunde bekommt und die Lücken prüft.

Zu Ihnen kommen oft Patienten, die in ihrer Nähe renommierte Unikliniken mit top ausgebildeten Ärzten haben. Warum müssen die Kranken bis nach Marburg reisen?
Wir haben hier den Vorteil, dass unser Team sich aus Vertretern verschiedener medizinischer Richtungen zusammensetzt und wir uns jeden Fall von vielen Seiten sehr genau ansehen. Und manchmal werden wir außerdem mit dem Glück der Tüchtigen belohnt. Es besteht in Deutschland ein erhebliches Versorgungsproblem für Menschen mit komplexen Erkrankungen, und wir brauchten dafür flächendeckend "Kümmererstationen" an allen Unikliniken. Das ist ein gesundheitspolitisches Problem, das viel zu wenig Beachtung findet. 

Jürgen Schäfer hat auch ein Buch zum Thema geschrieben: Der Krankheitsermittler, erhältlich im Droemer-Knaur-Verlag.


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