HOME

Umgang mit Schuldgefühlen: Das schlechte Gewissen ist dein ständiger Begleiter? Was du dagegen tun kannst

Zu viel Alkohol getrunken, schon drei Mal geflogen dieses Jahr, den Partner belogen: Gründe für ein schlechtes Gewissen gibt es wie Sand am Meer. Woher kommt das Gefühl, warum machen wir manche Dinge trotzdem – und können wir etwas dagegen tun? Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen.

Von Sara Tavakoli

Mann sitzt auf einem Sessel und hat eine Hand über das Gesicht.

Date versetzt oder Partner belogen? Gründe für ein schlechtes Gewissen gibt es viele. 

Unsplash

Gestern bin ich um 7 Uhr morgens aufgestanden und habe meinen ganzen Tag akribisch durchgeplant, um alles auf meiner To-Do-Liste abarbeiten zu können. Gegen 13 Uhr habe ich gemerkt, dass mein Plan viel zu optimistisch ist und die Verabredung zum Kaffee nachmittags eigentlich nicht länger als 27 Minuten dauern darf, wenn ich noch die anderen Punkte auf meiner Liste schaffen will. Mein Nachmittagsdate hätte es zwar verstanden – abgesagt habe ich trotzdem nicht. Warum? Wegen meines schlechten Gewissens. Schließlich stand die Verabredung doch schon so lange.

Perfektion als Ursache für ein schlechtes Gewissen?

Wieso hatte ich also ein schlechtes Gewissen bekommen, auch wenn ich eigentlich keinen richtigen Fehler gemacht hab? Ich würde ja schließlich nicht einfach nicht zur Verabredung erscheinen, sondern rechtzeitig absagen. Manche kennen dieses Gefühl auch daher, dass sie ihren Job wechseln oder aus der WG mit Freunden ausziehen – einfach, weil sie Lust auf etwas Neues haben. Aber irgendwie haben sie dabei ein schlechtes Gewissen. 

Dr. Doris Wolf ist Psychotherapeutin, Autorin und Expertin auf diesem Gebiet. NEON hat bei ihr nachgefragt, warum wir in solchen Situationen ein schlechtes Gewissen bekommen. Warum fühlen wir uns schlecht, auch wenn wir nicht zwingend etwas falsch gemacht haben? Sie sagt, dass dies damit zusammenhängen kann, dass wir uns manchmal nicht erlauben, einen Wunsch zu erfüllen und "egoistisch" zu handeln. Oder weil wir eine gewisse Perfektion von uns selbst einfordern und Schuldgefühle haben, weil wir denken, dass wir etwas nicht tun dürfen oder hätten tun sollen. So ging es mir zumindest mit meinem Kaffeedate: Ich hatte meine Zeit schlecht kalkuliert, also konnte ich es mir auch nicht erlauben, abzusagen. 

Dr. Doris Wolf: Wenn Schuldgefühle zur Qual werden. Selbstvorwürfe ablegen und sich verzeihen lernen. PAL Verlag, München. 

Dr. Doris Wolf: Wenn Schuldgefühle zur Qual werden. Selbstvorwürfe ablegen und sich verzeihen lernen. PAL Verlag, München. 

Das schlechte Gewissen erzeugen wir also selbst. "Dabei orientieren wir uns an moralischen Werten und Regeln, die wir gewöhnlich in der Kindheit verinnerlichen", so Dr. Wolf. "Versprochen ist versprochen", mussten sich meine Eltern bestimmt täglich von mir anhören.

Vom Selbstwertgefühl und Schuldgefühlen

Wie stark das schlechte Gewissen ausfällt, ist von Person zu Person unterschiedlich und hängt natürlich auch damit zusammen, was man gemacht hat. Psychopathen und Narzissten haben kaum ein schlechtes Gewissen und suchen die Schuld immer bei anderen anstatt bei sich selbst. Aber auch von unserem Selbstwertgefühl kann das schlechte Gewissen abhängen. Dr. Wolf beschreibt zum Beispiel Menschen, die ein geringes Selbstwertgefühl haben, eher als "anfällig“ für ein schlechtes Gewissen, da sie sich von der Anerkennung von anderen abhängig machen. 

Eine Verabredung abzusagen und vielleicht Angst zu haben, dass sich die Person beim nächsten Mal nicht mehr meldet, ist natürlich nicht der einzige Grund für ein schlechtes Gewissen. Es gibt genug Momente, in denen wir wirklich Fehler machen und Freunde oder Familie mit unseren Handlungen kränken. Wir verurteilen das eigene Verhalten, haben Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen. Manchmal ist das nötig, um bestimmte Dinge nicht zu wiederholen. Manchmal aber machen wir Dinge immer und immer wieder, obwohl wir wissen, dass wir danach ein schlechtes Gewissen haben werden. 

Laut Dr. Wolf lenken wir unseren Blick in solchen Situationen auf die unmittelbare Belohnung anstatt auf die langfristige Konsequenz. Wenn man also jemanden anlügt oder betrügt, denkt man in dem Moment wahrscheinlich nur daran, wie viel Spaß man haben kann. Dass man am nächsten Morgen von Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen geplagt wird, blendet man erst mal aus.

Schlechtes Gewissen: Was kannst du tun?

Völlig unabhängig davon, ob du nun Perfektionist bist, an deinem Selbstwertgefühl arbeiten musst oder einen gravierenden Fehler gemacht hast – das nächste Mal, wenn du dir selbst Vorwürfe machst und dich ein schlechtes Gewissen quält, können dir die Tipps von Dr. Wolf helfen: "Einen Gedankenstopp einsetzen, statt dich mit Selbstvorwürfen zu geißeln und überlegen, wie man es in Zukunft besser machen oder wieder gutmachen kann. Wir müssen lernen, das Verhalten von unserer Person zu trennen: Wir werden immer Fehler machen, aber sind deshalb keine verurteilenswerten Menschen". Fehler macht schließlich jeder. 

Partnerschaft: 4 untrügliche Zeichen, dass deine Beziehung sich dem Ende nähert